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Montag, 29.02.2016

Dresdner helfen im Chaos von Idomeni

Seit Monaten engagieren sich Helfer der Organisation „Dresden-Balkan-Konvoi“ in der griechischen Grenzstadt zu Mazedonien. Am Montag spitzt sich die Situation zu.

Von Stefan Becker

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Das Camp in Idomeni mit Hilferufen auf den Zelten.
Das Camp in Idomeni mit Hilferufen auf den Zelten.

© DD-Balkan-Konvoi

  • Das Camp in Idomeni mit Hilferufen auf den Zelten.
    Das Camp in Idomeni mit Hilferufen auf den Zelten.
  • Griechische Polizisten wollen in Idomeni den Sturm der Flüchtlinge stoppen.
    Griechische Polizisten wollen in Idomeni den Sturm der Flüchtlinge stoppen.
  • Flüchtlinge zerren am Grenzzaun zu Mazedonien.
    Flüchtlinge zerren am Grenzzaun zu Mazedonien.

Am Grenzzaun in Idomeni kocht die Wut, im Camp kocht die Gulaschkanone. Trotz der von Mazedonien geschlossenen Grenze kommen weiterhin Flüchtlinge in die griechische Stadt und hoffen auf ein Weiterkommen über die Balkanroute. Doch die bleibt vorerst dicht. „Am Sonntag ließ die Grenzpolizei eine siebenköpfige Flüchtlingsfamilie nach Mazedonien einreisen und mehr nicht“, sagt Axel Steier.

Der Mitorganisator der Hilfsorganisation Dresden-Balkan-Konvoi betreut von der Heimat aus zwei Teams in Griechenland: Eine Crew auf der Insel Chios hilft den täglich aus der Türkei in Schlauchbooten ankommenden Flüchtlingen und das zweite Team kocht in Idomeni – tagsüber warme Mahlzeiten und nachts heißen Tee.

Wenn die Menschen beim Essen sitzen, machen immer wieder Gerüchte die Runde und künden von einer Öffnung der Grenze. Dann strömen die Migranten wiederholt zum großen Zaun und reagieren frustriert, wenn das Tor verschlossen bleibt und auf mazedonischer Seite eine Phalanx aus Polizisten die Anlage bewacht. Am Montag dann eskaliert die Situation. Die Flüchtlinge wollen nicht weichen, sie rütteln am Metall, ziehen mit Stangen am Stacheldraht und brechen eine Bresche in die Grenzbefestigung.

Dünne Suppe und kaum noch Decken

Da fliegen Tränengasgranaten. Durch den beißenden Nebel stolpern die Flüchtlinge zurück ins Camp, Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen melden später 15 Verletzte, darunter auch etliche Kinder, die über Atembeschwerden klagen. Durch die zunehmend angespannte Situation gehe den Helfern langsam das Material aus, sagt Steier. Bereits jetzt müssen rund 20 Prozent der Flüchtlinge im Freiem übernachten und können sich nur notdürftig gegen die Kälte schützen. Als die Ärzte ohne Grenzen alle Decken verteilt haben, helfen die Dresdner aus mit ihren Reserven.

Doch langsam geraten die Aktiven vom Balkan Konvoi selbst in die Bredouille, denn durch den Stau an der Grenze kocht die Gulaschkanone für die bis zu 8 000 Hungrigen immer dünnere Süppchen. Eigentlich wolle Mazedonien ja täglich 300 Flüchtlingen die Einreise samt Passage erlauben, sagt Steier, aktuell wisse aber niemand, ob dieses Minikontingent tatsächlich irgendwo entlang des Zaunes durchgelassen werde.

Wer als Flüchtling die mazedonische Grenze passieren will, werde zuvor von den Beamten zu seinen Motiven befragt, sagt Steier. Wer als Ziel nicht ausdrücklich Deutschland angebe, könne gleich wieder umkehren, und wer als Grund für die Flucht nicht den Krieg angebe, werde auch automatisch abgewiesen und sitzen in Griechenland fest. Das EU-Land verbindet zwar noch eine Grenze mit Bulgarien, doch droht den Flüchtlingen dort offenbar noch größtes Ungemach.

Achter Konvoi geht an den Start

Steier berichtet von einem ihm bekannten Reporter aus Afghanistan, dessen Name auf einer Todesliste der Taliban steht. Mit einem Freund gelang dem Mann die Flucht bis in die Türkei, doch endete sie dort für seinen Begleiter mit einem Beinschuss an der bulgarischen Grenze.

Noch diese Woche wollen die Dresdner ihren achten Konvoi starten und die Teams auf der Insel Chios und in Idomeni ablösen. Weil die Balkanroute wegen der geschlossenen Grenzen zukünftig wahrscheinlich immer weniger frequentiert wird, orientieren sich die Helfer bereits jetzt nach Italien – das Ziel heißt Sizilien. Die Flüchtlinge werden über Albanien ausweichen, um nach Italien zu gelangen, sagt Steier. Schon jetzt gebe es erste Hinweise, dass es auf Sizilien etwas rauer zugehe. So wolle man sich von der Situation auf der größten Insel im Mittelmeer ein eigenes Bild machen.

Dasselbe gelte auch für die von Griechenland angekündigten Abschiebungen in die Türkei. Die Regierung in Athen habe beschlossen, dass Flüchtlinge, die sich vor der Ankunft in Griechenland länger als 30 Tage in der Türkei aufgehalten haben, wieder dorthin zurück geschickt werden sollen. Allerdings habe bisher noch niemand eine Idee, wie das funktionieren soll.

Welche Wege die Flüchtlinge zukünftig auch wählen müssen, um sich in Sicherheit zu bringen, die Dresdner stehen ihnen bei – demnächst als regulärer Verein.