Samstag, 16.02.2013

„Die Zipperlein sind lästig“

Sebastian Koch über alternde Actionhelden, den Dreh mit Bruce Willis und Treue in Hollywood.

Ein ungewöhnliches Paar: Sebastian Koch und Bruce Willis sind zum ersten Mal gemeinsam zu sehen.Foto: Britta Pedersen/dpa
Ein ungewöhnliches Paar: Sebastian Koch und Bruce Willis sind zum ersten Mal gemeinsam zu sehen.Foto: Britta Pedersen/dpa

Bislang kannte man Sebastian Koch vor allem als Charakterdarsteller von schwierigen, feingezeichneten Historienfiguren wie Albert Speer, Graf Stauffenberg oder dem DDR-Dissidenten im Oscar-Drama „Das Leben der Anderen“. Jetzt aber hat Hollywood den sensiblen 50-Jährigen fest am Wickel. In der fünften Auflage von „Stirb Langsam“ ist Getöse, Gehaue und Geballere an der Tagesordnung. Actionheld Bruce Willis ist das ja längst gewohnt, doch wie um alles in der Welt kommt Sebastian Koch an seine Seite?

Herr Koch, Sie und Bruce Willis – das ist eine eigenwillige Paarung. Wie sind Sie zu „Stirb langsam“ gekommen?

Regisseur John Moore wollte seit „Das Leben der Anderen“ mit mir arbeiten und hat immer nach einer Möglichkeit dafür gesucht. Das war natürlich eine gute Voraussetzung, um diese Rolle zu spielen.

Wen spielen Sie hier? Den Bösewicht?

Ich will nichts vorweg nehmen aber so viel darf ich verraten: Ich spiele den Russen Jurij Komorov, einen undurchsichtigen Typen, der im Hochsicherheitstrakt sitzt. Er war mal Atomforscher in Tschernobyl und hat dort Plutonium verschwinden lassen. Sein damaliger Komplize ging in die Politik und will verhindern, dass Jurij auspackt. Der Prozess platzt, Jurij flieht und muss vor Moskaus Unterwelt beschützt werden.

Einsatz für Mister Willis.

Ja, da ist alles dabei, was „Stirb Langsam“ ausmacht: Schüsse, Explosionen, Verfolgungen. Eine Autoverfolgungsjagd geht über acht Minuten. Das ist die größte und beeindruckendste, die ich je gesehen habe.

Was ist bei Hollywoodproduktionen anders als in Europa?

Man muss sich das wie einen Riesendampfer vorstellen, der lange braucht, um sich überhaupt zu bewegen. Es arbeiten unendlich viele Leute mit, um die 250, es ist sehr viel Geld da und unglaubliche Sets.

Wie kamen Sie denn mit Willis aus? Gab es auch private Kontakte über die Arbeit hinaus?

Bruce war gerade erst Vater geworden und hatte seine Frau und das Baby dabei. Daher zog er sich eher zurück. Wir sind nicht jeden Abend etwas trinken gegangen, aber die Begegnungen beim Drehen waren intensiv. Er improvisiert sehr gerne, was als Partner spannend ist, da man sich immer neu darauf einlassen muss. Bruce ist ja auch der Produzent, er hat also größten Einfluss auf das, was da passiert.

Wich er häufig vom Drehplan ab?

Sehr oft! Einmal sollte er laut Drehbuch mit Kreditkarte bezahlen, dann sollten wir den Shop verlassen. Er hat daraus vier Minuten Slapstick gemacht: zog eine Karte nach der anderen, flirtete mit der Verkäuferin, bis er die Richtige hatte.

Hat Sie die Größe der Produktion überrascht?

Der Aufwand, mit dem die Settings gestaltet wurden, hat mich sehr beeindruckt. Aber sobald die Kamera läuft, sind Dreharbeiten überall gleich. In den letzten anderthalb Jahren habe ich fünf extrem unterschiedliche Filme gemacht. Das macht mich glücklich.

