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Mittwoch, 29.03.2017

Dresdner übersetzen Ärzte-Latein

Junge Mediziner lernen im Studium eine ganz eigene Sprache, die kaum ein Patient versteht. Die Idee für ein Übersetzungsportal wurde zum Erfolgsprojekt.

Von Ronja Münch

Ansgar Jonietz, Mitgründer von washabich.de, und Franziska Hönl, Medizinstudentin und Übersetzerin von Arzt-Befunden, geben Patienten Klarheit.
Ansgar Jonietz, Mitgründer von washabich.de, und Franziska Hönl, Medizinstudentin und Übersetzerin von Arzt-Befunden, geben Patienten Klarheit.

© Jürgen Lösel

Ein Befund vom Arzt kann sich ganz schön kompliziert anhören. Was ist zum Beispiel eine „Physiologische Lordose der HWS“? Antwort: Nichts. Nichts Schlimmes jedenfalls. HWS ist die Abkürzung für Halswirbelsäule. Lordose bedeutet, die Wirbelsäule ist nicht gerade, sondern gebogen. Physiologische Lordose ist die normale Biegung der Halswirbelsäule nach vorne. So, wie es sein soll.

Der Befund vom Arzt ist nicht für den Patienten gedacht, sondern für einen anderen Arzt. Dennoch kann das, was darauf steht, den Patienten verunsichern. Medizinstudenten erleben oft, dass sie von Verwandten oder Bekannten gefragt werden, was der Befund denn genau bedeutet. So auch Anja Bittner. Zusammen mit ihrem Ehemann Johannes Bittner und Ansgar Jonietz rief sie im Jahr 2011 die Internetseite „washabich.de“ ins Leben. Jonietz ist mittlerweile Geschäftsführer, Anja und Johannes Bittner haben sich neuen Projekten zugewandt.

Patienten können ihre Befunde zum kostenlosen „Übersetzen“ per Fax oder Mail an „Was hab ich?“ schicken. Ehrenamtliche Medizinstudenten und Ärzte aus ganz Deutschland formulieren den Befund dann in einfache Sprache um, mit Alltagsbegriffen und einfach strukturierten Sätzen.

Der Erfolg gibt dem Konzept recht: 100 Befunde übersetzen die Ehrenamtlichen durchschnittlich in einer Woche, insgesamt mehr als 31 000 sind es seit Start der Webseite. Das Unternehmen hat bereits diverse Preise erhalten, jüngst wurde die sächsische Gesundheitsministerin Barbara Klepsch Botschafterin. Meist werde die Kapazitätsgrenze erreicht, so Jonietz. Eine Software regelt, wie viele Menschen pro Tag ihren Befund einschicken können. Wie viele es ohne die Limitierung wären, lässt sich nicht sagen.

Jonietz betreibt „Was hab ich?“ inzwischen als Vollzeit-Job. 110 Prozent seiner Energie würden da reingehen. Das Sozialunternehmen hat sechs weitere feste Mitarbeiter, die meisten sind Ärzte. Mehr als 170 Ärzte und Medizinstudenten sind ehrenamtlich dabei. Die Webseite lebt alleine durch Spenden und Unterstützer. „Die Finanzierung ist schwer, hat aber bisher immer irgendwie funktioniert“, sagt Jonietz. Man arbeite möglichst effizient. Um die Kosten für die Räume zu senken, vermietet sein Unternehmen Arbeitsplätze. Die Infrastruktur wie Besprechungsräume werden von allen gemeinsam genutzt. Aber: „Es fehlt an Planbarkeit.“ Derzeit laufen Gespräche mit der Stiftung Gesundheitswissen über eine Sockelfinanzierung.

Neben der Webseite betreibt das Unternehmen weitere Projekte, mit denen sich zum Teil Geld verdienen lässt. Vom Bundesgesundheitsministerium wurde die Entwicklung sogenannter „Patientenbriefe“ mitfinanziert. In einem Pilotprojekt mit einer rheinland-pfälzischen Klinik werden die Entlassungsbriefe der Klinik – geschrieben für den weiterbehandelnden Arzt – für den Patienten verständlich aufbereitet. Dafür bezahlt die Klinik, der Patientenbrief wird von den fest angestellten Ärzten erstellt. Andere Kliniken haben angefragt. Jonietz arbeitet derzeit an einer automatisierten und damit günstigeren Variante.

Die Übersetzung von „Ärztisch“ in Deutsch hat über die Verständlichkeit hinaus einen weiteren Effekt: Von Medizinern gebe es oft die Rückmeldung, dass die Patienten bei einem erneuten Gespräch besser informiert seien, so Jonietz. Nachhaltig sei das aber nicht, mit jedem neuen Befund ist erneut eine Übersetzung nötig. Wichtiger ist ihm mittlerweile, dass Medizinstudenten und Ärzte lernen, besser zu kommunizieren. „Der Arzt, der für uns Befunde übersetzt, wird vielleicht auch die nächsten 40 Jahre bessere Patientengespräche führen.“ Auch gestandene Ärzte könnten dabei noch lernen, habe die Erfahrung gezeigt. Seit zwei Jahren wird außerdem an der TU Dresden ein Kommunikationskurs als Wahlfach angeboten. Das gebe es noch zu wenig an den Unis. „Es ist nicht schwierig zu lernen, einfach zu sprechen, sondern das Bewusstsein dafür zu schaffen.“

Medizinstudentin Franziska Hönl hat an dem Kurs teilgenommen, jetzt übersetzt sie regelmäßig ehrenamtlich Befunde. „Man verlernt im Studium die normalen Begriffe, durch das Übersetzen sind die wieder drin.“ 1 540 Mediziner hat das Unternehmen nach eigenen Angaben im Rahmen von Kommunikationskursen oder durch ihr ehrenamtliches Engagement für eine verständliche Kommunikation mit Patienten sensibilisiert.

https://washabich.de