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Sonntag, 11.02.2018

„Du musst erstmal zu Boden gehen“

Das Klima auf Bahnhöfen wird rauer, wie die Polizeistatistik zeigt. So bereiten sich Sicherheitskräfte darauf vor.

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Jörg (v.l.), Ausbilder Stefan Mederake und Marco trainieren das Überwältigen einer Person, die gewalttätig wird.
Jörg (v.l.), Ausbilder Stefan Mederake und Marco trainieren das Überwältigen einer Person, die gewalttätig wird.

© Hendrik Schmidt/dpa

Halle. „Lass dir Zeit, geh alle Schritte noch mal durch. Ich greife dich ganz langsam an“, sagt Stefan Mederake. Sekunden später liegt er auf dem Boden, seine Arme auf dem Rücken, die Hände in Fesseln. „Das war schon ganz gut, gleich noch einmal.“ Mederake, 32 Jahre alt, groß, sportlich, lässt sich von Berufs wegen auf die Matte legen - mehrfach täglich. Seine Angreifer sind Kollegen, Sicherheitskräfte bei der Deutschen Bahn.

Von ihnen arbeiten 350 in der Region Südost, also in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. 250 der Sicherheitskräfte sind direkt bei der Bahn beschäftigt. Seit sieben Jahren ist Stefan Mederake ihr Teamleiter und Ausbilder. Ein Großteil seiner Arbeit ist Training für Mitarbeiter wie der Kurs „Selbstverteidigung und Einsatzmittel“.

Zehn bis zwölf Kollegen treffen sich dafür in einer Kampfsporthalle nahe der Hallenser Innenstadt. Sonst sind sie an Bahnhöfen stationiert, sorgen an Haltepunkten für Sicherheit. Manchmal fahren sie auch in Zügen mit, etwa wenn besonders viele Menschen unterwegs sind und das Potenzial für aggressive Stimmung steigt. Heute frischen die Mitarbeiter ihr Wissen auf: Wie reagiere ich bei einem Angriff richtig?

Zwei Trainer, einer von ihnen Mederake, zeigen den Teilnehmern die Schritte. Das Entwaffnen und Niederringen eines Angreifers, Anlegen von Handschellen, der Einsatz von Abwehrspray, das Nutzen eines Teleskopschlagstocks. Schritt, Abwehrhaltung, Schlagstock nach oben heben, Schritt, Schlag nach unten. „Wenn ihr den Schlag richtig setzt, lässt der Angreifer seine Waffe fallen.“ Der Gedanke daran scheint bei einigen für ein mulmiges Gefühl zu sorgen. Doch was die Sicherheitskräfte rein rechtlich dürfen und was nicht, lernen sie vor der Praxis in einem Theorieteil. Dann wird geprobt.

Sechs Tage Schulung im Jahr sind für Sicherheitskräfte der Deutschen Bahn Pflicht. Im Bereich Südost kommen die Mitarbeiter dafür aus der gesamten Region. In diesem Umfang gibt es die systematischen Trainings seit 2008 - seit sich die „gefühlte Sicherheitslage“ angespannt habe, sagt Holger Bajohra, Sprecher bei der Bahn.

In den vergangenen Jahren hätten die Angriffe auf Bahn-Personal kontinuierlich zugenommen, jährlich fast um ein Drittel. „2017 konnten wir die Zahlen erstmals nahezu stabilisieren“, berichtet Bajohra. „Die endgültige Erhebung ist noch nicht abgeschlossen, aber Stand November gab es einen Anstieg von etwa fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr.“ Damit sei zwar das gesetzte Ziel - ein Rückgang der Angriffe - noch nicht erreicht. „Aber wenigstens scheint es, als könnten wir den weiteren Anstieg bremsen.“

Generell scheint das Klima in Zügen und an Bahnhöfen rauer zu werden - nicht nur gegenüber Bahnmitarbeitern. Die Bundespolizei registrierte in der Region einen Anstieg von Körperverletzungen auf Bahnhöfen und in Zügen. Waren es 2013 in Sachsen noch 70 in Zügen und 335 an Haltepunkten und Bahnhöfen, sind diese Zahlen 2017 auf 96 beziehungsweise 456 gestiegen. In Sachsen-Anhalt wurde laut einer Sprecherin ein Anstieg von 35 auf 87 in Zügen und 155 auf 313 an den Stopps im Land gemessen. In Thüringen stieg die Zahl der Angriffe in Zügen von 22 auf 43, die Gewalt an Bahnhöfen ging aber leicht zurück.

