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Freitag, 25.11.2016 22:00 Uhr

Ein Fisch fürs Rotkäppchen

Gegen 18 Uhr hat Torsten Kaiser eine Torte vor sich. Die ist dreistöckig und sieht lecker aus, wie es sich für eine richtige Hochzeitstorte gehört. Kosten wird der Leiter der Requisite am Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen davon aber nicht. Statt Buttercreme und Sahne besteht die Torte aus buntbemaltem Sperrholz. Zu sehen ist sie in „Rotkäppchen oder vom Wolf, der nicht fressen wollte“, dem diesjährigen Weihnachtsmärchen. Was es mit der Torte auf sich hat, soll nicht verraten werden. Nur so viel: Jäger Franzl will seinen Hund Amadeus zum Wolf erziehen. Dieser soll Rotkäppchen und Großmutter Liesel fressen, damit der Jäger sie aus dem Bauch retten und als Held dastehen kann. Doch es kommt ganz anders in dem Märchen von Angela Khuon-Siefert und ihrer witzigen Persiflage auf das Original. Am 12. November war Premiere.

Eine Stunde bevor die Scheinwerfer zur Vorstellung angehen, muss alles auf und neben der Bühne bereit sein. „Jedes Stück hat seinen ganz bestimmten Platz, muss griffbereit für die Schauspieler sein“, sagt Jeannine Bielß. Eine halbe Stunde zuvor hat sie den Requisitewagen vorbereitet, wo die Torte steht, diverse Blumen für den Hund, eine Farbpalette samt Pinsel für die Oma und andere Utensilien bereit liegen. Neben den Hochstand hat sie für den Jäger Rucksack und Holzgewehr hingestellt.

Seit einem halben Jahr liefen die Vorbereitungen auf das neue Stück. In der Regel ab sechs Wochen vor der Premiere sind die Mitarbeiter der Requisite einbezogen. Einen Teil der Dinge, die gebraucht werden, lesen sie selbst aus dem Textbuch heraus. Dann folgen genauere Anweisungen von der Regie und dem Bühnenbildner. Außerdem wird bei jeder Probe aktualisiert. So ist der zunächst vorgesehene Hirschkopf aus Plüsch in der Endfassung nicht mehr dabei. „Manches steht von Anfang an fest, wenn es extra von irgendwoher besorgt werden muss“, erklärt Torsten Kaiser. Anderes wird in den Theaterwerkstätten angefertigt. Das meiste aber stammt aus dem Fundus. Der ist riesig und sieht beinahe aus wie Willi Schwabes Rumpelkammer. Eine Unmenge an Tellern und anderem Geschirr, Taschen, 120 Schirme, schon fast historische Kinder- und Handwagen, Fahrräder oder was man sonst noch so am Theater braucht, lagert in drei großen Räumen. Feuerwaffen und Schwerter sind in einer Waffenkammer verstaut. Für sie gelten besondere Sicherheitsvorschriften, ebenso wie für die Pyrotechnik. Torsten Kaiser musste dafür extra einen Berechtigungsschein machen.

Bei „Anna Karenina“ sei es „eine richtige Requisitenschlacht“ gewesen, sagt er. Da hätten seine Mitarbeiter vor jeder Vorstellung zweieinhalb Stunden mit dem Aufbau zu tun gehabt. Beim Weihnachtsmärchen geht es da beschaulicher zu. Die Dekoration ist spartanisch, besteht aus Säulen und bunten Tüchern, die in den Werkstätten des Theaters gefertigt wurden. Auch die Requisiten sind so zahlreich nicht. Was aber nicht bedeutet, dass es bei Rotkäppchen und dem Wolf langweilig zugeht. Die Zuschauer dürfen auf Überraschungen gefasst sein.

Torsten Kaiser ist von Hause aus Kfz-Meister, am Zittauer Theater half er ehrenamtlich in der Requisite. Seit vier Jahren ist er am Bautzener Theater verantwortlich dafür. Die Vielfältigkeit ist es, die er an seiner Arbeit mag. „Es macht Spaß, wenn man basteln und tüfteln muss“, sagt er. Zuständig sind die Requisiteure für alles, was man in die Hand nehmen kann und kleiner als ein Stuhl ist. „Von alltäglichen Gegenständen bis zu ausgefallenen Dingen wie einem Dildo aus Holz“, erzählt er schmunzelnd. Er selbst kommt aus dem Metallbereich, Lothar Nöldner aus der Holzbearbeitung, Jeannine Bielß ist ursprünglich Restauratorin und Wladyslav Wnuszynski ist Schneider. Damit ergänzen sich die Requisiteure bestens. 8 Uhr beginnt ihr Arbeitstag. An der Vorbereitung der Utensilien für ein neues Stücks arbeiten sie alle vier, für die Betreuung während der Vorstellung am Abend ist dann jeweils nur einer eingeteilt. Sobald der Applaus durch ist, beginnt neben der Bühne das Aufräumen. Denn nur selten wird das gleiche Stück an zwei Tagen hintereinander gespielt. Aufgeregt vor einer Premiere ist Torsten Kaiser nicht. Herzklopfen hat er da schon eher vor der Generalprobe, die hausintern allen Mitarbeiter offensteht. Jeannine Bielß, die erst seit einem Jahr dabei ist, findet zwar die Generalprobe spannend, sie wird aber jedes Mal von der Aufregung der Schauspieler vor der Premiere angesteckt. Constanze Knappe

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