Montag, 31.12.2012

Ein besonderes Silvester

Eine Hausgemeinschaft in Weinhübel geht seit 50 Jahren durch dick und dünn. Auch heute feiern sie wieder zusammen. Nur nicht mehr so wild wie früher.

Von Steffen Schreiber

Seit 50 Jahren zusammen wohnen. Horst Jank (3.v.r.) stößt mit seiner Hausgemeinschaft auf ein neues Jahr an.Foto: Nikolai Schmidt
Seit 50 Jahren zusammen wohnen. Horst Jank (3.v.r.) stößt mit seiner Hausgemeinschaft auf ein neues Jahr an.Foto: Nikolai Schmidt

Dieses Silvester wird für sieben Görlitzer ein ganz besonderes. Heute werden sie nicht nur den Beginn eines neuen Jahres feiern, sondern auch auf die vergangenen 50Jahre anstoßen. Denn die haben sie gemeinsam in einem Mehrfamilienhaus in Weinhübel verbracht.

Dabei stand gleich am Anfang das Zusammenleben der vier Familien infrage. Horst Jank erinnert sich noch lebhaft an diese Zeit. „Es war 1962.“ Die Arbeiterwohngemeinschaft hatte gerade mehrere Häuser in Weinhübel fertiggestellt. Deren neuen Bewohner hatten beim Aufbau des Wohngebietes mitgeholfen. „Doch dann wurden die Genossenschaftshäuser plötzlich staatliches Eigentum.“ Gemeinsam entschlossen sich die Familien trotzdem zu bleiben. „Obwohl wir alle unsere geleisteten Arbeitsstunden einbüßten.“

Doch gerade die hatten die neuen Bewohner zusammengeschweißt. „Bei den gemeinsamen Einsätzen hatten wir uns richtig kennen- und schätzengelernt“, erzählt Jank, der früher bei der Bahn gearbeitet hat. Schnell entwickelte sich zwischen den jungen Familien eine enge Freundschaft. „Alle großen Feste wie Geburtstag, Polterabende oder auch Silvester feierten wir gemeinsam.“ Manchmal bis zum nächsten Morgen. „Da wir ja alle Schlüssel voneinander hatten, konnten wir uns zur Not auch gegenseitig zurück in die Wohnung bringen.“

Auch die neun Kinder der Familien wuchsen zusammen auf. „Doch die Kleinen waren einer der wenigen Streitpunkte im Gemeinschaftsleben“, erinnert sich Jank. Denn was sie im und um das Haus durften und nicht durften, wurde von den Eltern unterschiedlich gesehen. „Doch nach jedem Streit fanden wir uns wieder zusammen.“

Nach der Wende kam es dann zu einer weiteren Zerreißprobe für die Hausgemeinschaft. „Wir mussten uns 1994 entscheiden, ob wir die Wohnungen kaufen wollen.“ Obwohl zuerst noch Uneinigkeit herrschte, entschlossen sich letztendlich alle zum Kauf. „Denn so etwas macht ja nur gemeinsam Sinn“, so Jank. Kurze Zeit später entstand ein zusätzliches Stockwerk und zwei neue Familien zogen mit in das Haus. Unter ihnen die Familie Hennersdorf. „Wir wurden gleich mit Handschlag und Vornamen begrüßt“, erinnert sich Günther Hennersdorf, der zusammen mit seiner Frau lange Zeit im Strafvollzug gearbeitet hat. „So haben wir uns von Anfang an willkommen gefühlt und schnell eingefügt.“ Laut Siegfried Tzschütter ist der „Neue“ für die Hausgemeinschaft unentbehrlich geworden. „Günther ist unser Techniker. Der repariert alles vom Computer bis zur Satellitenschüssel.“

Besonders in schweren Zeiten hielt man zusammen. „Im Laufe der Jahre haben drei von uns ihre Partner verloren.“ Da war die Hausgemeinschaft ein wichtiger Anker. Und, wie Horst Jank bemerkt, auch ein Ratgeber in Sachen Haushaltsfragen. „Ich wunderte mich immer, warum meine Kinder nicht mehr die hausgemachte Himbeermarmelade mochten.“ Die hatte bis zu ihrem Tod immer seine Frau gekocht. Doch dann verrieten ihm die Damen des Hauses den Trick mit dem Sieb. „Ohne Kerne schmeckt sie nun wieder jedem.“ Auch Irmgard Kärber ist froh über die Unterstützung der Mitbewohner. Die 84-Jährige ist nicht mehr so gut zu Fuß. „Aber ich bekomme immer Hilfe von den anderen, wenn ich sie brauche.“

All dies soll nun zum Silvesterabend noch einmal gewürdigt werden. Wobei der Sekt nicht mehr so wie früher fließen wird, wie Horst Jank betont. „Wir sind ja nicht mehr die Jüngsten.“ Wenn alle um Mitternacht vom Balkon dem Feuerwerk zusehen, wird sich der ein oder andere vielleicht an die Zeit erinnern, als sie vor 50 Jahren das erste Mal gemeinsam Silvester in ihrem neuen, gemeinsamen Haus in Weinhübel feierten.