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Mittwoch, 22.02.2006

Die Versorgung der Zukunft ist ganz alt

Medizin. Die Polikliniken aus dem Osten erleben im Westen eine unvermutete Renaissance.

Von Peter Heimann,Berlin

Der überraschte Patient wunderte sich, wen er da bei seinem neuen Doktor traf: „Det is doch die Jesundheitstante.“ Tatsächlich, gleich hinter der Fernsehkamera kam Ulla Schmidt. Sie hatte ihr berühmtes Lächeln angeschaltet und ließ sich in Friedenau, mitten im alten Westberlin, erzählen, wie prima die neue Poliklinik sei.

Wie in der alten DDR sollte das brandneue medizinische Versorgungszentrum dann aber doch nicht heißen, fanden die Marketingexperten des Hauses. Sie überlegten und überlegten und fanden „Polikum“ ganz nett. So nennt sich die Poliklinik in Friedenau nun eben so. Die Bundesgesundheitsministerin, die die koordinierte ambulante Behandlung aus einer Hand 2004 rechtlich ermöglichte, war voll des Lobes: „Das ist die medizinische Versorgungsform der Zukunft.“ Ulla Schmidt zur SZ: „Es war einer der größten Fehler, die Polikliniken und Ambulatorien in der DDR zuzumachen.“ Stattdessen hätte man sie zu integrierten Versorgungszentren weiterentwickeln müssen. Manche Probleme im Osten von heute würde es dann vielleicht gar nicht geben. „Jedenfalls gibt es in den noch bestehenden medizinischen Versorgungszentren im Osten weniger Probleme als bei den niedergelassenen Ärzten.“

Inzwischen wird die pragmatische Organisationsform der Poliklinik auch im Westen als importwürdiges Produkt geschätzt. Mittlerweile gibt es in ganz Deutschland 341 solcher Gesundheitszentren mit fast 1 300 Ärzten. In den neuen Ländern wurden „nur“ 30 ehemalige Polikliniken überführt. 1989 hatte es noch etwa 1 659 derartige medizinische Einrichtungen gegeben.

Dabei liegen ihre Vorteile auf der Hand: Haus- und Fachärzte bis hin zu Zahnärzten arbeiten unter einem Dach. Das hält die Wege kurz, verkürzt Wartezeiten, erspart Doppeluntersuchungen. Laborwerte werden nur einmal erhoben, geröntgt wird gleich im selben Haus, kurzum: die Qualität der medizinischen Betreuung wird insgesamt besser. Auch die Organisationsstruktur der Arztpraxen lässt sich effektiver, patientenfreundlicher, kostensparender gestalten.

In Friedenau hat das schon 29 Ärzte verschiedener Fachrichtungen überzeugt, 45 sollen es in dem erst vor einem Vierteljahr eröffneten Polikum mal werden. Vor allem Krankenhausärzte stünden Schlange, sagt Geschäftsführer Wolfram Otto. Die würden mehr verdienen bei freundlicheren Arbeitszeiten. Patienten können unter der Woche zwischen 8.00 und 20.00 Uhr durchgehend zum Arzt. Die Mediziner arbeiten im Schichtdienst und lasten so Räumlichkeiten und Geräte besser aus. Und auch die Leute nehmen das im Westen Neue an. Über 500 Patienten kommen täglich vorbei, um die 50 davon das erste Mal. Sie alle, so Schmidt, würden „vom Osten lernen“.