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Mittwoch, 14.12.2011

Drogenkauf wie im Discounter

Zöllner an der deutsch-tschechischen Grenze erkennen mittlerweile die Crystal-Abhängigen. Immer mehr und immer jüngere Deutsche fahren ins Nachbarland, um sich dort legal mit der gefährlichen, allerdings hier verbotenen Droge zu versorgen. Die beschlagnahmten Mengen steigen dramatisch.

Von Von Michael Klug

Zwickau/Eger. Crystalspeed gilt als eine der gefährlichsten Drogen der Welt und ist extrem einfach zu bekommen. Geraucht oder geschnupft putscht das hoch potente Amphetamin zu Höchstleistungen auf und führt binnen kürzester Zeit zur Abhängigkeit. Um an die Droge zu kommen, fahren immer mehr und immer jüngere Deutsche nach Tschechien, wo Crystal legal ist. Allein im ersten Halbjahr 2011 stellte der bayerische Zoll zwischen Eger und Cham rund drei Kilogramm Crystal sicher, was einem Anstieg um 350 Prozent im Vergleich zum vergangenen Jahr entspricht.

Das Schema, mit dem die Zöllner potenzielle Crystal-Konsumenten aus dem Strom der Grenztouristen aus Richtung Cheb filtern, ist einfach: Männer im Alter von 18 bis 30 Jahren aus den grenznahen Regionen in Bayern, Sachsen und Thüringen fallen als Erste ins Raster, sagt Cheffahnder Jürgen Thiel vom Zollfahndungsamt München. „Meist sind es junge Leute aus den grenznahen Regionen, die sich selbst und ihre Clique mit dem Stoff versorgen." Im Schnitt sieben Gramm stellen die Fahnder sicher, einen Volltreffer erkennen Thiel und seine Kollegen meist bei einem Blick in die Gesichter der Autoinsassen. „Langjährigen Konsumenten sieht man die Droge sofort an. Kaputte Zähne und völlig heruntergekommenes Aussehen sind so typische Merkmale", sagt Thiel.

Ausgangspunkt der Drogenschwemme sind die Märkte entlang der deutsch-tschechischen Grenze. Jene Bretterburgen, die mit Gartenzwergen, Vogelhäuschen und anderem Billigramsch auf deutsche Schnäppchentouristen warten, sind aus Sicht der Fahnder der Umschlagplatz Nummer Eins. „Das funktioniert wie im Discounter. Neben Zigaretten und Kaffee kauft man dort noch ein bisschen Crystalspeed", sagt Thiel. Potenzielle Kunden werden offen angesprochen, Unentschlossene sogar mit einem Gratispäckchen gelockt. Hinter dem Drogenhandel stecken aus Sicht der Fahnder vor allem Vietnamesen. „Seit das Geschäft mit Zigaretten und gefälschten Klamotten nicht mehr so läuft, haben sich viele von denen auf Crystal spezialisiert", sagt Thiel.

Droge verbreitet sich wie ein Krebsgeschwür

Diese Einschätzung teilen auch die sächsischen Strafverfolger, die ebenfalls eine Übernahme des Marktes durch die geschäftstüchtigen Asiaten beobachtet haben. „Bis vor wenigen Jahren hatten wir es mit türkischen Banden zu tun, die ziemlich schlechten Stoff nach Deutschland schmuggelten. Seit zwei Jahren kontrollieren die Vietnamesen den Markt", sagt Staatsanwältin Antje Dietsch, die in Westsachsen für die Verfolgung von Drogendelikten zuständig ist.

Besonders alarmierend sei für sie die neue Qualität der Drogen, die von Vietnamesen in ihren Laboren im tschechischen Hinterland hergestellt werden. „Dieses neue Crystal ist extrem rein und hat einen Wirkstoffgehalt von bis zu 80 Prozent - das ist gefährlicher als alles, was wir bislang kannten", sagt Dietsch. Er verweist auf Extremfälle, in denen aufgegriffene Jugendliche bei ihrer Verhaftung bis zu elf Tage ohne Schlaf gewesen waren.

Die leichte Verfügbarkeit und die extrem starke Wirkung scheinen der Droge mittlerweile auch den Weg in die Ballungszentren zu ebnen, wie die sich häufenden Aufgriffe von Schmugglern aus Nürnberg und München zeigen. „Für uns ist das ein eindeutiges Indiz, dass sich die Droge längst wie ein Krebsgeschwür in die Großstädte frisst", sagt Thiel.

Bundesregierung will enger mit Tschechien zusammenarbeiten

Auf politischer Ebene ist die Tragweite des Problems schon seit längerem bekannt. So wurde im Februar 2011 der Stoff Pseudoephedrin, der in vielen frei verkäuflichen Medikamenten enthalten ist und als Ausgangsstoff für die Herstellung für Crystal benutzt wird, auf die Liste der überwachten Substanzen gesetzt. Darüber hinaus kündigte die Bundesregierung eine engere Kooperation mit den tschechischen Behörden an, um das Problem auf tschechischem Hoheitsgebiet angehen zu können.

Letzteres scheint allerdings mit vielerlei Unwägbarkeiten versehen zu sein, wie die Schwandorfer SPD-Bundestagsabgeordnete Marianne Schieder befürchtet. „Tschechien will bis zu 30 Prozent an Ausgaben sparen - auch bei der Polizei", sagt Schieder. Nach ihren Informationen steht dabei auch die gemeinsame deutsch-tschechische Fahndungsgruppe im bayerischen Schwandorf auf dem Prüfstand. „Ursprünglich sollten alle 14 Stellen gestrichen werden. Ab Mitte 2012 sind vier Stellen akut bedroht", sagt Schieder. Gleichwohl wäre jede Stelle weniger ein Desaster, sagt die Politikern. Dass die Tschechen Rücksicht auf die deutschen Interessen nehmen könnten, glaubt Schieder indes nicht. „Für die ist Crystal das Gleiche wie die Prostitution: Das Problem gibt es aus deren Sicht nur, weil es Deutsche gibt, die das kaufen", sagt Schieder. (dapd)