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Dienstag, 22.08.2017

Die Publikumspoetin

Kaddi Cutz tritt als Poetry-Slammerin zu Sächsischen Meisterschaft an. Doch Gespür hat sie nicht nur für Sprache.

Von Nadja Laske

Schon als Fünfjährige konnte Kaddi Cutz lesen, später liebte sie es, Aufsätze zu schreiben. Mit einer Freundin gab sie an ihrer Schule eine Art „Bravo-Verarsche“ heraus und erfand mit ihr schräge Geschichten über einen Bankdirektor.
Schon als Fünfjährige konnte Kaddi Cutz lesen, später liebte sie es, Aufsätze zu schreiben. Mit einer Freundin gab sie an ihrer Schule eine Art „Bravo-Verarsche“ heraus und erfand mit ihr schräge Geschichten über einen Bankdirektor.

© Sven Ellger

Manchmal möchte Kaddi einfach nur dösen. Ein Vollbad nehmen, wie es der Italiener von nebenan empfiehlt: Penne mit Lachs in Sahnesoße. Kaddi Cutz liebt diese versteckten Imperative. Zieht sie mal wieder einen aus seinem Sinnzusammenhang wie aus einem Versteck, bekommt er einen Platz in der Poesie.

Dichtung ist nicht der Dreh- und Angelpunkt des Wasserhahns, so wie Stil nicht das Ende vom Besen. Beides gehört zu Kaddis Leben und sorgt dafür, dass die 35-Jährige eher selten dösen kann. Andere Leute machen das im Zug. Poetry-Slammer aber schreiben Texte. Weil das Fahren von
A nach B sozusagen geschenkte Zeit ist, die sie nutzen wollen. Oder weil sie die Zeit vorher verstreichen lassen haben und
fertig dichten müssen, was sie nach
Ankunft öffentlich vortragen werden.
Vielleicht auch, weil ihnen die entscheidende Idee immer erst kurz vor der Angst kommt.

Ohne Musenkuss kein Slamgenuss. Reimen ist erlaubt, aber kein Muss. Zwanghaft zu halten hat sich Kaddi Cutz nur an die Zeitvorgabe. Wenn sie vor Jury oder Publikum, meistens vor beidem, auf der Bühne eines Poetenwettbewerbes steht, darf sie nicht ausufern wie Politiker im Parlament. Ohne Punkt und Komma reden allerdings schon, das gehört sogar dazu. Doch ihre Redezeit ist vom Veranstalter des Poetry-Slams klar definiert und beträgt in aller Regel fünf bis sieben Minuten.

Weitere Regularien: Lyrik, Kurzprosa, Rap und selbst Comedy sind erlaubt, Hauptsache selbst geschrieben und ohne Hilfsmittel vorgetragen. Musikinstrumente oder Requisiten haben beim Slam nichts zu suchen. Wirken muss das Wort allein und die Art, die Dichtung vorzutragen. Erfahrene Slammer entwickeln ihren eigenen Stil, ihren Sprachduktus. Als Kaddi Cutz kürzlich zu ihrer Poetry-Slam-Reihe „Geschichten übern Gartenzaun“ in die Groovestation eingeladen hat, waren eher unerfahrene Zuhörer ein wenig erstaunt, dass das Slammen nicht immer dieser besonderen Satzmelodie folgt, wie sie es von Berühmtheiten der Szene kennen. Von Julia Engelmann vielleicht.

Die Kommasetzung zu sprechen, wie sie die deutsche Grammatik zu schreiben verbietet und das Ende des Satzes nicht immer auf den Punkt zu bringen, bleibt jedem Künstler selbst überlassen. Am Gartenzaun jedenfalls, war wenig Melodiöses zu hören und im Übrigen auch wenig Gereimtes. Kaddi Cutz, die nicht wirklich so heißt, aber sich als Poetin einen Künstlernamen leistet, der ihren Vornamen verkürzt und ihre Katzen-Liebe in den Nachnamen packt, nutzt gelegentlich den Gleichklang der Silben, hangelt sich Wort für Wort durch ihre Texte. Oft aber auch nicht. Dann erzählt sie scheinbar locker und leicht aus ihrem Leben: von Dating-Pleiten und dem Pech, mit einem halbwüchsigen Nervling Hausschuhe für Heimkinder kaufen gehen zu müssen.

Letzteres fällt ins Themenfeld Sozialpädagogik. Da ist Kaddi Cutz beruflich beheimatet. Geboren in Seelze bei Hannover, wusste sie nach dem Abitur nicht so recht wohin mit sich. Also absolvierte sie ein Freiwilliges Soziales Jahr und arbeitet in einer Werkstatt mit Behinderten. Am Ende des Jahres hatte Kaddi ihre Bestimmung gefunden. Sie studierte Sozialpädagogik, ging für einen Job in der Arbeitsvermittlung nach Hamburg – ein kurzes Intermezzo, denn mit Sozialarbeit hatte er nichts zu tun. „Durch Freunde, die hier studierten, habe ich Dresden kennengelernt“, erzählt Kaddi Cutz. So verliebte sie sich in die Stadt, fand Anstellung in besagtem Heim für Kinder und Jugendliche und wohnt nun seit zehn Jahren in der Neustadt.

Zum Slammen kam sie durch einen Freund, der selbst einen Poetry-Slam organisierte – „Reim im Heim“. Dass dort kein dementes Publikum missglückte Beiträge rasch wieder vergisst, überraschte Kaddi. Vermeintlich unverwundbar stieg sie zum allerersten Mal auf die Bühne und ganz zufrieden wieder herab. Seitdem hat sie immer weiter gelernt, reist zu Auftritten und Wettbewerben, gewinnt Preise und tritt am Sonnabend beim Grand Slam of Saxony, der sächsischen Slam-Meisterschaft im Scheunegarten an.

Zwei Bücher hat Kaddi Cutz inzwischen veröffentlicht. Sie moderiert, textet für Auftraggeber und schreibt für das Stadtmagazin Urbanite. Außerdem gibt sie Workshops für Poetry Slam und kreatives Schreiben. „Ich bin nicht faul. Ich habe nur keine Lust zu arbeiten“, slammt Kaddi Cutz. Das darf nur eine sagen, die ihre Begabung zum Beruf gemacht und ihre Leidenschaft gefunden hat – zum Sozialen und zu Sprache.

www.kaddicutz.de

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