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Montag, 02.11.2015

Ein Bildungswerk lernt das Neinsagen

Der Dienstleister für Sachsens Wirtschaft stellt unrentable Jobs auf den Prüfstand und verzichtet auf eine Geburtstagsfete.

Von Michael Rothe

Berufsschullehrer Frank Hickmann (l.) zeigt Bartosz Iwanowski, wie man Vorschubkraft und Drehzahl von Bohrern misst.
Berufsschullehrer Frank Hickmann (l.) zeigt Bartosz Iwanowski, wie man Vorschubkraft und Drehzahl von Bohrern misst.

© Robert Michael

Ginge es nach Bartosz Iwanowski, dann würde der junge Pole eher heute als morgen im Dresdner Kupplungswerk arbeiten. Doch noch muss sich der 19-Jährige aus Zgorzelec gedulden. Vor dem Job stehen Deutschkurse und das erste Lehrjahr mit dem theoretischen Teil im Berufsschulzentrum „Gustav Anton Zeuner“. Dort ist Iwanowski einer von 37 Ausländern und 1 700 Schülern in Sachen Kfz-, Metall-, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik.

Auch der Auftraggeber, ein Anbieter von Kupplungen für Bahnen, Maschinenbau, Schiffs- und Windkraftanlagen sowie zur Kohle- und Stahlgewinnung, könnte Iwanowski und seinen Zimmerkumpel Pawel Tabis bereits gut gebrauchen. Denn das Kupplungswerk mit 190 Beschäftigten und 30 Leiharbeitern sucht dringend Nachwuchs. „Die Decke wird immer dünner“, sagt Rolf Bergel, Geschäftsführer für Fertigung und Einkauf. „Nach erfolgloser Suche vor der Haustür sind wir in Polen fündig geworden.“ Möglich gemacht haben es Mobipro-EU, ein Förderprogramm des Bundesarbeitsministeriums wider deutschen Fachkräftemangel und Jugendarbeitslosigkeit in Teilen Europas. Und das Bildungswerk der sächsischen Wirtschaft (BSW).

Im ersten Nachwendeherbst von Sachsens Arbeitgeber-Dachverband VSW gegründet, sollte das BSW DDR-Fach- und -Führungskräfte qualifizieren, die über Nacht auf der Straße standen. Der Fokus lag auf Aus- und Weiterbildung für Büro, Informationstechnologie, gewerblich-technische Jobs und seit 1993 auch auf medizinisch-pflegerische Berufe. 2006 stellte sich das BSW neu auf: als Minikonzern aus Verein, gemeinnütziger Gesellschaft sowie einer Beratung, Service & Weiterbildung GmbH. Die Gruppe mit 275 Beschäftigten und 500 Freiberuflern verfügt über rund 20 Bildungszentren, Schulen und Akademien, in denen jährlich 10 000 Weiterbildungsschüler, 500 Ausländer und 1 200 Lehrlinge gezählt werden. Neben dem Sitz und zwei Standorten in Dresden gibt es auch Adressen in Bautzen, Bischofswerda, Döbeln, Pirna und Riesa. Der Bildungsdienstleister hilft Unternehmen bei Bedarfsermittlung und Personalentwicklung, und er verfügt dazu über ein großes grenzüberschreitendes Netzwerk.

Ende vergangener Woche wurde der Dienstleister, einer der größten privaten Bildungsanbieter im Freistaat, 25 Jahre alt. Eine Fete gab es nicht. Zu stürmisch die Zeiten nach Querelen innerhalb der Trägerverbände, verlustreichen Jahren und der Entlassung des Geschäftsführers im Sommer. „Vielleicht feiern wir den 26. Geburtstag“, sagt Nachfolger Ralf Hübner. Das Unternehmen stehe auf stabilen Füßen, müsse aber rentabler werden, räumt er ein. Keine leichte Aufgabe im umkämpften Markt mit schrumpfenden öffentlichen Geldern und einer kleinteiligen Wirtschaft, bei deren Chefs „Weiterbildung immer nur das zweitwichtigste Problem ist“, so Hübner. „Wir werden leidenschaftslos prüfen, welche Aufträge wir noch annehmen, und das Neinsagen lernen.“ Dazu gehörten schwachbesetzte Kurse der Arbeitsagentur. Auch eigene Strukturen stehen auf dem Prüfstand. „Vier Bildungszentren im Vogtland sind zu viel.“ Auch in Bautzen und Bischofswerda müsse man sich von manchem trennen, einschließlich der Leute.

Das Unternehmen orientiert mehr auf Firmenkunden: mit kürzerer Teilqualifizierung und anderen flexiblen Angeboten. Auch zur Lösung des Flüchtlingsproblems will es sich einbringen – bis hin zur Unterbringung in seinen Häusern in Auerbach und Leipzig. „Die Flüchtlinge werden unser Fachkräfteproblem nicht lösen, aber sie sind ein Mosaikstein“, sagt Hübner. „Wir sind in Wartestellung, wünschten uns manch schnellere Entscheidung und vor allem konkrete Ansprechpartner.“ Einiges erinnere an die chaotische Wendezeit. Dabei sei „mit überschaubarem Aufwand vieles unter einem Dach zu vereinen“: von Eingewöhnung und Deutschkurs bis zur Profilierung in Jobs, die Sachsen brauche.

Das BSW betreut 48 junge Leute aus Europa, Vietnam und China – auch Bartosz Iwanowski. Der Zerspanungsmechaniker in spe hat seine Berufsperspektive. Nur ein Dilemma kann auch das BSW nicht lösen: Weil sein Deutschkurs am Wochenende stattfindet, fehlt der Vorstopper des Viertligisten Nysa Zgorzelec seiner Fußballmannschaft. Womöglich löst auch hier bald ein Dresdner Verein sein Fachkräfteproblem.

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