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Freitag, 12.01.2018

Die Welt-Kita im Plattenbau

Die Kinder der syrischen Familie Sido werden jetzt im Dresdner „Sonnenland“ betreut. Ihre Spielkameraden kommen aus elf Ländern. Das macht die Integration nicht einfacher.

Von Olaf Kittel

Sozialpädagogin Ania Jovo, geboren in Mosambik, spielt mit den syrischen Flüchtlingskindern Reva (links) und Kamal Sido und hilft ihnen, die deutsche Sprache zu erlernen.
Sozialpädagogin Ania Jovo, geboren in Mosambik, spielt mit den syrischen Flüchtlingskindern Reva (links) und Kamal Sido und hilft ihnen, die deutsche Sprache zu erlernen.

© Thomas Kretschel

Was ist denn hier los? Reva und Kamal sitzen still und geduldig am Tisch beim zweiten Frühstück, Reva haut ordentlich rein, Kamal mäkelt. Brav warten beide, bis ein kleiner Nachtisch freigegeben wird, den sie dann ruckzuck wegspachteln. Ist mit den Sido-Kindern ein Wunder geschehen? Noch vor ein paar Wochen konnten sie keine drei Sekunden still sitzen, am Tisch essen war nahezu unmöglich, Zofferei des großen Bruders mit der kleinen Schwester der Normalfall. Jetzt trinken sie hier sogar ungesüßten Tee, den sie noch im Herbst mit Abscheu und Empörung von sich gewiesen hätten. Reva, knapp zwei Jahre alt, und Kamal, gerade drei geworden, sind wie verwandelt.

Wie haben Sie das denn hinbekommen, Frau Oberländer? Die junge Erzieherin, in Kirgisien geboren, schmunzelt. „Mit viel Geduld und liebvoller Zuwendung.“ Sie erzählt, wie Reva in den ersten Kita-Tagen im Oktober praktisch kein Wort verstanden hat und deshalb schwer irritiert war. Jyldyz Oberländer probierte verschiedene Sprachen aus und stellte fest, dass Reva ein bisschen Türkisch versteht, wahrscheinlich, weil es dem Kurdischen ähnlich ist. Beide waren erleichtert, seither ist Frau Oberländer die Bezugsperson für Reva.

Kamal weinte in den ersten Tagen viel, bockte, zog sich zurück. Nichts stimmte mehr im Koordinatensystem des kleinen Kurden. Inzwischen spricht er einige Worte, nicht mehr nur „Neeiin!“. Wenn er Hände waschen gehen soll, dreht er sich wortlos um und marschiert schnurstracks Richtung Bad. Der Flüchtlingsjunge wirkt ausgeglichen, hat erste Freundschaften geschlossen. Seine Lieblingsbeschäftigung ist es gerade, Schränke und Schubladen auszuräumen, mit viel Krafteinsatz. Das Einräumen dauert deutlich länger, es wird von den Erzieherinnen mit Engelsgeduld begleitet. Die Kinder sollen sich selbst ausprobieren und in Ruhe entwickeln können. „Bitte helfen“ gehört zu den ersten Worten, die sie den Sidos beigebracht haben. Keine Frage, die Kita tut den beiden ausgesprochen gut. Der Umgang mit anderen Kindern, die klaren Regeln, die Geduld.

Die Kinderrunde am Frühstückstisch hat noch eine andere Überraschung parat. Neben Kamal und Reva sitzen Abdullah und Samira, Peivin und Wardullah, Arabella und Finnley. Zehn Kinder aus sieben Ländern, insgesamt sind in der Kita elf Nationalitäten versammelt, die größten Gruppen bilden Syrer und Tschetschenen, viele Flüchtlinge darunter, aber auch ein kleiner Portugiese und ein Rumäne.

Sie verstehen sich gut, sie lachen gemeinsam, es geht gesittet zu, einige schwatzen munter in Deutsch, manchmal klingt auch Sächsisch durch. Deutsch ist die Umgangssprache, auch wenn vor Beginn der Mahlzeit ein kleines Lied in Englisch gesungen wird: „Are you hungry, are you hungry?“, und die erfahreneren Kita-Kinder antworten: „Yes, I am. Yes, I am.“ Das „Sonnenland“ ist zur Welt-Kita geworden, wie es sie in Dresden bisher nur an der TU gab. Die Kinder sächsischer Eltern sind hier in der Minderheit.

