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Dienstag, 08.11.2011

Die unterschätzte Macht der Emotionen

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Essays, Kommentare und Analysen zu aktuellen Themen. Texte, die aus der ganz persönlichen Sicht der Autoren Denkanstöße geben, zur Diskussion anregen sollen. Heute: Bislang galt es als Schwäche, Gefühle zu zeigen. Heute geht es darum, sie zu erkennen und zu steuern. Emotionscoaching soll erfolgreicher und glücklicher machen. Chance und Risiko zugleich.

Von Katrin Saft

Würden Sie eine Pille schlucken, die Trauer, Angst, oder Schuldgefühle verschwinden lässt? Wohl kaum, wenn Sie den Beipackzettel mit den Nebenwirkungen lesen: nie wieder Lust und Liebe, keine Freude und Zufriedenheit mehr. Denn ohne Tiefen keine Höhen.

Emotionen sind etwas überaus Menschliches. Positive beflügeln, negative blockieren. Und doch gilt es heute noch als Schwäche, Gefühle zu zeigen. Warmduscher und Weicheier haben in der Schneller-höher-weiter-Gesellschaft keinen Platz. Um so paradoxer erscheint die schleichende Emotionalisierung des täglichen Lebens. Werbestrategen wetteifern darum, über Gefühle Kaufentscheidungen zu beeinflussen. Wer ein Auto nimmt, bekommt Freiheit dazu, wer eine Reise bucht, Wärme und das Paradies. In der Freizeit dreht sich heute alles um Lifestyle und den höchsten Spaßfaktor.

Die Gesundheits- und Fitness-Industrie kümmert sich um wohlige Körpergefühle und die verlorene Balance. Robbten Führungskräfte früher kollektiv durch den Wald, lassen sie sich jetzt professionell entstressen. Selbst in der Politik wird nicht mehr nur rational entschieden. Obama und die Piraten wurden mit dem Bauch gewählt. Die Occupy-Wall-Street-Fans surfen auf Angst und Banker-Hass.

Hinter all dem steckt die Erkenntnis: Emotionen haben Macht. Dem Druck der Hochleistungsgesellschaft lässt sich auf Dauer nicht standhalten, wenn man Gefühle einfach unter den Teppich kehrt. Nicht nur, dass stetig mehr Menschen über Krankheiten wie Burn-out klagen. Emotionen beeinflussen auch die Leistungsfähigkeit. Glückliche Menschen sind erfolgreicher und kreativer. „Das stärkste Motiv für Veränderungen – ob privat oder im Job – sind positive Emotionen“, sagt die Hamburger Psychologin Cora Besser-Siegmund.

Insofern geht es heute nicht mehr darum, Emotionen zu leugnen, sondern zu erkennen – und gezielt zu steuern. Getreu der Lebensweisheit: „Du kannst die Wellen nicht stoppen, aber Du kannst lernen, sie zu reiten.“ Eine rasch wachsende Zahl von Experten bietet bei diesem Ritt ihre Hilfe an. Cora Besser-Siegmund, im Fernsehen auch „Die Seelenflüsterin“ genannt, spricht von Emotionsmanagement: negative Gefühle minimieren, positive verstärken.

Die Emotions-Helfer, die Coaches heißen, warten mit einer Fülle von Techniken auf – nicht alle bis aufs Letzte auch wissenschaftlich anerkannt. Es gibt gleich mehrere, konkurrierende Fachverbände. Allein der Deutsche Verband für Neuro-Linguistisches Programmieren vereint über 1800 Mitglieder. Ihre Kunden, die Coachees, sind längst nicht mehr nur Top-Manager und Sportler: unter ihnen ganz normale Ausgebrannte, Beziehungs- und Gefühlsgestörte, Sinnsuchende. Zum Wettbewerb höher, schneller, weiter ist der um lebenszufriedener und glücklicher gekommen. Die österreichische Diplom-Psychologin Daniela Blickhan wünscht sich, dass der Wohlstand einer Gesellschaft nicht mehr am Bruttosozialprodukt, sondern am Bruttonationalglück gemessen wird. Im Königreich Bhutan sei Glück bereits in der Verfassung verankert.

Glück kann man lernen

Doch was macht wirklich glücklich? Der Lottogewinn und das dicke neue Auto sind es nicht, haben Wissenschaftler überraschungsfrei herausgefunden. Denn der Mensch gewöhnt sich nach kurzer Zeit daran. Das jetzt häufig bemühte positiv Denken mag zwar hilfreich, aber nicht ausreichend sein. „Das ist wie Sahne auf den Misthaufen streichen und hoffen, dass er dadurch verschwindet“, sagt Erfolgscoach und Bestseller-Autor Marco Freiherr von Münchhausen.

Die richtigen Antworten will nun die Positive Psychologie liefern, ein noch recht junger Ableger. „Bislang konzentriert sich die Psychologie auf die Linderung und Beseitigung von Krankheiten“, sagt Vertreterin Blickhan. Doch wer nicht mehr depressiv sei, sei oft noch längst nicht glücklich.

„Das Glück“, behauptet US-Professor Martin Seligman, „kann man lernen.“ Der Vater der Positiven Psychologie beschreibt in seinem neuen Buch fünf Säulen zum Glücklichsein: gute Gefühle, Erfüllung, Sinn, Bindung und Leistung. Sie stünden auf dem Fundament der ganz persönlichen Stärken. Und die gelte es zu stärken.

