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Freitag, 04.05.2018

Die Tops und Flops der Bezahlleistungen beim Arzt

Medizinexperten haben 49 Zusatzangebote bewertet. Erstmals geht es dabei auch um Brustkrebs und Osteopathie.

Immer noch der Goldstandard: die Mammografie, mit der sich Auffälligkeiten an der weiblichen Brust erkennen lassen.
Immer noch der Goldstandard: die Mammografie, mit der sich Auffälligkeiten an der weiblichen Brust erkennen lassen.

© dpa

Nicht alle Leistungen, die Ärzte anbieten, werden von den Krankenkassen übernommen. Viele individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL), insbesondere zur Früherkennung, sind selbst zu bezahlen. Der Medizinische Dienst des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen will Patienten bei der Entscheidung helfen, ob die Untersuchung sinnvoll ist oder nicht. Dazu betreibt er den sogenannten Igel-Monitor und hat bislang 49 häufige Selbstzahler-Leistungen bewertet. Wissenschaftler werten dazu medizinische Datenbanken aus und wägen Nutzen und Schaden einer Leistung ab. „Die Gesamtbilanz fällt nicht gut aus“, sagt Dr. Michaela Eikermann, Leiterin des Bereichs Evidenzbasierte Medizin beim Medizinischen Dienst. 25 IGeL seien als „negativ“ oder „tendenziell negativ“ eingestuft worden, weil der Schaden größer als der Nutzen sei.

Zwei Selbstzahler-Leistungen sind jetzt neu dazugekommen: Die Kernspintomografie (MRT) zur Früherkennung von Brustkrebs und die Osteopathie bei Kreuzschmerzen. Krebsvorsorgeuntersuchungen machen einen großen Teil der individuellen Gesundheitsleistungen aus. Keine wurde bisher als „positiv“ eingestuft.

Nebenwirkungen möglich

„Das gilt auch für die MRT-Untersuchung, die Frauen ohne stark erhöhtes Brustkrebsrisiko als Alternative oder Ergänzung zur Mammografie angeboten wird“, sagt Eikermann. Darunter sind zum Teil auch Frauen unter 50 Jahren, die am Mammografie-Screening noch nicht teilnehmen können. Die Untersuchung ist teuer und kostet zwischen 230 und 600 Euro. Doch keine der Studien konnte Hinweise darauf geben, dass ein MRT die Mammografie ersetzen oder ergänzen kann. Im Gegenteil: Ein MRT kommt zwar ohne Röntgenstrahlen aus. Aber für ein scharfes, aussagekräftiges Bild müssen den Frauen Mittel ins Blut gespritzt werden, die den Kontrast erhöhen. Diese Mittel können Eikermann zufolge Nebenwirkungen wie Übelkeit, Kopfschmerzen und Schwindel verursachen, in sehr seltenen Fällen auch schwere Immunreaktionen oder Nierenschäden. „Das Schadenspotenzial schätzen wir höher ein als das Strahlungsrisiko durch die Mammografie“, sagt Eikermann. Insgesamt bewerte man die Untersuchung deshalb als „tendenziell negativ“.

Alle geprüften IGeL-Angebot im Überblick

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Der IGeL-Monitor hat bisher 47 Selbstzahlerleistungen unter die Lupe genommen. „Unklar“ bedeutet, dass keine Informationen über Nutzen und Schaden dieser Leistungen vorliegen oder Schaden und Nutzen sich die Waage halten. Leistungen ohne Bewertung werden vom IGeL-Monitor lediglich beschrieben. Sie können für bestimmte Versicherte von Nutzen sein, werden aber nicht von den Kassen bezahlt.

Tendenziell positiv: Akupunktur zur Migräneprophylaxe; Lichttherapie bei saisonal depressiver Störung („Winterdepression“); Stoßwellentherapie beim Fersenschmerz.

