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Dienstag, 13.02.2018

Dresden gedenkt mit Menschenkette

Rund 11 500 Dresdner versammeln sich in der Innenstadt und bilden eine Menschenkette. OB Hilbert appelliert an eine lebendige Erinnerung und fordert „Impulse für eine Kultur des Friedens“. Bei einer AfD-Demonstration wird es brenzlig.

Von Stephan Becker, Andreas Weller, Fabian Schröder, Christoph Springer, Annette Binninger

Das Gedenken in Dresden

Tausende Dresdner versammeln sich zum Gedenken an die Zerstörung der Stadt und bilden eine Menschenkette.
Tausende Dresdner versammeln sich zum Gedenken an die Zerstörung der Stadt und bilden eine Menschenkette.

© Ronald Bonß

Dresden. Um kurz nach 18 Uhr schloss sich die Menschenkette. Als Zeichen für Versöhnung, Frieden und Menschlichkeit haben sich 11 500 Dresdner am 73. Jahrestag der Zerstörung ihrer Stadt zusammengefunden und beide Elbseiten miteinander verbunden.

Zuvor hatte Oberbürgermeister Dirk Hilbert in einer Rede daran appelliert, dass es die Aufgabe der Dresdner sei, die Erinnerung lebendig zu gestalten. „Das gelingt, wenn wir uns aktiv mit unserer Geschichte auseinandersetzen [und] Impulse für eine Kultur des Friedens setzen“, so Hilbert. Das Wachhalten der Erinnerung an die Bombardierung der Stadt durch britische und US-amerikanische Bomberverbände im Zweiten Weltkrieg sei dennoch wichtig. „Jahr für Jahr schrumpft die Generation, die selbst miterlebt hat, wie Dresden erst im braunen Sumpf versunken und dann im Feuersturm untergegangen ist“, sagte Hilbert mit Blick auf die Vergangenheit der Stadt als Hochburg der Nationalsozialisten.

Das Gedenken in Dresden

Jahrelang hatten Neonazis das historische Datum immer wieder zur Verbreitung ihrer Ideologie missbraucht und versucht, mit absurd übertriebenen Opferzahlen die Verbrechen der Nationalsozialisten zu relativieren. Auch dieses Jahr gibt es im Umfeld des 13. Februars rechte Demonstrationen. Eine fand bereits am vergangenen Samstag statt. Am kommenden Wochenende ist eine weitere Kundgebung von Rechtsextremisten und Holocaust-Leugnern angekündigt.

OB Hilbert erinnerte auch an die aktuellen Kriege, die Leid über Menschen bringen. Derzeit gebe es weltweit 31 kriegerische Konflikte, sagte der FDP-Politiker. „Der 13. Februar 1945 war nicht einzigartig - weder im Kontext der Zerstörung europäischer Großstädte während des Zweiten Weltkriegs noch in Bezug zur Gegenwart.“ Aus dem 13. Februar erwachse eine Verantwortung, „nicht für die Vergangenheit, aber sehr wohl für das, was heute, morgen und übermorgen geschieht“.

Sachsens neuer Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) würdigte den diesjährigen Gedenktag. „Ich bin froh, dass die Dresdner einen richtigen Umgang mit dem Datum gefunden haben“, sagte Kretschmer, der sich gemeinsam mit weiteren Mitgliedern seines Kabinetts neben Hilbert in der Menschenkette einreihte.

Rangeleien auf dem Altmarkt

Nach dem friedlichen Zusammenkommen zur Menschenkette wurde es am Altmarkt brenzlig. Die AfD hatte um 19 Uhr zu einer Kundgebung aufgerufen. Es versammelten sich nach Schätzungen eines SZ-Reporters rund 250 AfD-Anhänger. Etwa 500 Gegendemonstranten versuchten die Kundgebung zu stören. Es gab einen Blockadeversuch und Rangeleien. Die Polizei trennte die Lager mit Einsatzfahrzeugen und hielt die Gegendemonstranten eine Weile fest. Nach zwei Stunden lautstarker Proteste lösten sich die Barrieren auf, so dass wieder Ruhe auf dem Altmarkt einkehrte.

Zu der Demonstration erschein auch Pegida-Mitbegründer Siegfried Däbritz. Die Partei und das Protestbündnis hatten in Dresden bereits mehrfach nebeneinander Kundgebungen abgehalten. Unlängst hatten die Pegida-Chefs Bachmann und Däbritz auch den AfD-Landesparteitag in Hoyerswerda besucht, um den neu gewählten Landeschef Jörg Urban zu gratulieren.

Polizeisprecher Thomas Geithner zog eine positive Bilanz. „Es war ein ruhiger Tag, bei dem das Gedenken im Mittelpunkt stand“, sagte er am Abend. Es waren 660 Polizisten im Einsatz, zudem 150 Kräfte der Bundespolizei. Auch Polizeipräsident Horst Kretzschmar zeigte sich zufrieden und erklärte: „Es dominierte die Menschenkette, welche die Innenstadt umschloss, als Ausdruck des friedfertigen Miteinanders den Tag.“

Nur auf dem Altmarkt mussten die Polizei eingreifen. In der Nacht zum Dienstag stellte die Polizei zudem etwa ein Dutzend Papp-Attrappen von Fliegerbomben im gesamten Stadtgebiet und 50 illegale Plakate sicher. Zudem wurden einige Personalien und eine Anzeige wegen des Einsatzes von Pfefferspray aufgenommen. Ein 67-Jähriger hatte zwei Polizisten mit dem Reizgas angegriffen. Zudem gibt es Ermittlungen wegen Körperverletzungen, Drogenbesitzes und Sachbeschädigung, hieß es in einer Pressemitteilung am späten Abend.

