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Freitag, 19.02.2016

„Döbeln wehrt sich“ soll sich schämen

Hunderte haben die Ankunft von Flüchtlingen blockiert. „Döbeln wehrt sich“ lädt ein Video davon im Internet hoch. Das Entsetzen ist groß.

Von Tina Soltysiak

Screenshot von den Ereignissen bei der Ankunft von Asylbewerbern in Clausnitz von der Facebook-Seite „Döbeln wehrt sich - Meine Stimme gegen Überfremdung“.
Screenshot von den Ereignissen bei der Ankunft von Asylbewerbern in Clausnitz von der Facebook-Seite „Döbeln wehrt sich - Meine Stimme gegen Überfremdung“.

Clausnitz/Döbeln. Für 20 Asylbewerber muss ihre Ankunft am Donnerstagabend im mittelsächsischen Clausnitz schrecklich gewesen sein. Etwa einhundert Personen haben sich um den Bus mit den Flüchtlingen versammelt, „Wir sind das Volk“ geschrien und die Zufahrt zur Unterkunft blockiert. Von dem Vorfall existiert ein Video. Das hat zuerst die Gruppe „Döbeln wehrt sich“ im sozialen Netzwerk Facebook hochgeladen. Die Gruppen-Administratoren scheinen die Aktion gutzuheißen. Denn sie hatten dazu ein „Applaus-Emoji“ hinzugefügt. Bis etwa 10.30 Uhr war dieser Beitrag über 2 000 Mal öffentlich geteilt worden. Facebook-Nutzer hatten mehr als 900 Kommentare hinterlassen. Deren Tenor war allerdings einheitlich ablehnend bezüglich des Verhaltens der Blockierer von Clausnitz.

Kinder eingeschüchtert

Das Gebaren von „Döbeln wehrt sich“ sorgt für Entsetzen, Empörung und Ablehnung. Die Initiatoren der Seite „Döbeln bleibt bunt“ positionieren sich dazu: „Was bleibt, sind die ekligen Bilder, wie vorwiegend junge deutsche Männer versuchen, Frauen und Kinder einzuschüchtern. Aber sicher ist auch: Wir bleiben dran. Wir sind solidarisch, mit denen, die unsere Hilfe brauchen, klären über Fluchtursachen auf und treten rechten Umtrieben konsequent entgegen. Döbeln bleibt bunt!“

Henning Homann, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag und Abgeordneter aus Döbeln, sagt: „Der Vorfall in Clausnitz ist beschämend. Das Einschüchtern von Kindern, Frauen und Männern ist absolut inakzeptabel.“ Die Veröffentlichung auf der Facebook-Seite von „Döbeln wehrt sich“ lege laut Homann den Verdacht nahe, dass dieses Video von Döbelner Neonazis aus dem Umfeld der 2013 verbotenen „Nationalen Sozialisten Döbeln“ stamme.

Ruf der Stadt Döbeln geschädigt

„Die Initiatoren von „Döbeln wehrt sich“ zeigen nicht nur ihr menschenverachtendes Gesicht, sie schaden damit auch dem Ruf unserer Stadt“, erklärt Homann. Dasselbe denkt Thomas Hanns, Dezernent Technischer Bereich der Stadt Döbeln. In Vertretung des Oberbürgermeisters Hans-Joachim Egerer (CDU) lässt er auf DA-Nachfrage ausrichten: „Wir verurteilen, dass die Stadt Döbeln im Zusammenhang mit dem Geschehen in Clausnitz genannt wird. Es kann nicht sein, dass der gute Name, den sich Döbeln erworben hat, auf die Art und Weise in den Schmutz gezogen wird.“

Die Döbelner hätten schon oft bewiesen, dass sie bereit sind, Menschen, die in Not geraten sind, zu helfen. Es gibt mittlerweile fünf Einrichtungen, in denen Asylsuchende leben. „Viele Menschen aus unserer Stadt engagieren sich dort und sind bemüht, den Asylsuchenden Unterstützung und Hilfe zukommen zu lassen. Wir distanzieren uns von jeglichen fremdenfeindlichen Aktivitäten“, ergänzt Thomas Hanns.

