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Mittwoch, 27.09.2017

Disneyland im Villenviertel?

Die neobarocke Villa Tolkewitzer Straße 57 ist 2014 verschwunden. Der Eigentümer wehrt sich gegen den Wiederaufbau.

Von Christoph Springer

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So wie auf diesem Foto aus dem Jahr 2004 soll die Villa künftig wieder aussehen. Die Stadt verlangt ihren „sicht- und materialidentischen“ Wiederaufbau.
So wie auf diesem Foto aus dem Jahr 2004 soll die Villa künftig wieder aussehen. Die Stadt verlangt ihren „sicht- und materialidentischen“ Wiederaufbau.

© Giorgio Michele

Wie viel muss von einem Baudenkmal erhalten sein, damit es auch nach seinem Wiederaufbau ein Denkmal ist? Reicht es, wenn noch ein paar Mauern stehen geblieben sind und einzelne Steine wiederverwendet werden? Ja, das reicht. So hat die Stadt diese Frage bei der Frauenkirche beantwortet. Ob diese Kriterien auch für die Villa Tolkewitzer Straße 57 gelten, die Mitte 2014 verschwunden ist, muss zurzeit das Verwaltungsgericht Dresden klären. Die Stadt verlangt den Wiederaufbau, „sicht- und materialidentisch“. Eigentümer Dieter K. aus Hessen hält das für eine Zumutung und wehrt sich mit allen Mitteln gegen diese Forderung.

Dabei ist er bereits vor drei Jahren zu weit gegangen, sind die Denkmalschützer überzeugt, die vor dem Gericht von Alexandra Zschörnig-Kempe aus dem Rechtsamt des Rathauses vertreten werden. Statt die Reste des Gebäudes nach zwei Bränden zu retten, wie die Stadt es nach Angaben von Frau Zschörnig-Kempe in drei Anordnungen verlangt hat, habe der heute 77-Jährige die Villa abreißen lassen, sagte sie.

Dieter K. kann nur schwer an sich halten, während die Rechtsvertreterin der Stadt diesen Vorwurf erklärt. Später beschreibt ein Kollege aus dem Denkmalamt, was er gesehen hat, als er am Morgen des 16. Mai 2014 zu der Villa gerufen wurde. „Es war unmöglich, hineinzukommen“, erinnert er sich. Dieter K. habe die Fachleute aus dem Amt von seinem Grundstück verwiesen. „Eine Stunde haben wir mit ansehen müssen, wie ein Bagger frontal in die vordere Hauswand gefahren ist.“ Erst als die Polizei erschien, stoppt K. den Bagger. Laut dem Denkmalamt hat er seine Abrissaktion am 16. Juni 2016 komplettiert. „Da wurden weitere mindestens 50 Prozent der Villa zerstört“, so der Denkmalschützer.

Der 77-jährige Ex-Dresdner will das nicht hinnehmen. K. musste sich bereits gegen die Behauptung wehren, die Villa selbst in Brand gesteckt zu haben. Das Strafverfahren gegen ihn wurde von der Staatsanwaltschaft ohne Verhandlung eingestellt, der Rentner aus Rüsselsheim kam nicht als Täter infrage.

Sein Mandant habe versucht, die Sicherungsauflagen zu erfüllen, die die Stadt ihm auferlegt hatte, erklärte sein Anwalt Christoph Schmidt. Das sei nicht wie gewünscht gelungen. „Die Außenwände waren bereits ein Stück nach außen gekippt, erklärte Dieter K., der selbst Ingenieur ist. Der Grund: Eine Metallsicherung fehlte, die die Wände zusammenhält. Es drohte die Gefahr, dass eine ganze Mauer oder einzelne Steine auf den neben seinem Grundstück verlaufenden Elberadweg in Blasewitz stürzen.

Diese Details standen für die 7. Kammer des Verwaltungsgerichts unter Leitung von Gerichtspräsidentin Claudia Kucklick am Dienstag nicht im Mittelpunkt. Sie interessiert zunächst nur, ob das Denkmal, das Dieter K. laut Anordnung wiederaufbauen soll, überhaupt noch ein solches ist, wenn der Rentner diese Anordnung befolgt hat. „Danach ist es kein Denkmal mehr“, sagte ein Vertreter des Landesamtes für Denkmalpflege bei der Verhandlung. Schließlich sei bis zur Kelleroberkante alles weg, das sei dann eher ein „Disneyland-Objekt“.