Ute Seifert, die Geschäftsführerin der Bürgerhilfe Sachsen, die mehrere Kindereinrichtungen, darunter das „Gorbitzer Sonnenland“ betreibt, erklärt, wie es dazu kam: Gorbitz und die anderen Plattenbaugebiete hatten sich in den 90er-Jahren geleert, nach dem Jahr 2000 zogen dann aber wieder viele junge Leute her, der preiswerten Mieten wegen. Auch damals schon Flüchtlinge. Nun wurden wieder mehr Plätze in Kindereinrichtungen gebraucht. 2015 ging dann alles sehr schnell. Viele Flüchtlinge zogen her, Vonovia half ihnen dabei, die Wohnungsgesellschaft konnte so den Leerstand deutlich verringern. Als dieser Trend sich abzeichnete, schenkte Frau Seifert ihren Erzieherinnen das Buschkowsky-Buch „Neukölln ist überall“.

Familie Sido, die eigentlich lieber in den Norden Dresdens gezogen wäre, gefiel das nicht, sie wollten unter Deutsche, der einfacheren Integration ihrer Kinder wegen. Aber kein privater Wohnungseigentümer in Dresden vermietete ihnen eine Wohnung, auch nicht an verkehrsreichen Straßen. Bei immerhin zehn Firmen hatten sie es versucht, bei keinem durften sie sich auch nur vorstellen. Das Ergebnis dieser Blockade ist, dass sich die Flüchtlinge nun in den Plattenbauvierteln ballen. Genau das wollte Sachsen eigentlich verhindern.

In die jüngste Gruppe vom „Sonnenland“, die „Schneckengruppe“, gehen jetzt zehn Kinder, davon acht ausländische. Weitere zehn stehen auf der Warteliste, alles Flüchtlinge. In der Kita beträgt der Ausländeranteil 62 Prozent. Tendenz: steigend. So oder so ähnlich soll es jetzt in Kindereinrichtungen in fünf Dresdner Stadtteilen aussehen. Sabine Bibas, die Betriebsleiterin des Eigenbetriebs kommunaler Kitas, bestätigt diesen Trend. Neben Gorbitz, Prohlis, Johannstadt und der Friedrichstadt betrifft es auch das Plattenbaugebiet an der St. Petersburger Straße im Zentrum. Es sind wohl nicht viele Kitas, genaue Zahlen liegen nicht vor, aber für die betreffenden Einrichtungen ist diese Entwicklung schwierig, vor allem weil sie praktisch von heute auf morgen geschah. Versuche, die Kinder besser zu verteilen, scheiterten oft am Widerstand der Flüchtlingsfamilien.

Mit diesem Zustand, den keiner wollte und auf den niemand vorbereitet war, müssen die Erzieherinnen nun klarkommen. Sie tun es mit hohem Einsatz und Improvisationstalent. Im Morgenkreis der „Dschungelgruppe“ sprechen sie heute über den Winter, der bisher kein richtiger ist. Ein Flüchtlingsjunge wird zum Fenster geschickt, um zu berichten, wie das Wetter ist. „Regnet“ kommt kurz und knapp zurück. Man spricht darüber, wie der Winter hier sonst so ist. Kamal und einige der Neuen verstehen noch nichts und gucken in der Gegend herum. Noch schwieriger ist das Thema Weihnachten, welche Geschenke es gab. Die Erzieherinnen wollen das Thema, auch wenn hier Deutsche in der Minderheit sind. Alle sollen zu ihrem Recht kommen. Für Kinder aus muslimischen Familien ist das weniger angenehm. Dafür müssen deutsche Kinder hinnehmen, dass es nicht so schnell vorangeht. Bisher kommen alle Eltern damit klar.

Die Erzieherinnen wünschen sich für diese sensible Arbeit personelle Unterstützung, auch mehr Kollegen mit Migrationshintergrund und Fremdsprachenkenntnissen. Wie Ania Jovo, Tochter eines mosambikanischen Vertragsarbeiters aus DDR-Zeiten. Sie hat jetzt hier eine halbe Stelle als Sozialpädagogin, sie weiß ganz gut, wie man sich als Fremde fühlt. Sie hilft den Kolleginnen mit der Aktion „Sprache kommt in Bewegung“. Die Kinder sollen spielerisch Deutsch lernen, bei Sport, Musik und Tanz. So können die Kleinen, meint Frau Jovo, die Sprache in zwei Monaten lernen.

