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Donnerstag, 05.10.2017

Ein Dresdner Straßenkind erzählt ...

... woher es sein Geld bekommt, wo es nachts schläft und warum es jetzt seinen Schulabschluss nachholt.

Von Julia Vollmer

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Marcel und Nicole Marie vor der Straßenschule am Albertplatz. Dort soll ihre Zukunft beginnen.
Marcel und Nicole Marie vor der Straßenschule am Albertplatz. Dort soll ihre Zukunft beginnen.

© Sven Ellger

Günther ist immer an ihrer Seite. Wenn Nicole Marie vor dem Supermarkt auf der Straße sitzt und um Geld bittet, „schnorren“, wie es in der Szene heißt, ist der Rottweiler dabei. Für Günther und sich braucht sie etwa 15 Euro am Tag, und die muss sie zusammenbekommen. Das dauert mal 15 Minuten und mal zwei Stunden, erzählt sie. Marie ist 26 Jahre alt, und nach zehn Jahren ohne Schule und fünf Jahren auf der Straße will sie nun ein neues Leben beginnen. Mit einem Schulabschluss, den sie in der Straßenschule des Vereins Treberhilfe am Albertplatz nachholt.

16 Schüler starten dort dieser Tage in das neue Schuljahr. Nachdem die Schule bereits kurz vor dem Aus stand, da die Förderung durch die Aktion Mensch auslief, entschied der Stadtrat, das Projekt mit 100 000 Euro aus dem Sozialtopf zu fördern. Angesiedelt ist die Schule nun beim Sozialamt der Stadt. Zwei hauptamtliche Mitarbeiter können dadurch bezahlt werden, die Miete erlässt der Vermieter der Schule für die Räume am Albertplatz. Los geht der Unterricht früh um neun, auf Beschluss der Schüler. Viele von ihnen müssen sich nach Jahren auf der Straße erst mal an einen geregelten Tagesablauf gewöhnen. Das bunt gemischte Dozententeam aus Studenten, Rentnern und Ehrenamtlern unterrichtet die Teilnehmer in allen prüfungsrelevanten Fächern – darunter Deutsch, Mathe, Physik, so Projektleiterin Beate Rohder.

Daneben gibt es auch Projekte in Kunst und Musik. Die Dozenten bereiten die Schüler auf die sogenannte Schulfremdenprüfung an den Oberschulen oder Hauptschulen vor. Das heißt, die Teilnehmer legen an festgelegten staatlichen Schulen die Prüfungen ab, ohne je dort Schüler gewesen zu sein. Fünf mündliche und vier schriftliche Prüfungen sind es. Die Erfolgsquote der Straßenschule liegt bei über 90 Prozent. Das will jetzt auch Nicole Marie schaffen. Mit 18 Jahren ging sie von zu Hause weg, schlug sich seitdem allein durch. Sie schläft wechselnd bei Freunden, drei feste Schlafplätze hat sie. Im Sommer übernachten sie und Rottweiler Günther auch mal im Freien, aber nie in der Neustadt. „Das ist zu gefährlich.“ Tagsüber ist sie dagegen gern in der Neustadt. Sitzt vor dem Konsum oder dem Rewe auf der Königsbrücker. Dort gibt es einen richtigen „Dienstplan“ für die Schnorrer. Damit sie sich gegenseitig nicht ins Gehege kommen, wechseln sie sich ab. Polizei und Ordnungsamt lassen sie meist in Ruhe, wenn sie sich an die Regeln halten, sagt sie.

Einen Versuch bei der Straßenschule hat sie schon mal gewagt und dann aber nach zwei Monaten wieder abgebrochen. „Wenn man lange auf der Straße gelebt hat, ist es schwer, sich wieder an Strukturen zu gewöhnen“, erzählt die 26-Jährige. Der Tag auf der Straße beginnt erst am Nachmittag, denn die Nacht ist lang. „Nachts ist es kalt, da müssen wir uns bewegen. Tagsüber, wenn es wärmer ist, schlafen wir“.