Etwa 2300 Übergriffe mit Verletzungen auf ihre Mitarbeiter registrierte die Bahn im vergangenen Jahr in ganz Deutschland. In Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen waren es 34. Verglichen mit dem Bundesschnitt sind das verhältnismäßig wenig. „Aber jeder Angriff ist einer zu viel“, sagt Bajohra. Nicht bei allen Attacken gebe es eine körperliche Verletzung. Oft würden die Mitarbeiter auch beschimpft oder angespuckt. „Und man weiß nie genau, was das mit den Menschen macht.“

Diese Erfahrung hat auch Stefan Mederake gemacht. Im vergangenen Dezember wurden zwei Sicherheitskräfte in Dresden von einem betrunkenen Fußballfan von hinten angegriffen. „Sie haben den überhaupt nicht kommen sehen, hatten keine Chance, sich zu wehren.“ Einer bekam eine Flasche an den Kopf, der andere einen Schlag ins Gesicht. Beide mussten im Krankenhaus behandelt werden, fielen zwei bis drei Wochen aus. „Das ist ein Beispiel dafür, dass die Intensität der Angriffe steigt.“

Es zeigt aber auch, dass man sich nicht auf alles vorbereiten kann. Trotzdem helfen die regelmäßigen Einheiten, sich sicherer zu fühlen. Das zumindest finden zwei Mitarbeiter, die in Halle eingesetzt sind. Marco, 47, ist dort Teamleiter. Sein Kollege, ebenfalls mittleren Alters, möchte seinen Namen nicht nennen - auch weil die beiden bei ihrer Arbeit immer wieder auf die gleichen Menschen treffen. Den Job machen sie schon mehr als 20 Jahre. „Viele Sachen muss man erstmal selbst erleben. Du musst erstmal zu Boden gehen, um damit umzugehen. Das ist nicht für jeden so einfach.“

Das zeigt auch die Körpersprache der Kursteilnehmer. Einige wirken zurückhaltend, haben Hemmungen, einen Schlagstock einzusetzen - selbst bei der Probe im geschützten Raum. Die unterschiedlichen Charaktere für den Alltag zu stärken, sei vielleicht die größte Schwierigkeit seiner Arbeit, sagt Mederake. Die Menschen müsse er unterschiedlich motivieren. „Gerade bei den älteren Mitarbeitern braucht man viel Fingerspitzengefühl. Das Vertrauen hatte ich nicht von Anfang an, das musste ich mir über Jahre aufbauen.“

Mittlerweile kennt Mederake jede seiner 250 Sicherheitskräfte beim Vornamen. Er weiß, wie er auf sie zugeht, sie bei der Arbeit unterstützen kann. Gerade, wenn es mal eine Attacke gab, ist der 32-Jährige auch mehr als nur Chef oder Trainer. „Ich biete den Betroffenen dann an, mal bei einem Kaffee darüber zu reden, was passiert ist. Oder sie schildern das Geschehen aus ihrer Sicht beim nächsten Trainingstag.“ So werden aus abstrakten Beispielsituationen reale Fälle. „Das hilft vielen, sich da hinein zu versetzen“, sagt Mederake. Und es stärke das Vertrauen untereinander. „Vertrauen ist bei unserer Arbeit sehr wichtig.“

Das finden auch Marco und sein Kollege. Seit Jahren gehen die beiden gemeinsam auf Streife. „Wir kennen die Mimik des anderen, die Gestik“, sagt Marcos Kollege. „Wir wissen sofort, was der andere uns sagen will.“ Angegriffen wurden sie schon öfter. Aber das hätten sie immer gut weggesteckt. „Man lernt mit der Zeit, damit umzugehen. Und die Schulungen helfen dabei, besser vorbereitet zu sein.“ (dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Andi71

    2.300 Übergriffe insgesamt. Davon 34 = 1,5% in drei neuen Bundesländern, wo man eine starke, rechte, gewaltbereite Gesinnung vermutet.... Von der Gesamtbevölkerung Deutschlands leben etwa 10% in den NBL; da müssten statistisch ja 10% der Übergriffe in diesen drei NBL erfolgt sein. Irgendetwas stimmt da nicht - oder in den drei NBL leben die friedlicheren Bürger. MfG Andi71

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