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Freitag, 08.12.2017

Die Schöne und ein Biest

Stark ist das neue Schön – meint Lindsey Vonn. Die Beste im alpinen Ski-Zirkus inszeniert sich als Powerfrau und provoziert auch gern.

Von Tino Meyer

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Stark ist das neue Schön – meint Lindsey Vonn. Und so lautet auch der Titel ihres Buches.
Stark ist das neue Schön – meint Lindsey Vonn. Und so lautet auch der Titel ihres Buches.

© Lauren Ross

  • Stark ist das neue Schön – meint Lindsey Vonn. Und so lautet auch der Titel ihres Buches.
    Stark ist das neue Schön – meint Lindsey Vonn. Und so lautet auch der Titel ihres Buches.
  • Unterwegs bei der Arbeit.
    Unterwegs bei der Arbeit.
  • Der rote Teppich wartet.
    Der rote Teppich wartet.
  • Ein Blickfang – auch für Sponsoren.
    Ein Blickfang – auch für Sponsoren.
  • Stark ist das neue Schön – meint Lindsey Vonn. Und so lautet auch der Titel ihres Buches, erschienen bei Edel, 256 Seiten für 19,95 Euro.
    Stark ist das neue Schön – meint Lindsey Vonn. Und so lautet auch der Titel ihres Buches, erschienen bei Edel, 256 Seiten für 19,95 Euro.

Sie muss nicht Skifahren, um die Schlagzeilen zu bestimmen. „Es ist der Wahnsinn, was passiert“, sagt Lindsey Vonn und meint nicht die anspruchsvollen Abfahrtspisten oder ihren Sturz vergangene Woche, als sie, schon jetzt die Beste aller Zeiten, einmal mehr krachend in den Fangzäunen landet. Vonn spricht vom Wahnsinn „in Washington, in Hollywood, das ganze Land lebt im Chaos“. Verantwortlich dafür sei auch der amerikanische Präsident Donald Trump, weshalb sie eine Einladung in das Weiße Haus von ihm auf keinen Fall annehmen will.

Gut, bislang hat es die auch noch nicht gegeben. Doch im Frühjahr, wenn die Saison mit dem Höhepunkt Olympia vorüber ist, könnte es so weit sein. Denn nur Olympiasieger sind in den USA eine ganz große Nummer, außer sie spielen Baseball, Eishockey, Football oder Basketball – das weiß Vonn seit ihrem Triumph vor knapp acht Jahren in Vancouver. Damit habe sich ihr Leben schlagartig verändert: „Ich war berühmt“, erzählt die 33-Jährige in ihrem neuen Buch, das mehr beinhaltet als eine Reise durch ihr bewegtes Leben. „Stark ist das neue Schön“ ist, wie schon der Titel vermuten lässt, eine Mischung aus Biografie, Fitness-Bibel und Beauty-Ratgeber, also ein ausgiebig bebildertes Buch für Frauen, aber nicht nur.

Vonns Botschaft klingt schließlich auch für Männer verlockend: „Sie können stärker, schlanker, gesünder und glücklicher werden – so wie ich.“ An Selbstbewusstsein mangelt es einer wie ihr, die sich mit Präsident Trump anlegt, die sportlich überaus erfolgreich ist und mit den langen blonden Haaren ein Blickfang noch dazu, natürlich nicht. Stimmt auch. Allerdings, gibt Vonn zu bedenken, war es ein langer Weg „bis ich mich stark und fit und in meinem Körper so wohl wie möglich fühlte“.

Der Olympiasieg 2010, als sie zwei Wochen nach einem Sturz samt Schienbeinprellung in der Abfahrt zu Gold fuhr und zudem noch Bronze im Super-G gewann, ist dafür aber nicht nur hilfreich gewesen. Die Erwartungshaltung an sich selbst hat sie vielmehr in ihre größte Lebenskrise gestürzt. Hollywood-Events, Filmpremieren, Partys, Talkshows – als Olympiasiegerin erhält sie Zutritt zu einer ganz anderen Welt mit ganz anders aussehenden Menschen.

Alle sind dünner, kleiner, schmaler als das Kraftpaket Vonn, bei der 75 Kilogramm auf 1,78 Meter verteilt sind. „Ich kümmerte mich mehr um mein Aussehen als darum, wie stark ich im Sport war“, gesteht Vonn, die während der Saison in Österreich lebt und fließend Deutsch spricht. Es folgen tief prägende Einschnitte mit Fressattacken auf Tankstellen-Toiletten und der Scheidung von Ehemann Thomas Vonn.

Wegen eines Kreuzbandrisses verpasst sie Olympia 2014, wird depressiv, tröstet sich in einer Liaison mit Golf-Superstar Tiger Woods – und kämpft sich dank ihrer Leidenschaft fürs Skifahren wieder zurück. Im Januar 2015 gewinnt Vonn ihr 63. Weltcuprennen. Mehr hat vor ihr keine andere geschafft. Die Berge und der Schnee – das ist ihre heile Welt. Und sie sagt: „Stark werden bedeutet nicht, einfach nur schlank werden. Es bedeutet vor allem, die eigenen Bedürfnisse und sein Selbstwertgefühl zu entwickeln.“

Davon ist inzwischen mehr als genug da, sorgen muss man sich um Vonn nicht mehr. Sie weiß, was sie will – und vertritt es energisch, notfalls gegen alle Widerstände. Ihr neuester Plan: Im nächsten Jahr will Vonn beim Weltcup im kanadischen Lake Louise – wegen ihrer 18 Siege dort auch Lake Lindsey genannt – in der Abfahrt bei den Männern antreten. Platz 20 hält sie für realistisch, die Konkurrenz das Vorhaben für Effekthascherei und Kaspertheater. Dass Vonn von Funktionären zudem als Prinzessin abgetan wird, empfindet sie als respektlos – und erklärt vergangenes Wochenende in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung: „Ich habe so viel erreicht, dass ich diese Chance verdient habe.“

Natürlich will sie auch noch Ingemar Stenmarks Allzeitrekord. Die schwedische Alpinlegende hat 86 Rennen gewonnen, Vonn bislang 77. Das zweite Olympia-Gold ist das andere große Ziel – rein sportlich, aber auch für das eigene Image. Daraus macht sie keinen Hehl.

Ihre Popularität nutzt sie gezielt. Der rote Teppich ist ebenso Alltag wie knallhartes Training mit Nachtruhe um 21 Uhr und eben auch das Buch, in dem sie viel von sich preisgibt. Das schürt Missgunst. Dass ihr Leute den Tod auf der Piste wünschen, schafft sie mittlerweile zu ignorieren. „Ich weiß nicht, was nach meiner Karriere kommt. Wenn ich bekannt bin, habe ich viel mehr Möglichkeiten“, erzählt sie.

Lindsey Vonn – das ist längst auch eine Marke, und es würde nicht verwundern, wenn bald eine Modekollektion mit ihrem Namen folgen würde. Auf sieben der insgesamt 256 Buch-Seiten hat sie zumindest schon mal ausführlich ihr Schmink- und Haarpflegeprogramm verraten. „Lindsey Lektionen“ heißt die Rubrik. Auch wenn Vonn darin aus wissenschaftlichen Studien zitiert, ist es doch eher ein stark persönlich gefärbter Rundumschlag, der sich unter anderem auch den Themen Training, Ernährung und mentale Stärke widmet.

„Doch letzten Endes“, meint sie, „verdanke ich alles meinem Körper. Meinem starken Körper.“

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