Mindestens genauso dringend wird sie für die Kontakte mit den Eltern gebraucht. Es ist die größte Last für die Erzieher, sehr zeitaufwendig. Ein Elterngespräch mit einer somalischen Familie dauerte kürzlich volle drei Stunden. Zeit, die für die Kinder verloren geht. Oft fehlt auch die Verständigungsmöglichkeit. Die Mütter können ja erst den Deutschkurs besuchen, wenn sie Kitaplätze haben. In diesen Gesprächen müssen kulturelle Unterschiede überbrückt werden. Die Eltern sollen verstehen, was sie Kindern anziehen und mitgeben müssen, was aufs Pausenbrot gehört und was nicht, dass hier Pünktlichkeit wichtig ist, früh und abends. Diese Gespräche sind oft ein Schnellkurs in deutscher Alltagskultur und strengen beide Seiten an. Sie helfen aber. Familie Sido hat gerade erst einen richtig schönen Kindergeburtstag ausgerichtet und einen großen Kuchen in die Kita mitgegeben. Kamal war stolz wie Bolle.

Erhält denn die Kita „Gorbitzer Sonnenland“ die notwendige Unterstützung für ihre außergewöhnliche Leistung? Angelika Gazsi, die Chefin der Einrichtung, versucht, sich mit ihren Mitarbeiterinnen erst einmal selbst zu helfen. Bald wird eine Mutter 20 Stunden pro Monat ehrenamtlich einspringen, für 40 Euro Aufwandsentschädigung. Sie soll bei Ausflügen unterstützen oder bei Elterngesprächen. Die Kita bemüht sich um den Einsatz von Bufdis.

Aber das wird alles noch nicht reichen. Frau Gazsi wünscht sich sehr, dass für solche Einrichtungen wie das „Sonnenland“ ein anderer Betreuungsschlüssel gilt, nicht 1:5 wie in der „normalen“ Krippe und 1:12 in der Kita. Überhaupt, sie betont das sehr, sollte die Gesellschaft dem sozialen Bereich mehr Wertschätzung zukommen lassen. Dazu gehört auch die Bezahlung. Es ist so schon schwer genug, qualifiziertes Personal zu finden. Von den Erzieherinnen ist zu hören, dass sie hier auch noch geringer bezahlt werden als in kommunalen Kitas.

Den Betreuungsschlüssel sieht auch Sabine Bibas als Kern des Problems. Mindestens im ersten Jahr einer solchen Entwicklung sollten die betreffenden Kitas mehr Personal erhalten. Aber alle ihre Bemühungen, die dafür notwendigen, durchaus bescheidenen Finanzmittel durchzusetzen, scheiterten sowohl am Land Sachsen als auch im Stadtrat. Nicht einer einzigen Stadtratsfraktion war das Thema wichtig genug, um sich dafür zu engagieren. So bleibt Frau Bibas der Verweis auf mehrsprachige Infoblätter, Weiterbildungsangebote und ihr Drängen auf Anerkennung ausländischer Abschlüsse, um Erzieher mit Migrationshintergrund einstellen zu können.

Inzwischen ist in der Kita das Mittagessen vorbei und Mittagsschlaf angesagt. Reva kuschelt sich schnell auf ihrer Matte ins Kissen und schläft bald ein. Kamal trödelt noch ein bisschen, braucht ziemlich lange, bis er sich ausgezogen hat und schließlich unter seiner Decke verschwindet. Aber auch er ruht bald.

Als sich dann die letzte Erzieherin leise aus dem Zimmer schleicht, kommt noch ein kleines Mädchen aus dem Bad gelaufen. Es ist Samira aus Tschetschenien, ein kleines blasses Kind mit dunklem Haar. Bei ihrem Anblick muss auch die Erzieherin lachen: Samira trägt heute ein knallrotes Shirt, auf dem in ganz großen Lettern steht: „I am the future“.

Gut, dass sie daran erinnert.