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Samstag, 18.03.2017

Ein einsamer Russlandversteher?

Es gefällt mir nicht, wenn die SZ Matthias Platzeck als „einsamen Russlandversteher“ bezeichnet. Huldigt sie da nicht dem Zwang, dem Zeitgeist zu entsprechen? Im Fernsehen hieß es, 81 Prozent aller Deutschen sind für normale Beziehungen mit Russland. Es ist nicht das erste Mal, dass das Volk anderer Meinung ist als seine Vertreter. MfG, G. Schiller

Sehr geehrter Herr Schiller,

zunächst hat mich wie Sie die Umfrage überrascht. Allerdings aus einem anderen Grund: Wieso sind nur 81 Prozent der Deutschen für normale Beziehungen mit Russland? Warum sollte man das denn nicht wollen? Insofern stimmen wir überein, dass sich dringend was ändern muss in den Beziehungen. Die Frage ist, wann und zu welchem Preis. Die internationale Gemeinschaft hat sich festgelegt, dass vor der Aufhebung der Sanktionen die Umsetzung des Minsker Abkommens für eine Friedensregelung in der Ukraine kommen muss. Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, da auszuscheren, den diplomatischen Druck auf Russland zu vermindern, um rascher zu besseren Beziehungen zu gelangen. Der Preis dafür wäre sehr hoch. Zumal ja Angela Merkel gemeinsam mit dem französischen Präsidenten die Verhandlungen für den Westen führt. Noch gibt es Hoffnung, dass Verhandlungen zum Ziel führen.

Matthias Platzeck sieht das ein wenig anders, sein gutes Recht. Die SZ hat ihm für seine Positionen viel Platz eingeräumt und folgt damit ihrem Kurs, den Lesern unterschiedliche Sichtweisen zur Diskussion zu stellen. Ihn als „Russlandversteher“ einzuordnen, ist dabei durchaus in Ordnung. Das soll heißen: Er gewichtet Argumente der russischen Seite stärker, er hält den Versuch, Frieden in der Ukraine mittels Druck auf beide Seiten zu schaffen, für nicht zielführend.

Aber ist er ein „einsamer Russlandversteher“? Richtig, viele Deutsche neigen seinen Auffassungen zu. Und in der Politik vertritt er zwar eine Minderheitenposition, aber einsam ist er auch da nicht. Linkspartei und AfD sind ähnlicher Meinung, in der SPD mehren sich solche Stimmen und Horst Seehofer versuchte sich erst diese Woche, wenn auch gemäßigt, in der Rolle des Russlandverstehers.

Insofern ist die Redaktion in ihrem Bemühen, den Platzeck-Beitrag schon in der Überschrift interessant zu machen und den Unterschied zu den Positionen der Regierungspolitik auf einen Nenner zu bringen, wohl ein Stück zu weit gegangen. Mit Huldigung des Zeitgeists hat das aber nichts zu tun.

Ihr Olaf Kittel

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