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Mittwoch, 16.03.2016

Ein kalter Wind weht durchs Land

Die jüngsten Wahlergebnisse zeigen: Hass und Verachtung erschüttern die Grundfesten der deutschen Gesellschaft. Und die Mehrheit schweigt.

Von Eric Hattke

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Bei unruhigem Wetter verlieren manche Menschen schnell den Boden unter den Füßen. Auch den Boden der Zivilisation.
Bei unruhigem Wetter verlieren manche Menschen schnell den Boden unter den Füßen. Auch den Boden der Zivilisation.

© action press

  • Bei unruhigem Wetter verlieren manche Menschen schnell den Boden unter den Füßen. Auch den Boden der Zivilisation.
    Bei unruhigem Wetter verlieren manche Menschen schnell den Boden unter den Füßen. Auch den Boden der Zivilisation.
  • Eric Hattke (24) studiert Philosophie und Geschichte an der TU Dresden. Seit Ende 2014 ist er Sprecher des Netzwerkes „Dresden für Alle“ und hat mehrere Projekte für und mit Flüchtlingen durchgeführt.
    Eric Hattke (24) studiert Philosophie und Geschichte an der TU Dresden. Seit Ende 2014 ist er Sprecher des Netzwerkes „Dresden für Alle“ und hat mehrere Projekte für und mit Flüchtlingen durchgeführt.

Der Wind weht. Und die Richtung, aus der er weht, ist unser dunkelstes Geschichtskapitel. Eines, das wir in unserer neuen, besseren Gesellschaft nur zu gern als abgeschlossen betrachtet hätten. Die Ereignisse der letzten Monate haben etwas offenbart, das immer noch da war und nur schlummerte. Der fruchtbare Schoß des Nationalen, des Überhöhens über andere, des Hasses, der Verachtung, der Verrohung. Der Wind weht, und was er mit sich bringt, erschüttert die Grundfesten unserer Gesellschaft.

Meine Generation der Mitte-Zwanzigjährigen könnte sich als Glücksgeneration bezeichnen. Unbeschadet von der früheren Teilung des Landes und der Diktatur der DDR sind wir in einer Zeit des bis dahin unbekannten Wohlstandes und der Sorglosigkeit aufgewachsen. Eine Zeit der Maßlosigkeit, eine Zeit, die keine Grenzen zu haben schien, in der uns vor lauter Möglichkeiten die Entscheidungen immer schwerer fielen. Und eine Zeit von Frieden, Freiheit, Sicherheit. Die Zukunft schien vollgestopft mit guten Versprechen, ein herrlicher Sommertag, der nie enden sollte.

Und jetzt? Alles scheint der Maxime der Wirtschaftlichkeit zu unterstehen. Dadurch mischt sich das Gefühl von Einsamkeit, Herabsetzung und Ersetzbarkeit in die euphorische Stimmung des Marktes der unerschöpflichen Möglichkeiten. Nicht nur der Wohlstand ist in den letzten Jahren mehr geworden. Auch die soziale Kälte, die Achtlosigkeit gegenüber anderen durch den Egoismus und die Selbstbezogenheit auf das eigene kleine Umfeld. Genau in dieser Situation aus Wohlstand, dessen ungleicher Verteilung und zunehmender sozialer Isolation kommen Tausende Menschen zu uns. Menschen, für die solche Probleme reinen Luxus darstellen. Die gegen ganz andere Winde um ihr Leben zu kämpfen haben. Für sich, für ihre Angehörigen und für ihre kommenden Generationen.

Die Bemerkung, dass nicht alle Opfer von Kriegen sind oder nicht alle, die in unser Land kommen, automatisch unsere Gesetze achten, scheint unnötig. Dennoch ist sie mittlerweile unumgänglich geworden, will man in der jetzigen aufgeheizten Debatte nicht automatisch den Stempel des blauäugigen Naivlings tragen oder gar des „Volksverräters“ oder „Volksschädlings“. Denn diese Stempel verpasst zu bekommen, bedeutet Gefahr. Gefahr für das eigene Leben, für die Familie und Freunde.