Diejenigen, die engagiert helfen, sind auch die Mitglieder und Unterstützer des Bündnisses „Willkommen in Döbeln“. Sie seien „erschüttert von den Vorfällen in Clausnitz“. Auf ihrer Facebook-Seite betonen sie: „,Döbeln wehrt sich’ steht nicht für alle Döbelner. Unsere Initiative stellt sich gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz. Miteinander und nicht nebeneinander, menschlich und nicht menschenfeindlich, offen und nicht misstrauisch.“

Laut Homann existiere in Döbeln ein kleiner, aber harter Kern von Neonazis, der insbesondere die sozialen Netzwerke nutze, um Hetze zu verbreiten. „Vorfälle wie diese zeigen, wie wichtig es ist, Initiativen wie ‚Döbeln ist bunt‘ und das ‚Döbelner Willkommensbündnis‘ zu unterstützen. Hier werden Integrationsangebote organisiert und wir halten seit Jahren erfolgreich dagegen, wenn Neonazis in Döbeln demonstrieren wollen“, erklärt er.

Landrat fordert Konsequenzen

Mittelsachsens Landrat Matthias Damm (CDU) findet klare Worte: „Eine solche Art der Proteste verurteile ich aufs Schärfste. Man kann zum Thema Asyl unterschiedliche Meinungen haben. Aber es kann nicht sein, dass Asylsuchende und besonders Kinder so verängstigt und bedroht werden. Das geht zu weit.“ Eine hasserfüllte Minderheit vermittle ein Menschenbild, das „unserer Region überhaupt nicht entspricht“. Es betont mit Nachdruck: „Man kann zu dem Thema Asyl stehen, wie man will, aber eines darf es nicht geben – Gewalt gegen Menschen und gegen Sachwerte. Die unterschiedlichen Auffassungen sind mit demokratischen und rechtsstaatlichen Mitteln zu klären und nicht mit Gewalt. Hier muss sich der Rechtsstaat auch deutlich wehren und ein Zeichen setzen.“

Die mittelsächsische SPD-Bundestagsabgeordnete Simone Raatz fragt sich, „woher der Hass bei einigen Menschen in Sachsen kommt, die selbst nicht davor zurückschrecken, Asylsuchende aus Kriegsgebieten mit verbalen Attacken zu belästigen und einzuschüchtern“. Der Vorfall in Clausnitz zeige „die Verrohung und den Verlust von Scham und Anstand in Teilen unserer Gesellschaft. Ich bitte daher alle, bei denen Herz und Verstand am richtigen Fleck sitzen, dieser Hetze deutlich entgegenzutreten.

Platz für 25 Asylsuchende

Die vermutete Verbindung zu „Döbeln wehrt sich“ und den verbotenen „Nationalen Sozialisten Döbeln“ zeige, „dass es rechtsextremen Kreisen aktuell erfolgreich gelingt, in die Mitte der Bevölkerung durchzudringen“, ergänzt Simone Raatz. Wer Kinder, Frauen und Männer, die vor Krieg und Elend flüchten, mit solchen Methoden einzuschüchtern versucht, verlasse den Boden der freiheitlich demokratischen Gesellschaft.

Im Ortsteil Clausnitz der Gemeinde Rechenberg-Bienenmühle sind am Donnerstag erstmalig Wohnungen mit insgesamt 20 Asylsuchenden – zehn Frauen, fünf Männer und fünf Kinder – belegt worden. „Insgesamt wurden zehn Wohnungen angemietet, neun sind für die eigentliche Unterbringung und eine für den administrativen Bereich, die Kapazität liegt bei 25 Personen“, so Landkreissprecher André Kaiser. Die Asylsuchenden stammen aus dem Iran, Syrien, Afghanistan und Libanon