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Samstag, 29.01.2011

Ein fast normales Genie

Mit 19 hat Sebastian Weingärtner mal eben parallel zum Abitur noch ein Studium absolviert. Doch das ist ihm noch lange nicht genug.

Von Angelika Röpcke, Würzburg

Außenseiter, Überflieger, hochbegabt – diese Begriffe will Sebastian Weingärtner über sich nicht lesen. Klar sei es außergewöhnlich, mit 19 schon Abi und Unidiplom in der Tasche zu haben. Aber seine Fähigkeiten lägen nur im Kognitiven. „Ich bin nicht anders als andere. Ich bin zum Beispiel nicht so der praktische Typ. Ein Regal zusammenzubauen, kriege ich noch hin, Kochen ist aber nicht so meine Stärke.“ Daher wolle er auch nicht als hochbegabt bezeichnet werden. Seinen IQ will der 19-Jährige nicht verraten, er dürfte aber jenseits der 130 liegen. „Das ist privat“, sagt Sebastian lediglich.

Am Donnerstag bekam der ehrgeizige junge Mann in Würzburg seine Universitätsurkunde für sein abgeschlossenes Informatikstudium überreicht – mit der Note 1,1. Damit ist er der Uni Würzburg zufolge der erste Schülerstudent Süddeutschlands, der noch als Gymnasiast sein Unidiplom gemacht hat. Bundesweit gesehen kam ihm nur einer zuvor: 2009 absolvierte der damals 18-jährige Felix Dietlein neben der Schule ein Mathematikstudium in Köln.

Beim Händeschütteln wirkt der schlaksige Frühstudent Sebastian noch etwas schüchtern. Er erinnert beim ersten Blick an den jungen Ashton Kutcher, US-Schauspieler und Ehemann von Demi Moore. Seine welligen, braunen Haare verdecken ab und an seine großen Kulleraugen. Sein weißes Hemd ist ein wenig zu weit geöffnet, dazu trägt er einen schwarzgrauen Rautenpulli. Ist Sebastian ein Spießer, ein Musterschüler? Im Gegenteil.

Mehrfach sei er – der „Quatschkopf“, wie er selbst sagt – in der Schule nach Albernheiten mit Freunden aus dem Klassenzimmer geflogen. „Ich habe mich im Mathematikunterricht gelangweilt“, erklärt der 19-Jährige. Aufgewachsen im Raum Bad Kissingen mit zwei älteren Geschwistern wird seinen Eltern schnell klar: Ihr jüngster Spross kann gut mit Formeln und Zahlen umgehen.

Auf dem Weg zum Doktor

Um ihn weiter zu fördern, schicken die Akademiker ihren damals 15 Jahre alten Sohn an die Uni Würzburg. Dort ist das Frühstudium für besonders begabte Schüler seit dem Wintersemester 2004/05 möglich – auch andere Hochschulen bieten es mittlerweile an. Während seine Kommilitonen allerdings täglich nach Vorlesungen und Seminaren büffeln, fährt Sebastian Mountainbike. „60 Kilometer am Stück waren es mindestens“, erzählt er, und das fast jeden Tag. Für seine Freundin bleibt neben Uni und Schule auch noch Zeit, selbst als er zusätzlich noch ein Mathematikstudium beginnt. Die Abende vertreibt sich der Frühstudent mit Filmen, vor allem vom britischen Regisseur und Ex-Madonna-Ehemann Guy Ritchie. „Snatch“, „RocknRolla“ oder den Kultfilm „Bube, Dame, König, grAs“ zählt der 19-Jährige auf – Werke um zwielichtige Geschäfte von Kleinkriminellen. Teils rabiate, aber feinsinnige Dialoge und kleine, lustige Szenen, Situationskomik.

Nach acht Semestern Informatikstudium – der Durchschnitt liegt bei elf – hat Sebastian sein Diplom in der Tasche. Demnächst folgt der Bachelor in Mathematik, „aus der Ferne“, wie er sagt. Denn mittlerweile arbeitet der 19-Jährige in Heidelberg an seiner Doktorarbeit in Medizininformatik. „Ich würde nicht sagen, dass ich nicht hochbegabt bin. Aber warum redet man zum Beispiel bei einem Handwerker, der ohne Lot eine wunderbar gerade Mauer hochziehen kann, nicht auch von hochbegabt?“ (dpa)