Der Wind ist aggressiv, zerstörerisch und nur noch wenig vom Schlimmsten entfernt: der Enthemmung. Der völlig unkontrollierten Vernichtung von allem, was sich ihm in den Weg stellt. In öffentlichen Debatten, an Familientischen, in Büros, in Kneipen und auf der Straße fallen wieder ungeniert Sätze und Parolen, über die unsere Gesellschaft noch unlängst verächtlich die Nase gerümpft hätte. Jetzt macht Sie es freilich auch noch. Nur viel leiser, unverdächtiger. Immerhin konnte man anhand von vielen Beispielen sehen, was passiert, wenn man sich durch eine andere Meinung freiwillig eine Zielscheibe auf die Brust malt.

Der Wind scheint die Wärme in den Herzen vertrieben zu haben. Ein Dresdner aus Mosambik erzählt in der vollen Kreuzkirche von der Angst seiner ausländischen Freunde und erntet dafür Hohn und Spott. Gelächter, das Raunen unzufriedener Menschen, die etwas hörten, was sie nicht hören wollten, Rufe wie „Propaganda, Propaganda!“ erschallen im Haus der Nächstenliebe. Der Rest schweigt. Schaut bekümmert zu Boden und ist starr vor Fassungslosigkeit über die stattfindenden Ereignisse. Eine reale Szene exemplarisch für ein ganzes Land. Aber vor allem exemplarisch für Sachsen, für Dresden. In keiner anderen Stadt scheint die Ratlosigkeit und die Untätigkeit gegenüber des immer stärker werdenden Hasses so groß zu sein wie hier.

Natürlich gibt es auch jene vielen, die etwas tun. Unzählige Helfer unterstützen die ankommenden Menschen und sind damit, jeder einzelne in seiner Tätigkeit, ein rettender Leuchtturm. Aber nur wenige stellen sich dem Hass öffentlich entgegen, und die Verantwortungsträger unserer Gesellschaft hüllten sich lange in wohliges Schweigen. Stellen wir uns ein System, in dem Menschen leben, als riesiges Getriebe vor. Unzählige Räder, die ineinandergreifen, sich unterstützen, fördern, aber auch manchmal behindern und blockieren. In einer stabilen Gesellschaft läuft das Getriebe trotz gewisser Dissonanzen.

In Sachsen weht der Wind in diesen Tagen nicht nur Sand in die Augen seiner Bürger, sondern auch in ein bis dahin behäbiges Getriebe. Es ist der Schlafsand der Genügsamkeit, des Abwartens, der Unbekümmertheit, des Aussitzens, der Empathielosigkeit. Dessen leises Rieseln verspricht Ruhe, Unbeschadetheit und nur zu gern ließ man sich davon einhüllen. Wenn schockierte Historiker eines Tages Bücher über diese Zeit schreiben und sich fragen, wie es nur möglich war, dass unsere Gesellschaft verrohte und Menschen Gehör fanden, die zuweilen nicht nur hasserfüllte, sondern schlichtweg falsche und dumme Kommentare von sich gaben, wird dieser Sand einen Großteil der Antwort einnehmen.

Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen das scheinbar alles erlaubende Mantra der berechtigten Ängste vor sich her tragen. Schild und Schwert zugleich. Dabei sind es nicht die Ängste oder Sorgen, die zu verurteilen sind. Der jetzige Wandel unserer Gesellschaft ist wohl der gewichtigste der letzten 25 Jahre. Die Frage ist nur: Wohin führt er uns? Wir verhandeln hier und heute nicht die Nutzung einer Turnhalle oder eines Hotels, sondern unsere demokratische Art des Zusammenlebens.

Wenn der Wind bedrohlich weht, gibt es drei Möglichkeiten, wie man damit umgehen kann. Man kann sich auf den Bauch legen, weniger Angriffsfläche bieten und hoffen, dass er bald vorbeizieht. Man kann sich auch umdrehen und sich vom Wind treiben lassen. Oder man läuft weiter, trotzt dem Wind und den Gefahren, die damit verbunden sind. Nun entwickelt sich ein eisiger europäischer Sturm, der genau das zu vernichten droht, worum uns der Großteil der Welt beneidet: Stabilität, Freiheit, Humanität. Wir sind dabei, unsere Würde zu verspielen, unseren Anstand und Respekt zu verlieren. Es geht nicht nur um die Menschen, die zu uns kommen. Es geht auch um uns. Lassen wir dem Hass freien Lauf, degradieren wir uns selbst, berauben uns unserer Würde und hinterlassen ein Schwarzes Loch. Und dieses Schwarze Loch einer herzlosen Gesellschaft, eisig geworden gegenüber dem Leid eines Fremden, wird auch herzlos gegen sich selbst. Es zerstört alles Wertvolle, was hart erarbeitet wurde. Vielleicht hat uns gerade unser Wohlstand, unser nie enden wollender Sommertag, dahin geführt. Wer zu lange in die Sonne blickt, wird blind.