Doch diesmal will sie es schaffen. Sie will ihren Realschulabschluss nachholen und dann eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin machen. Mit behinderten Menschen arbeiten, das ist ihr Ziel. Seit ein paar Wochen hat sie endlich einen Personalausweis und will nun Hartz IV beantragen. Das war ein langer Kampf, bei einem Wohnungsbrand sind alle ihre Dokumente verloren gegangen. Ohne Geburtsurkunde kein Perso, ohne Perso kein Hartz IV und keine Wohnung, erzählt sie. Mit ihr zusammen will Marcel seinen Schulabschluss nachholen. „Ich habe von einem Freund von dem Projekt erfahren“, sagt er. Seit zweieinhalb Jahren war er nicht mehr in einer Schule, hat die Ausbildung auf dem Berufsschulzentrum für Gastgewerbe und eine als Dachdecker abgebrochen. Kunst ist seine Leidenschaft, die will er nach seinem Schulabschluss vertiefen. Theatermaler wäre einer seiner Träume.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 12 Kommentare

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  1. Flughund

    @1. Realist: Zum einen ist der Begriff Rechtsstaat anders definiert, als du ihn hier verwendest. Er hat allenfalls am Rande was mit dem Thema zu tun, ist aber nicht problemursächlich oder lösungsrelevant. Zum anderen stellst du Verbindungen her, die so gar nicht existieren. Denn nach deiner Lesart müsste ein erheblicher Anteil der 25- bis 30-Jährigen auf der Straße leben. Dem ist zum Glück nicht so. Außerdem besteht auch kein kausaler Zusammenhang zwischen Aussteigern/"Ausreißern" auf der einen und Asylbewerbern, Flüchtlingen und Migranten auf der anderen Seite. Vor allem dürfte es mit nur 15€ ziemlich schwierig sein, sich die Menge an Drogen zu beschaffen, die man nach 10 Jahren für einen Tagesbedarf bräuchte. Aber Hauptsache, erstmal alles miteinander vermischen und "der Merkel" die Schuld in die Schuhe schieben! PS: Sollten rechtliche Umstände tatsächlich mitursächlich gewesen sein, dürften sie im relevanten Umfang bereits vor dem Amtsantritt von Frau Merkel bestanden haben.

  2. joahlen

    Sind wir doch Realist, wie es sich gehört in Dresden. Wegen illegaler Einwanderer (Der Fachausdruck: Goldstücke) stinkt der Golf Diesel, ist die Krankenkasse so teuer, die Mieten sowieso und die paar Groschen die einem noch bleiben muss man als aufrechter Patriot montags in grüne Tonnen versenken ehe man von marodierenden Araberbanden überfallen wird. Diese Straßenkinder jammern nicht rum, schieben nichts auf Medien, Ausländer, Merkel und Honecker. Liest man selten aus Dresden, ewig Jammertal im Opfermodus. Den beiden drück ich die Daumen. Ihr schafft das schon. Jammern lasst die anderen, am liebsten montags. Jo

  3. SP

    #1 hat am Thema völlig vorbei geschrieben, ja, wie so viele bei allen möglichen und unpassenden Themen hier. Hauptsache, min einmal täglich "Ceterum censeo Carthaginem esse delendam" gesagt. Für mich dennoch kein Grund für bashing wegen Rechtschreibung etc.

  4. Realist

    Zuschrift 2 - ja hier wird ein Einzelschicksal benannt . Aber derer gibt es mehr ,warscheinlich sind Sie etwas außerhalb der Realität - mehr muß ich dazu nicht bemerken.

  5. Carsten

    Nachdem sich das versammelte Gutmenschentum an einem (vermute mal) Legastheniker "abgearbeitet" hat - übrigens starke Leistung, ihr Helden - finde ich eher folgendes Zitat im Artikel bemerkenswert: "Im Sommer übernachten sie und Rottweiler Günther auch mal im Freien, aber nie in der Neustadt. „Das ist zu gefährlich.“ - So was aber auch?!? Woran das wohl liegen mag? Ich denke, in der Neustadt sind sie ALLE so hip, bunt und tolerant? Nachts also eher weniger - na wenn das mal kein Rassismus ist...

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