Den Abschluss des Gedenktages bildete um 21.45 Uhr, dem Zeitpunkt des ersten Luftalarms, das Erklingen der Glocken aller Innenstadtkirchen. Auf dem Neumarkt vor der im Krieg zerstörten und erst 2005 als Friedensmahnmal wiederaufgebauten Frauenkirche ließen viele Dresdner den Tag ausklingen. Auf dem Platz brannten Hunderte Kerzen. Die Frauenkirche hielt ihre Türen für eine „Nacht der Stille“ offen.

Acht dezentrale Gedenkfeiern

Begonnen hatte der 13. Februar am Vormittag mit acht dezentralen Gedenkfeiern. Unter anderem vor der Sporergasse 10, deren frühere Adresse Sporergasse 2 lautete. Dort hatten rund 30 Dresdner der von den Nationalsozialisten ermordeten jüdischen Mitbürgern gedacht und besonders denen, die in dem damaligen Judenhaus am 13. Februar 1945 durch die Luftangriffe starben.

Im Dritten Reich gab es in Dresden 32 sogenannte Judenhäuser, in denen die Bewohner auf engstem Raum Leben mussten. Die Nazis zwangen auch Victor Klemperer und dessen Frau Eva zum Auszug aus ihrem Heim in Dölzschen. Unterkunft fand das Ehepaar notgedrungen in verschiedenen Judenhäusern. Nach der Bombardierung Dresdens gelang den Klemperers die Flucht vor der weiteren Willkür der Gestapo.

Die Gedenkenden lasen aus dem Tagebuch eines Bewohners, Finanzbürgermeister Peter Lames (SPD) sprach zu der Gruppe und der Jazz- und Klezmer-Musiker Detlef Hutschenreuter begleitetet die kleine Zeremonie auf seinem Saxophon.

„Wellenlänge“-Versammlung abgesagt

Parallel dazu versammelten sich ein paar Mitglieder der rechten „Wellenlänge“ am Sockel des Luther-Denkmals auf dem Neumarkt und brachten ihr Gedenken mit einem Schild zum Ausdruck. „Die Bombenopfer vom 13. Februar 1945 bleiben unvergessen!“ stand darauf. Prompt kassierte die Polizei es ein und sprach dem „asylkritischen“ Schildbürger einen Platzverweis aus. Bei der Zusammenkunft soll es sich aber ausdrücklich nicht um die offizielle angemeldete Versammlung der Gruppierung gehandelt haben, sagte Madeleine Feige von der Wellenlänge und teilte auf Facebook mit, das die geplante Demonstration abgesagt sei. Zum Konflikt kam es, als die Stadt der Wellenlänge nur einen Teil des Neumarktes zugewiesen hatte: Die Mitglieder wollten den kompletten Neumarkt für sich reklamieren, von 10 Uhr bis 2 Uhr in der Nacht zum Mittwoch - ungeachtet ihrer meist sehr überschaubaren Anzahl an Unterstützern.

Die Versammlungsbehörde der Stadt hatte versucht, die parallelen Veranstaltungen auf dem Neumarkt – wie das stille Gedenken vor der Frauenkirche – zu schützen, indem sie den „Wellenlängen“ nur einen Teil des Platzes zugestand. Das passte den Anmeldern aber nicht: Sie gingen über Verwaltungsgericht und Oberverwaltungsgericht gegen die Entscheidung vor. Vergeblich, denn die Richter gaben der Stadt recht.

Auch auf dem Heidefriedhof wurden dieses Jahr wieder Kränze niedergelegt. Dort hatten sich am Vormittag etwa 50 Menschen zum Gedenken versammelt. Eingeladen hatte der Verein Denk Mal Fort, der die Veranstaltung zum 13. Februar auf diesem Friedhof organisiert, seit es dort keine zentrale Gedenkveranstaltung mehr gibt.

Bürgermeister Detlef Sittel (CDU) vertrat dabei die Stadtspitze. Daniel Frank, Leiter des Katholischen Büros Bistum Dresden-Meißen sagte, der 13. Februar 1945, ein Mittwoch, sei zum Aschermittwoch von Dresden geworden. „Die zertrümmerte, zerstörte Stadt war der Anfang für einen Frieden“. Auch Vertreter der NPD legten Kränze auf dem Heidefriedhof nieder.

Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) und Landtagspräsidenten Matthias Rößler legten an einer Gedenkstätte auf dem Alten Annenfriedhof Kränze nieder und erinnerten an die 25 000 Toten der Bombennächte vom 13. Februar 1945 und den darauf folgenden Tagen. Holzkreuze wurden in den Rasen gesteckt, um den Opfern symbolisch einen Namen zu geben.

Zudem flatterte der Behörde noch eine Anmeldung für ein „stilles Gedenken der Opfer des Luftangriffes“ auf dem Altmarkt auf den Tisch. Das Spektrum der Anmelder ist unbekannt, wird aber als eher rechts eingeordnet. (mit dpa)

Der Verlauf der Menschenkette