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Donnerstag, 23.06.2011

Dresdner wegen Missbrauchs angeklagt

Steffen T. (35) muss sich in Baden-Baden verantworten. Sein Fall steht im Kontext des größten Prozesses gegen ein Pädofilen-Netzwerk in Deutschland.

Von Volker Knopf

Seit Dienstag muss sich der 35-jährige Steffen T. aus Dresden wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und Besitzes kinderpornografischer Schriften vor dem Landgericht Baden-Baden verantworten. Dem Betreiber einer Kindermodel-Fotoagentur wird vorgeworfen, sich in mindestens zehn Fällen an neun- bis 15-jährigen Kindern und Jugendlichen vergangen zu haben.

Der 35-Jährige, zuletzt hatte er auch einen Süßigkeiten-Laden in der Dresdner Neustadt aufgebaut, wurde Anfang Februar verhaftet und sitzt seit dem in Baden-Württemberg in Untersuchungshaft. Seine Verhandlung steht in enger Verbindung mit einem Prozess in Darmstadt, der im November 2010 zu Ende ging.

Dabei handelte es sich um den bislang größten Prozess in Deutschland gegen einen Kinderschänder-Ring. Acht Angeklagte aus verschiedenen Bundesländern wurden zu mehrjährigen Haftstrafen, teilweise auch mit anschließender Sicherungsverwahrung, wegen schweren Missbrauchs und der Verbreitung von Internet-Kinderpornografie verurteilt. Der Prozess in Baden-Baden ist, wenn man so will, ein „Abfallprodukt“ des aufwendig geführten Verfahrens vor dem Landgericht Darmstadt.

Bei der Beschlagnahmung und Auswertung der Computer der damals Verurteilten führte die Spur auch ins badische Rastatt. Dort hatte sich ein 61-jähriger Inhaber eines Fotostudios als Drahtzieher eines weiteren Kinderporno-Rings entpuppt. Pädofile Täter tauschten auf einer geheimen Internet-Plattform mit Namen „Sonneninsel“ Fotos von missbrauchten Kindern. Anfang März dieses Jahres war dann der Auftakt etlicher weiterer Prozesse gegen das Pädofilen-Netzwerk mit dem Hauptquartier in Rastatt bei Karlsruhe.

Bis zu zwölf Jahre Haft

Ein Diplom-Verwaltungswirt aus Erfurt etwa wurde schon im März zu vier Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Im Mai erhielt ein 30-jähriger Ingenieur aus Stuttgart eine Freiheitsstrafe von knapp sechs Jahren. Die bislang höchste Strafe sprach das Gericht gegen den Drahtzieher des Rings aus.

Der 61-jährige Rastatter muss für zwölf Jahre ins Gefängnis – und wird im Anschluss in die Sicherungsverwahrung überstellt. Dem Mann wurde vorgeworfen, seine neunjährige Stieftochter mehr als 200-mal missbraucht und anderen Männern gegen Bezahlung zur Verfügung gestellt zu haben. Zudem soll er ein sogenanntes „Snuff-Video“ – die Verschleppung, Vergewaltigung und Erdrosselung eines Mädchens – in Thailand in Auftrag gegeben haben. Der Angeklagte hatte sich kurz vor Prozessbeginn die Pulsadern aufgeschnitten, weswegen die Verhandlung einige Wochen verschoben werden musste.

Auch der Fall von Steffen T. steht im Zusammenhang mit dem Haupttäter. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatte der Dresdner regen Kontakt zu dem Inhaber der „Modelagentur“ in Rastatt. Die Männer sollen auch manche Taten gemeinsam geplant haben.

Dabei sind die Männer offensichtlich immer nach dem gleichen Muster vorgegangen: Zunächst lockte man die Kinder über eine Internet-Plattform ins Fotostudio, versprach den Eltern eine Modelkarriere und verging sich schließlich an den Mädchen – immer nach demselben Prozedere: Im Mittelpunkt hat angeblich das sogenannte „Vergolden“ gestanden.

Ehe die Kinder fotografiert wurden, wurden sie von sämtlichen Tätern oft stundenlang mit Öl eingerieben. Dabei befummelten die Männer die Kinder, denen sie aufschwatzten, dass dieses Verfahren das bestmögliche Foto-Ergebnis ergibt.

Die Eltern wurden zuvor aus dem Raum geschickt, da sie angeblich die Konzentration der Kinder störten. Auch der Angeklagte aus Dresden, ein Doktor der Physik, soll so vorgegangen sein. Anschließend habe er die Kinder nackt fotografiert – unter anderem mit explizitem Fokus auf ihre Geschlechtsteile – und missbraucht, teilweise unter Einflößung von Alkohol.

Öffentlichkeit ausgeschlossen

Laut Anklage haben manche Eltern ihre Kinder sogar über Nacht bei den „Model-Fotografen“ gelassen. Mit einem Mädchen soll Steffen T. statt ins Fotostudio in ein Hotel gefahren sein. Auch die Stieftochter des 61-Jährigen aus Rastatt habe der Angeklagte gegen ein Entgelt von einigen Hundert Euro fotografiert und missbraucht.

Der Prozessauftakt in Baden-Baden gegen den 35-Jährigen Süßigkeitenhändler, folgte dem Muster der bisherigen Verhandlungen gegen den Kinderporno-Ring, der sich übrigens zum Großteil aus Akademikern speiste. Bereits nach der Verlesung der Anklageschrift wurde auch am Dienstag die Öffentlichkeit aus dem Gerichtssaal ausgeschlossen. Die Aussagen des Angeklagten könnten jedoch noch weitere Ermittlungen nach sich ziehen. Der Prozess ist auf vier Verhandlungstage anberaumt. Das Urteil soll am 7. Juli fallen.