So ähnlich ist das auch auf dem Neumarkt. Kein Haus, auch kein sogenannter Leitbau, der entsprechend seinem Vorbild wiederaufgebaut worden ist, gilt dort als Baudenkmal und steht unter Denkmalschutz. Diesen besonderen Status hat nur die Frauenkirche.

Das Verwaltungsgericht will nun entscheiden, ob Dieter K. die Wiederaufbau-Anordnung der Stadt befolgen muss. Sollte ein Urteil gegen diese Forderung fallen, müssen ein Ingenieur und ein Denkmalschützer als Zeugen gehört werden, die etwas zum Zustand der Villa Mitte April und Mitte Mai 2014 sagen können. Da war aus Sicht der Stadt noch so viel erhaltenswerte Bausubstanz vorhanden, dass es sich wie bei der Frauenkirche auch nach der Rekonstruktion des Gebäudes noch um ein Denkmal gehandelt hätte. Dieter K. sieht sich dagegen im Recht: „Das Denkmal besteht nicht mehr und wir haben es nicht zerstört“, sagte er nach der Verhandlung.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 14 Kommentare

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  1. knut knebel

    Wunderbar, wie auch dieser Fall im abseitigen Klein-Klein unserer Justiz zerquasselt wird, wo nachsichtige und stets von Tätern zu Tränen gerührte Richter-Damen mit langen und exotischen Bindestrichnamen in weichen Knien versinken. Ich sehe es schon kommen, erneut wird ein klarer Rechtsbruch nicht geahndet, den Immobiliengaunern und Kulturbanausen damit Tür und Tor geöffnet. Das wiederum durchsteigen diese Richter(innen) leider nicht, schüren auch dadurch jede Menge Frustration in Einwohnerschaft und zB Polizei. Dieser Verbrecher hier gehört deutlich abgestraft. Er wartet doch nur, bis die Beauflagung am Grundstück aufgehoben wird. Eine Justiz, welche vor lauter Suche nach Entlastungsgründen das Ganze und Klare aus den Augen verliert, zerrüttet das Vertrauen in der Gesellschaft. Dieses Bild liegt inzwischen vielfältig vor, der Mensch war und bleibt immer so, Strafe gehört bisweilen dazu, unsere Justiz sollte ihren roten Teppich für Täter einrollen, da er nur dreist ausgenutzt wird.

  2. @1

    Die Suche nach Entlastungsgründen ist genauso Aufgabe der Justiz wie die Suche nach Belastungsgründen. Der Gesetzgeber gibt nicht ohne Grund eine Spanne im Strafmaß vor. Am Ende sollte man im Schnitt in der Mitte liegen.

  3. elbgeistDD

    Der Staat selbst handhabt das Denkmalschutz-Recht wie es ihm passt. Bestes Beispiel das ehemalige Hansa-Haus auf dem Flughafen - ein Zeugnis früher Flughafenarchitektur und unter Denkmalschutz gewesen. Der Flughafen benötige Stellfläche für die Kleinflugzeuge von Großverdienern - schwupps war das Hansahaus entwidmet und, saniert wie es war, abgerissen. Und dieser Staat will seinen Bürgern etwas von Recht erzählen?

  4. Volker W.

    Was ist das denkmalerische an dem Haus? Ist es das neobarocke? Für wen ist es wertvoll? Ich fahre seit Jahrzehnten regelmäßig auf der Tolkewitzer lang. Der Schillerplatz ist für mich ein innerstädtisches Kleinod. Aber diese Villa ist mir noch nie irgendwie erwähnenswert aufgefallen.

  5. @ 1. geknebelter knuti

    Verstehendes Lesen ist nicht Ihre Stärke - soweit erstmal nichts neues. Die Dame mit dem Doppelnamen ist nicht Richterin, sondern Rechtsvertreterin der Stadt. Ob der Abbruch eines Gebäudes in einem Zustand, den der Eigentümer offenkundig nicht selbst verursacht hat, strafbar ist, entscheidet das Gericht, und nicht der polternde Pöbel. Insbesondere, wenn der polternde Pöbel mal wieder vom Thema keine Ahnung hat. Die den Rechtsstaat ablehnenden Dauerpöbler übersehen mangels Interesses, dass eine solche nicht selbstverschuldete Brandschadenwiederherstellung bereits unverhältnismäßig sein könnte. Von der Tatsache, dass das Sächsische Denkmalschutzgesetz verfassungswidrig ist, ganz abgesehen. Aber wenn man sich für nichts interessiert, außer man kann sinnlos pöbeln, kommt eben nur Geblöke.

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