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Freitag, 20.05.2016

Ein Hauch von Welt in Klingenberg

Ehrenämtler haben für 38 Flüchtlinge einen Deutschkurs organisiert. Doch bald werden es mehr. Dann fehlen Lehrer.

Von Jane Jannke

Zum Lernen ist niemand zu jung oder zu alt. Sophia Reuther (links) beim Unterricht mit einer irakisch-kurdischen Familie und zwei jungen Pakistani. Ihre Schüler, darunter die vierjährige Malak, sind voll bei der Sache – und haben Ambitionen: Ahmad (vorn rechts) will gern zur Presse.
Zum Lernen ist niemand zu jung oder zu alt. Sophia Reuther (links) beim Unterricht mit einer irakisch-kurdischen Familie und zwei jungen Pakistani. Ihre Schüler, darunter die vierjährige Malak, sind voll bei der Sache – und haben Ambitionen: Ahmad (vorn rechts) will gern zur Presse.

© Karl-Ludwig Oberthür

Klingenberg. Es ist halb sechs, ein frühsommerlich warmer Abend. Das Leben auf den Straßen Pretzschendorfs schläft langsam ein. Nur vor dem Pfarrhaus fällt das rege Kommen und Gehen auf. Es ist Montag – Zeit für den Unterricht. Doch die Schüler, die hier herkommen, gehen in keine gewöhnliche Schule. Einige haben das schulpflichtige Alter sogar längst überschritten – oder es noch nicht mal erreicht. Wie die vierjährige Malak. Doch lernen, das kann auch Malak nicht schaden, finden ihre Eltern Suham und Jaber. Lernen müssen sie alle, wenn sie hier die Zukunft finden wollen, die sich die meisten von ihnen erhoffen. Dass sie es auch können, ist dem Einsatz von Menschen wie Sophia Reuther und Sabine Henkel aus Höckendorf zu danken. Beide sind im Klingenberger Netzwerk Asyl aktiv und geben in ihrer Freizeit einmal pro Woche Deutschunterricht.

Zeit zum Anfangen! Ein Dutzend Menschen strömt lachend und schwatzend ins Pfarrhaus. Ihr Teint ist ein paar Nuancen dunkler als der hiesige, die Haare schwarz, die Frauen und Mädchen tragen Kopftuch. „Die“, so würde selbst ein Kind erkennen, sind nicht „von hier“. Es sind Flüchtlinge, aus dem Irak, aus Afghanistan, aus Pakistan. Nun leben sie hier, im verschlafenen Pretzschendorf, aber auch in Klingenberg. Einige, wie die zehn Mitglieder einer afghanischen Familie, sind schon einige Monate in Deutschland. Andere, wie Ahmad und Saud aus Pakistan, oder auch die irakisch-kurdische Familie der kleinen Malak, sind gerade erst angekommen. Zum dritten Mal sitzen sie heute in der „Klasse“ von Sophia Reuther. Die 28-Jährige leitet die AG Sprache des Netzwerkes Asyl. Heute werden die Sinnesorgane wiederholt. Reuther zeigt auf Augen, Mund und Ohren und fragt mit erwartungsvoller Stimme in die Runde: „Na, wer weiß, wie das heißt?“ Und ihre Schützlinge zeigen, was sie bereits gelernt haben – für die kurze Zeit, die sie erst am Deutschkurs teilnehmen, scheint das viel.

Derweil wird nebenan mit den „Fortgeschrittenen“ schon Konversation betrieben. Die Schüler, Geschwister aus Afghanistan vom Grundschulalter bis zum jungen Erwachsenen, sind erstaunlich weit. Welches Datum ist heute? Kein Problem für Sara, Munija und Mohammed. Wie spät es ist, weiß Khan, und Mahdi erzählt freimütig, dass er am Wochenende Fußball spielen war. Fehlerhafte Grammatik korrigiert die Lehrerin sofort. Es sind vor allem einfache Sätze aus dem täglichen Leben, die geübt werden. Die Mädchen und Jungen, die teilweise sogenannte Daz-Klassen (Deutsch als Zweitsprache) in Schulen besuchen, sollen fit werden für den Alltag.

Unterrichtet haben weder Sophia Reuther noch Sabine Henkel zuvor. Reuther arbeitet beruflich mit Kindern, Sabine Henkel ist Sachbearbeiterin. Überlegt haben beide trotzdem nicht lange, als im Frühjahr 2015 in der ersten Inforunde zum Thema Asyl dazu aufgerufen wurde, sich in der Integrationsarbeit zu engagieren. Damals wurde klar, dass viele Flüchtlinge nach Klingenberg kommen würden. „Viele trauen sich nicht zu, Deutsch lehren zu können“, sagt die junge Frau. „Aber so schwer ist es gar nicht. Der Anspruch ist ja nicht, dass die Leute nach einem Jahr perfekt Deutsch können müssen. Sie sollen ein Gefühl für unsere Mentalität bekommen und sich verständigen können.“ Drei bis vier Stunden widmet sie pro Woche der Flüchtlingsarbeit – verkraftbar.

„Wir brauchen Hilfe!“

Die Deutschkurse im Pfarramt gibt es erst seit März, nachdem die ersten Flüchtlinge die Gemeinde Klingenberg erreichten. Mittlerweile leben im Wohngebiet am „Sachsenhof“ in Klingenberg 20 geflüchtete Menschen, in Pretzschendorf sind es weitere 18. Vier ehrenamtliche Deutschlehrer kümmern sich derzeit um konstant etwa 20 Kursteilnehmer. Doch bei diesen moderaten Zahlen wird es voraussichtlich nicht bleiben. Bis zu 300 weitere Asylbewerber könnten in nächster Zeit dazukommen, wenn das Hochhaus im Klingenberger Gewerbepark fertig ist. Das Landratsamt will frühestens ab Ende Mai mit der Belegung beginnen. Mit der überraschenden schrittweisen Räumung des Leonardo-Hotels in Freital, die dieser Tage anläuft, könnten auch Flüchtlinge von dort nach Klingenberg umziehen. Das Landratsamt wollte dies auf Anfrage nicht ausschließen.

„Wenn wirklich so viele kommen, brauchen wir dringend Hilfe“, sagt Sophia Reuther, denn Integration sei alles und auch im Interesse der Bürger. Trotzdem wolle man Ruhe bewahren. „Anfangs haben wir uns unnötig heißgemacht, jetzt lassen wir alles auf uns zukommen.“ Die Netzwerkarbeit habe sich gut eingespielt, dafür, dass keiner der Aktiven Erfahrung in der Integrationsarbeit hat. Das habe sie sich viel schwieriger vorgestellt, sagt Reuther.

Eventuell will man künftig in Klingenberg noch einen weiteren Raum für Deutschkurse auftun. Doch ein Problem bliebe: Es bräuchte noch mehr Lehrer. Sophia Reuther will weitere Klingenberger ermutigen, sich zu trauen. „Mir macht diese Arbeit Riesenspaß, und die Flüchtlinge sind uns so dankbar dafür.“ Gerade für die Dörfer sei der Zuzug junger Menschen ein Geschenk. Und mit den Fremden, so findet Sophia Reuther, kommt auch ein wenig mehr von der Welt ins Erzgebirge.