Was also kann getan werden? Die Politik in Sachsen muss ihren Mut und ihre Rolle als Vorbild für eine offene und demokratische Gesellschaft wiederfinden. Einzelne Beispiele, die das schon tun, sind leider eher Ausnahme als Regel. Die Verantwortungsträger müssen mit der aktiven Zivilgesellschaft besser zusammenarbeiten. Konstruktive Kritik sollte als Chance zur positiven Veränderung verstanden werden, nicht als Behinderung. Es braucht mehr Mittel für Sicherheit und Integration. Mehr Polizei, Lehrer, Sozialarbeiter, mehr politische Bildung und mehr Unterstützung von Organisationen, die schon seit Monaten staatliche Versorgungslücken schließen. Besonders schädlich für das Bewältigen der Herausforderung ist das immer wiederkehrende Heraufbeschwören der eigenen Überforderung. Dieses selbstbezogene Mitleid, das eines vergessen lässt: Die Fluchtkrise ist vor allem eine Krise für die geflüchteten Menschen. Oft kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass manch einer das komplette Scheitern herbeisehnt, um danach vollmundig verkünden zu können, er habe es schon immer gewusst. Eine selbst erfüllende Prophezeiung, die gefährlich werden könnte. Es braucht Mut, mehr Austausch und deutliche Taten, die eine Zusammenarbeit von Staat und Zivilgesellschaft nicht nur vermuten lassen, sondern sie unmissverständlich an konkreten Projekten aufzeigen.

Bisher machten Polizei und Justiz bei der Aufklärung und Verfolgung von rechts motivierten Straftaten keine gute Figur – das muss sich ändern. Und natürlich muss die Zivilgesellschaft in Sachsen, vor allem in Dresden, zu einem Selbstbewusstsein finden, das Veränderungen nicht reflexartig ablehnt, sondern als Chancen und Möglichkeiten für ein neues Miteinander anerkennt. Dazu gehört, seine Meinung zu sagen, Haltung zu zeigen und bei Wahlen denjenigen Parteien seine Stimme zu geben, die die demokratischen Spielregeln nicht verletzen.

Die jüngsten Wahlergebnisse geben uns einen bitteren Vorgeschmack auf das, was kommen könnte. Länder wie Polen und Ungarn werfen einen langen Schatten auf Europa, der mit den vergangenen Landtagswahlen noch einmal größer geworden ist. Allein der Fingerzeig auf andere wird aber nicht mehr reichen. Wenn wir als Gesellschaft, natürlich eingeschlossen Politik und Medien, nicht ehrlich und öffentlich unser Handeln reflektieren, werden sich Frustration und Angst immer weiter ausbreiten. Blinder Gehorsam und Hass gedeihen auf diesem Boden besonders gut.

Die Grundpfeiler unserer Demokratie wie Respekt, Achtung und die Unverletzbarkeit der Würde jedes Menschen dürfen keine Lippenbekenntnisse mehr sein. Sie müssen im Alltag gelebt werden. Der Baum der deutschen Demokratie ist langsam gewachsen, er könnte schnell wieder fallen. Der Wind zieht an seinen Blättern und Ästen. Die Wurzeln krallen sich in die Erde, noch halten sie den verführerischen Winden stand, die von einfachen Lösungen säuseln. Die Frage, die sich jeder stellen sollte, lautet: Bin ich eine Wurzel oder der Wind?

Unser Autor: Eric Hattke (24) studiert Philosophie und Geschichte an der TU Dresden. Seit Ende 2014 ist er Sprecher des Netzwerkes „Dresden für Alle“ und hat mehrere Projekte für und mit Flüchtlingen durchgeführt.

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die zur Diskussion anregen sollen.