Die Glücksformel für Kommunikation liefert Seligmann gleich mit: 3:1. Teams, bei denen drei gute Worte zu nur einem bösen fallen, seien Top-Performer. Die Realität in Deutschland dürfte bei 1:1 und negativer liegen. Das Modell, glaubt Seligmann, lässt sich auch auf die Partnerschaft ausdehnen: Bei 1:3 blüht Scheidung.

Die Sehnsucht der Menschen nach mehr Glück und Lebenszufriedenheit verheißt gute Geschäfte. Gefühls-Ratgeber landen regelmäßig in den Bestsellerlisten. Diplom-Psychologin Anna Angelika King zum Beispiel hat ein Buch geschrieben, wie sich emotionale Blockaden mit mentalen Zeitreisen aufspüren lassen. Und die führen, wenn’s sein muss, bis in frühere Leben. Coach Jenison Thomkins mit eigenem Institut in Köln schwört auf Zauberworte, die positive Körperreaktionen auslösen. Eine Art Wohlfühl-Tankstelle.

Persönlichkeits-Trainerin Claudia Maurer aus Kronberg hat sich von einem Shaolin-Mönch in der 32. Generation inspirieren lassen. In Seminaren weist sie den Weg zu Gelassenheit und innerer Ruhe: durch Disziplin, Achtsamkeit, Meditation und Stille. Wer seine körpereigene Energie entdeckt, so ihr Credo, kann Stress standhalten und Angstgefühle kontrollieren.

Auch echte Kerle dürfen sich dank Männerchoaches wie Harald Berenfänger endlich um ihre Gefühle kümmern – und beichten, dass sie sich nicht nur nach großen Brüsten, sondern nach Anerkennung vom Vater sehnen.

Doch wie können Menschen mit extrem negativen Emotionen fertigwerden? Mit Ohnmacht und Hilflosigkeit nach Tod und Verlust eines geliebten Menschen zum Beispiel? „Unsere professionalisierte Sterbekultur bietet Trauernden nur wenig Hilfreiches“, sagt Dr. Klaus Witt aus der Nähe von Lübeck. Motto: Die Zeit heilt schon alle Wunden. Der Psychologische Psychotherapeut hat mit Kollegen aus Polen, Frankreich und Spanien drei Jahre lang geforscht, wie Hinterbliebene den Verlust besser verarbeiten und schneller ins Leben zurückfinden. Ergebnis: Nicht nach dem Warum fragen, denn darauf fänden sich keine zufriedenstellenden Antworten. Stattdessen den Lauf der Natur akzeptieren und nach der Kernbotschaft suchen, die sich aus dem Leben des Verstorbenen für das eigene künftige Sein ableiten lässt. Der Verlust als persönlicher Reifeprozess. Witt: „Das Prinzip funktioniert auch bei Liebeskummer.“

Was zuckt da im Gesicht?

Trauer, hat Psychologin Cora Besser-Siegmund im Studium noch gelernt, ist eine von fünf Grundemotionen. „Dieses Spektrum reicht heute längst nicht mehr“, sagt sie. „Menschen wollen ihr subjektives Leben differenzieren.“ Besser-Siegmund spricht von Emotionsqualitäten: Lust, Humor und Neugier, aber auch Scham, Ekel und Langeweile. Völlig unterschätzt würden die Hä?-Gefühle. Hä? im Sinn von: Versteh‘ ich nicht! „Unser Präfrontaler Cortex signalisiert, ob das, was wir erleben, innerlich und äußerlich zusammenpasst.“ Zu erklären, dass etwas sinnvoll sei, genüge deshalb nicht. Entscheidend sei die entsprechende emotionale Resonanz.

In ihren Seminaren tritt Besser-Sigmund publikumswirksam den Beweis an: mit einem Muskeltest. Ein Freiwilliger formt mit Daumen und Zeigefinger einen festen Ring und spricht einen Satz nach –zum Beispiel: „Das ist das Hose.“ Hä? Die falsche Grammatik sei eine Musterunterbrechung, die zu einem Spannungsabfall im Gehirn führe. Folge: Die Finger lassen sich mühelos auseinanderdrücken. Wie mit einem Lügendetektor spürt Besser-Sigmund so verborgene Emotionen auf, die erfolgreiches Handeln verhindern können. Menschen sind heute von ihren Emotionen oft so überwältigt, dass sie sie nicht eingeordnet bekommen, sagt sie.

Es gibt aber auch andere Methoden, in der Welt des schönen Scheins die wahren Gefühle zu erkennen. Facecoach Henning Olesen sucht nach Microexpressions – Emotionsspuren im Gesicht. Ein Zucken: die Brauen gehen runter, das obere Lid hoch. „Das Signal für kontrollierten Ärger“, sagt er. Unverfälschlich, im Gegensatz zu Körpersprache und Stimme. In sechstägigen Kursen lehrt Olesen „ein neues Emotionsbewusstsein“.

Unterm Strich geht es immer um Kontrolle: Habe ich die Welt in der Hand oder hat mich die Welt in der Hand? Emotionscoaching kann helfen, sich besser zu erkennen, erfolgreicher zu handeln und zufriedener zu leben. Es suggeriert aber auch: Jeder kann heute gute Gefühle haben und glücklich sein. Bist Du es nicht, bist Du selbst schuld. Oder einfach nur overchoached.