Tendenziell negativ I: Augeninnendruckmessung zur Glaukom-Früherkennung; Augenspiegelung mit Augeninnendruckmessung zur Glaukom-Früherkennung; Blutegeltherapie bei Kniearthrose; Eigenbluttherapie bei Sehnenreizung; EKG zur Früherkennung einer koronaren Herzerkrankung; Glukokortikoide beim Hörsturz; Hirnleistungs-Check zur Früherkennung einer Demenz; Hyaluronsäure-Injektion bei Kniearthrose; Hyperbare Sauerstofftherapie beim Hörsturz; Laser-Behandlung von Blutschwämmchen beim Säugling;

Tendenziell negativ II: Kernspintomografie (MRT) zur Früherkennung einer Alzheimer-Demenz; NMP22-Test zur Früherkennung von Harnblasenkrebs; operative Behandlung des Schnarchens (Rhonchopathie); Protein-C-Bestimmung zur Einschätzung des Thrombose-Risikos; PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs; Spirometrie zur Überprüfung der Lungenfunktion; Stoßwellentherapie beim Tennisarm; TSH-Bestimmung zum Schilddrüsen-Check; Ultraschall der Halsschlagadern zur Schlaganfallvorsorge; Ultraschall zur Früherkennung von Prostatakrebs.

Negativ: Colon-Hydro-Therapie; Durchblutungsfördernde Infusionstherapie beim Hörsturz; Bestimmung des Immunglobulin G zur Diagnose einer Nahrungsmittelallergie; Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung.

Unklar: Akupunktur in der Schwangerschaft; Akupunktur zur Spannungskopfschmerz-Prophylaxe; Bach-Blütentherapie; Biofeedback-Therapie bei Migräne; Biofeedback-Therapie bei Migräne; Botox gegen Schwitzen; Dünnschichtzytologie zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs; Bestimmung des HbA1c-Wertes („Diabetes-Vorsorge“); Hochtontherapie; Kunsttherapie bei psychischen Erkrankungen; Kunsttherapie für Krebspatienten und deren Angehörige; Laserbehandlung von Krampfadern; Lichttherapie bei Akne; M2-PK Stuhltest zur Darmkrebsfrüherkennung; Professionelle Zahnreinigung; Statische Magnetfeldtherapie beim Kreuzschmerz; Stoßwellentherapie bei der Kalkschulter; Streptokokken-Test in der Schwangerschaft; Ultraschall der Brust zur Krebsfrüherkennung; Ultraschall in der Schwangerschaft als ergänzende Untersuchung.

Ohne Bewertung: Atteste und Gutachten; Entfernung von Tätowierungen; Reisemedizinische Vorsorge; Sportcheck.

In der Überarbeitung: Toxoplasmose-Test bei Schwangeren zur Früherkennung einer Infektion.

Quelle und ausführliche Bewertungen: www.igel-monitor.de

Auch die Osteopathie gegen Rückenschmerzen konnte die Wissenschaftler nicht überzeugen. Bei der Osteopathie wollen Therapeuten mit ihren Händen Spannungen lösen und so die Schmerzen lindern. Die Mediziner werteten zehn Studien dazu aus. Nur eine davon sei methodisch besser gewesen und habe ergeben, dass einige Patienten dank Osteopathie weniger Schmerzen hatten und sich besser bewegen konnten. Eikermann: „Die Studie konnte aber nicht zeigen, dass die Lebensqualität der Patienten steigt oder dass es weniger Fehltage bei der Arbeit gibt. Auch die beiden wichtigen Fragen, ob die Osteopathie hilfreicher als die von den Kassen bezahlten Behandlungen ist oder ob sie zusätzlich zu den Kassen-Behandlungen Vorteile bringt, konnte nicht beantwortet werden.“ Da auch keine Schäden zu erwarten sind, bewerteten die Wissenschaftler die Leistung mit „unklar“. Osteopathie kostet zwischen 70 und 145 Euro und wird nur von einzelnen Kassen bezuschusst.

Laut IGeL-Report hätten fast alle individuellen Gesundheitsleistungen keine Chance, im Gemeinsamen Bundesausschuss als notwendige Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung anerkannt zu werden. Die Verbraucher-Initiative empfiehlt Patienten deshalb, sich nicht drängen zu lassen, wenn der Arzt zu einer Selbstzahler-Leistung rät. Der Arzt muss ihnen den Nutzen und den Schaden erklären. Entscheidet sich der Patient für eine IGeL, so ist eine schriftliche Vereinbarung – auch über die Kosten - zu schließen. Der Patient sollte nach der Behandlung eine nachvollziehbare Rechnung erhalten.

Ginge es nach der Deutschen Stiftung Patientenschutz, müssten für IGeL die gleichen Bedingungen wie für Haustürgeschäfte gelten. Patienten sollte zwischen dem Angebot des Arztes und der Leistungserbringung eine vierzehntägige Bedenkzeit eingeräumt werden.

Mehr unter www.igel-monitor.de

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