Auch Ihr Kollege Christoph Waltz ist derzeit so überglücklich und von seinem Job erfüllt. Ist das eine Frage des Alters oder der Einsicht?

Das kann man nicht vergleichen. Bei Christoph hat sich das ja fast über Nacht eingestellt. Bei mir hat es sich langsam aufgebaut, seit „Das Leben der Anderen“. Ich versuche nach wie vor bei mir zu bleiben, also nie etwas zu machen, was ich nicht wirklich will und woran ich nicht glaube. Das hat mich bis jetzt ganz gut geführt. Gerne kann es so weitergehen.

Passt Treue zu Hollywood?

Dort funktioniert etwas wie „Stirb langsam“ gut, eben weil es sich treu bleibt. Man kann die Uhr danach stellen: Wenn Bruce Willis seine Jacke auszieht, dann gibt’s Blut und Dreck, und irgendwann wird das Hemd ausgezogen und geschossen. Das sind Regeln, die bei so einer Reihe auch gewünscht sind. Die Fans warten darauf. „Stirb Langsam“ ist eine Marke.

Konnten Sie mit dieser Rolle auch ihre 17-jährige Tochter beeindrucken?

Sie hat mich natürlich besucht. Dieses Mal war’s besonders aufregend für sie, weil das Setting so groß war. Und dass der eigene Vater da mittendrin ist, das hat sie schon beeindruckt.

Ist es Ihnen wichtig, dass sie viel von Ihrem Beruf erfährt?

Ich musste während der Vorbereitungen zu „Stirb Langsam“ voller Entsetzen feststellen, dass ich viereinhalb Monate nicht in Berlin sein kann. Der Dreh erforderte, dass ich durchgehend vor Ort in Budapest zu sein hatte. Da meine Tochter damals bei mir lebte, war das eine große Organisationssache. Zum Glück hatte sie bald Ferien und kam zu mir. Eigentlich hat sich das als ideal herausgestellt, weil sie in Budapest jobben und Englisch sprechen konnte. Ich hatte ein großes Apartment mit Terrasse gemietet und sozusagen meinen Lebensmittelpunkt von Berlin nach Ungarn verlegt. Viele Freunde waren da, wir haben Musik gemacht und hatten eine gute Zeit. Budapest ist eine wunderschöne Stadt, vor allem im Sommer.

Hat Ihre Tochter Interesse am Schauspielen – und Talent?

Etwas ist davon in ihr. Aber ich mische mich da nicht ein. Das muss von ihr kommen, ich will sie weder pushen noch bremsen. Es gehört heute ein enormer Wille dazu. Sie hat jetzt die Chance, das in England herauszufinden.

Studiert sie dort?

Nein, sie geht dort zur Schule bis zum Abitur. Da ich immer mehr in England drehe, hat es sich angeboten, dass sie das dort macht. Sie hat viel Spaß, ich kann mir vorstellen, dass sie länger bleibt.

Warum hat Sie bei Ihnen gewohnt?

Das kommt ja immer wieder vor, dass Kinder in einem bestimmten Alter mal beim anderen Elternteil leben wollen. Ich bin sehr froh darüber, weil ich selber viel aus dieser Zeit mitgenommen habe. Wir haben dadurch eine sehr enge Verbindung bekommen, die toll ist und trägt.

Sie sind letztes Jahr 50 geworden. Wären Sie noch mal gern 30?

Ich wäre nur gern im Körper des 30-Jährigen, das ist alles. Das Schöne am Älterwerden ist ja, dass der Geist sich entwickelt hat und man viele Erfahrungen gesammelt hat, die einen nicht mehr in die ewig selben Fallen tappen lassen. Es ist nur lästig, dass der Körper mit 50 so langsam anfängt zu altern, mit einem Zipperlein hier und dort. Wer sagt, dass das toll ist, hat einen an der Waffel.

Das Interview führte Mariam Schaghaghi.

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