erweiterte Suche
Mittwoch, 04.04.2018

Die S-Bahn macht dauerhaft Halt auf Gleis 19

Von Jost Schmidtchen

Der alte, neue S-Bahn-Wagen, das Team Familie Schwarz und Helfer. Ostern wurde die Veranstaltungs-Premiere ausgerichtet.Foto: Jost Schmidtchen
Der alte, neue S-Bahn-Wagen, das Team Familie Schwarz und Helfer. Ostern wurde die Veranstaltungs-Premiere ausgerichtet.Foto: Jost Schmidtchen

Bereits im September 2017 traf das Schmuckstück in Schwarze Pumpe ein: ein historischer S-Bahn-Wagen aus Berlin. Den Transport vom ehemaligen RAW Schöneweide nach Schwarze Pumpe hatte das Transportunternehmen Kunaschk aus Königswartha übernommen. „Es gehört zu den wenigen, die über Länge und Breite solche Sondertransporte durchführen können“, sagte der neue Besitzer des Waggons, Holger Schwarz (51) aus Spremberg.

Polizist statt Eisenbahner

Von Beruf ist er kein Eisenbahner, sondern Polizist. Sein Dienstort ist Berlin und dort ist er als Ermittler mit seinem ausgebildeten Spürhund auf der Suche nach Sprengstoff unterwegs, so auf den Flughäfen, aber auch bei der Bahn. 2015 war Holger Schwarz in dienstlicher Mission im RAW Schöneweide im Einsatz. Dabei sah er den abgestellten S-Bahn-Wagen unter vielen, doch der eine, der fiel ihm auf, weil er restauriert war. Alle anderen Waggons, die da standen, waren in einem jammervollen Zustand. Wie sich herausstellte, war der S-Bahn-Wagen 1921 gebaut und in Dienst gestellt worden und fuhr bei der Berliner S-Bahn bis 1983 im Regelzugbetrieb. 62 Jahre lang! Noch heute versprüht er das jahrzehntelange S-Bahn-Flair mit Holzbänken. Nach der Außerdienststellung wurde er 2007 für einen Traditionszug restauriert und lief bis 2008 in diesem historischen Viererverband. Bei einer Sonderfahrt im Jahr 2008 entgleiste der Wagen in der Unterführung des Bahnhofs Friedrichstraße, dabei wurde ein Drehgestell aus dem Waggonkasten gerissen und der Schaden war nicht mehr zu beheben. Seitdem stand der S-Bahnwagen im RAW Schöneweide.

Holger Schwarz kam von seiner Entdeckung nicht mehr weg. Zu Hause in Schwarze Pumpe engagiert er sich für gemeinnützige Zwecke wie Verkehrsteilnehmerschulungen. Dafür mussten immer die Garage und Werkstätten ausgeräumt werden; auch für andere gemütliche Beisammensein-Treffen. Im S-Bahn-Wagen sah er plötzlich eine Alternative. Nach zweijährigen Verhandlungen mit der DB AG und dem Traditionsverein des RAW Schöneweide einigte man sich, und der Gelb-Rote wurde an Holger Schwarz abgegeben. Nun steht der S-Bahn-Oldtimer in der Straße des Aufbaus auf „Gleis 19“. Die „19“ ist die Hausnummer von Holger Schwarz’ Grundstück, das „Gleis“ ist fiktiv. Es gibt keins, weil der Wagenkörper aufgebockt ist. Ein Stück Schiene und Drehgestelle hätten die Zugänglichkeit ins Wageninnere von der Höhe her erheblich kompliziert.

Modellvorbild für Piko

Interessant ist, dass genau dieser S-Bahn-Wagen mit der originalen Betriebsnummer EB 165 471 bei Piko in Sonneberg im Maßstab 1:87 auch für die Modellbahnfreunde produziert wurde.

In Schwarze Pumpe angekommen, begannen diverse Restaurierungen und Umbauten. Da mussten die die Außenhaut verunzierenden Graffiti-Sprühereien beseitigt werden. Da galt es im Waggoninneren, die E-Anlage auf herkömmlichen Wechselstrom umzurüsten. Eine Heizung zu installieren. Den Fußboden zu erneuern. Einen Tresen einzubauen ... Dafür musste eine Sitzbankgruppe mit acht Plätzen an der Stirnwand weichen. Zudem wurden Tische eingebaut, deren Holzstruktur mit der der historischen Sitzbänke identisch ist.

Holger Schwarz hat neben seiner Familie auch weitere fleißige Helfer an der Seite. Großes Lob zollt er dem stellvertretenden Spremberger Bürgermeister Frank Kulik für seine unbürokratische Hilfe und Unterstützung des Gesamtvorhabens vor Ort. Die neue S-Bahn-Attraktion hat inzwischen sogar Gewerbetreibende aus Spremberg zur Unterstützung motiviert.

Zukünftig wird der S-Bahn-Wagen in Schwarze Pumpe in vielfältiger Weise der Öffentlichkeit zugänglich sein. Den Auftakt dazu gab es am Ostersonnabend mit einem gut besuchten Frühlingsfest. Das Interesse an der neuen Attraktion war groß. Neugierige kamen bereits am Karfreitag. Die Kinder bemalten in der S-Bahn Ostereier, der Osterhase hatte Geschenke versteckt und es konnte sogar gewalleit werden. Die Cottbuser Ostereiermalerin Silvia Richter erschien in ihrer sorbischen Niederlausitzer Tracht. Ihr zur Seite standen Kerstin Schwarz und ihre Tochter Anne-Kathrin Schwarz. Das Ostereierverzieren hat in der Familie Schwarz lange Tradition.

Aber auch sonst soll der S-Bahn-Wagen der Allgemeinheit zur Verfügung stehen: Quartalsweise werden hier die besagten Verkehrsteilnehmerschulungen angeboten. Auch zu Himmelfahrt und zu Pfingsten ist der Waggon offen. Möglich sind auch Familienfeiern bis 50 Personen, die dazu erforderlichen Absprachen zur Bewirtung sind mit dem Eigentümer vorzunehmen. Ein Geheimtipp ist der S-Bahn-Oldtimer auch für Reisebus-Unternehmen.

Kontakte über Holger Schwarz,

hs.67@web.de

oder über Wolfgang Wandelt ( 0160 97349270)