erweiterte Suche
Freitag, 08.12.2017

Die Präzision ist weiblich

Eine Geschäftsführerin und die erste junge Frau als Lehrling: Die Schiekel GmbH in Dohna ändert sich. Doch eines bleibt.

Von Heike Sabel

Fühlen sich wohl in der Männerdomäne: Lara Knuth, Geschäftsführerin bei der Schiekel Präzisionssysteme GmbH in Dohna, und die erste weibliche Auszubildende in der Produktion Susen Bleschke (20, re.).
Fühlen sich wohl in der Männerdomäne: Lara Knuth, Geschäftsführerin bei der Schiekel Präzisionssysteme GmbH in Dohna, und die erste weibliche Auszubildende in der Produktion Susen Bleschke (20, re.).

© Daniel Schäfer

Dohna. Frauenberufe, Männerberufe – diese Unterschiede machen immer die anderen. Für Lara Knuth und Susen Bleschke waren Haare schneiden, Brot verkaufen und Briefe schreiben einfach keine Alternative. Lara Knuth lernte Kommunikationselektriker, ist jetzt Geschäftsführerin bei der Schiekel Präzisionssysteme GmbH in Dohna und muss ab und zu doch Briefe schreiben. Susen Bleschke lernt Zerspanungsmechaniker und erobert damit bei Schiekel eine Männerdomäne. Sie ist der erste weibliche Lehrling in der Produktion.

Genau so hat es sich Lara Knuth vorgestellt, als sie am 1. Februar bei Schiekel einstieg. Eines ihrer Ziele, Frauen für technische Berufe zu begeistern, hat ihr Susen Bleschke erfüllt. Sie wollte unbedingt etwas Handfestes lernen und fand ihren Traumberuf bei Schiekel. 25 junge Männer wurden hier schon vor ihr zum Zerspanungsmechaniker. Dreieinhalb Jahre dauert die Ausbildung. Die ersten Wochen waren „einfach nur cool“, sagt die 20-jährige Pirnaerin. Sie gewöhnt sich daran, die einzige Frau zu sein. Auch in ihrer Klasse im Berufsschulzentrum Pirna-Copitz, wo die Theorie vermittelt und die mechanische Grundausbildung stattfindet, ist das der Fall. „Das wird sicherlich nicht ganz einfach, aber da muss ich durch“, sagt sie. Chefin Lara Knuth kennt das. Es ist zu schaffen, macht sogar Spaß und stark und stolz, weil sich am Ende Können durchsetzt, sagt sie.

Handwerk bleibt Handwerk, auch wenn keiner mehr mit dem Handbohrer an der Werkbank steht. Stattdessen steuert die Maschine den Bohrer. Aber die Liebe zum Material, der Stolz auf das Produkt, das Geradestehen dafür sind geblieben, sagt Lara Knuth. Das Gefühl, wenn es für medizinische Geräte oder Flugzeugzubehör auf tausendste Millimeter ankommt, sei unbeschreiblich.

Sie nimmt ein Stück Edelstahl in die Hand. Das Material hält lange, rostet nicht, dafür sieht man jeden Kratzer und es ist schwer zu bearbeiten: „Das können wir besonders gut.“ Für den neuen Berliner Flughafen haben die Dohnaer die Edelstahlabdeckungen für die Fingererkennung gebaut. Pünktlich. „Wir sind nicht dran schuld, dass der Flughafen nicht fertig wird“, sagt Lara Knuth. Ab und zu hat sie Sehnsucht nach der Produktion. Dann macht sie für ein paar Tage Praktikum, wie sie es nennt. Um den Bezug nicht zu verlieren, um auf dem Laufenden zu bleiben, die Maschinen und die Stimmung zu hören.

Die Berufswelten sind im Wandel. Arbeiteten in der DDR mehr Frauen in technischen Berufen, gab es nach der Wende auch diesbezüglich eine Wende. Jetzt werde die Industrie für Frauen wieder interessanter. Abitur und Beruf, eine erfolgreiche DDR-Verbindung, wird zur gefragten Ausbildungsform. Oft sind Frauen in technischen Berufen für die Männer schneller normal als für Frauen. Die müssen noch immer etwas mehr kämpfen, manchmal auch gegen die Vorurteile beim eigenen Geschlecht. Gut, der Ton in der Produktion ist rauer als in einer Bank, sagt Lara Knuth. Aber das heißt nicht schlechter.

In ihren Zeugnissen stand oft, sie sei frech und vorlaut. Es hat ihr bei den Jungs in der Lehre und den Männern in der Produktion geholfen, am Anfang. Ohne Wissen und Können aber wäre es nichts geworden. Gemischte Teams sind immer besser - in der Produktion genauso wie in der Bank, sagt Lara Knuth. Auch in der Metal-Band von Susen Bleschke ist das so.

Mehr Frauen ist das Eine, mehr für Familien tun das Andere. Schiekel bezuschusst seit Jahren die Kitabetreuung des Nachwuchses seiner Beschäftigten. So findet und hält man junge Leute. Doch nicht nur Kinder gehören zu den Familien, auch Eltern und Großeltern. Werden die krank oder pflegebedürftig, soll auch das kein Grund sein, nicht mehr arbeiten zu können. Klar, jemand aus der Fertigung kann schlecht zu Hause arbeiten, aber auch da gibt es flexible Möglichkeiten. Schiekel will nicht nur weiblicher, sondern auch familiärer werden. Lara Knuth probiert das mit ihren Zwillingen schon mal. Sie ist von Berlin nach Dresden-Kleinzschachwitz gezogen und hier angekommen.

In ihrem Büro hängt ein großes Bild. Girl-Boss steht da drauf. Und es zeigt Highheels beschuhte Füße, die auf dem Schreibtisch liegen.