Samstag, 02.02.2013

Die Not mit den Noten

Die Halbjahreszeugnisse sorgen in vielen Familien für Freude – oder Verdruss. Wie wichtig sind Zensuren, was zählt wirklich? Gedanken des Lehrers und SZ-Autors Ralf Hickethier.

Von Ralf Hickethier

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Hatte ich in einer Arbeit oder gar auf dem Zeugnis eine Eins in einem Fach, wo das kaum zu hoffen war, übte ich mich in jungen Jahren zuweilen in folgendem Spiel: Ich kam ganz bedeppert zu Hause an und gestand nur Schritt für Schritt auf die so herausgeforderten Fragen hin, dass etwas „ganz Schlimmes“ passiert sei, dass ich eine Vier oder Fünf bekommen hätte. Lange hielt ich das Spiel nicht durch, und es platzte aus mir heraus: „Ach Quatsch, stimmt ja gar nicht! Ich habe eine Eins!“

Damit so ein Spiel geht, muss den Eltern das, was ihre Kinder in der Schule leisten, erst einmal wirklich wichtig sein. Ich glaube, das Schlimmste, was einem Kind in dieser Hinsicht passieren kann, ist die Gleichgültigkeit seiner Eltern, die zwischen Tür und Angel nur einen flüchtigen Blick auf das Zeugnis werfen und es mit ein paar lapidaren Worten zurückgeben: „Gerade mit Ruhm bekleckert hast du dich ja nicht,“ und schon hält das Kind das Blatt wieder in den Händen; das wäre ein Trauerspiel.

Zeugnisse kriegen – das ist zwar nicht gerade wie Kinder kriegen, aber auf jeden Fall ein Höhepunkt. Wer den missachtet, schätzt gering, was sein Kind nicht nur an einem Nachmittag gemalt oder gebastelt, sondern über eine lange Strecke geleistet hat. Und auch schlechte Noten, Wunden und Verletzungen sozusagen, bedürfen der mitfühlenden und tätigen Aufmerksamkeit. Sie müssen gesäubert werden, auch wenn es zunächst wehtut. Werden sie verdeckt und ignoriert, heilen sie schlechter.

Beobachten wir uns doch einmal selbst: Ich glaube, es gibt keinen, den die Bewertung der eigenen Leistungen kalt lässt. Gestandene Menschen sind geknickt, weil ihnen eine Beförderung oder finanzielle Hochstufung verweigert wird, von der sie überzeugt sind. Das geht Kindern nicht anders. Und was machen manche Erwachsene für einen Aufriss, wenn sie einen kurzen Lehrgang mit Erfolg bewältigt haben!

Also: Menschen, die sich wirklich lieben, interessieren sich füreinander, und sie nehmen sich Zeit wertzuschätzen, nicht nur durch Anerkennung, sondern, wenn nötig, auch in Form ehrlicher Kritik, was der andere geleistet hat. Dazu gehört auch der Vergleich mit den Werten der vorigen Jahre und vor allem das Verstehen, was an Innerem, Fach- und Lehrervorlieben oder -Abneigungen, Lernfreude oder -not, hinter den nackten Noten steckt. Darum geht es doch überhaupt im Leben: Ins Gespräch zu kommen über die Gedanken und Gefühle, die uns wirklich wichtig sind. Das Zeugnis ist eine gute Gelegenheit dafür.

Eine positive Wirkung für die Zukunft hat eine Bewertung nur dann, wenn sie als halbwegs gerecht erlebt wird. Also lassen Sie Ihren Sprössling ruhig seine Meinung sagen, dass er womöglich viel besser ist, und dass nur der Lehrer schuld ist und so weiter. Unterbrechen Sie ihn nicht. Fragen Sie einfach immer genauer nach, zum Beispiel: Und wie war das, als du absolut keine Lust hattest und du gar nichts gemacht hast für das Fach, nicht einmal die Hausaufgaben? Es geht nicht ums Rechthaben oder um Schuld; es geht wenigstens um Ehrlichkeit, wenn’s schon schief gegangen ist. Und vielleicht hat auch der Lehrer was falsch gemacht – obwohl: ich kenne einige, die rundherum richtig gut sind – , denn bei genauerem Nachdenken müssen wir ihm ja zugestehen, dass er auch nur ein Mensch ist, sterblich und irrend wie alle, wie die Schüler und deren Eltern auch. Wenn wir uns das nur gegenseitig zubilligen könnten, und jeder finge bei sich selbst an, dann wäre die Welt bald in Ordnung.

Das Zweitschlimmste, gleich nach Desinteresse und Gleichgültigkeit, ist, wenn Eltern partout nicht in der Lage sind, den persönlichen Status quo ihres Nachwuchses zu respektieren. Er muss ja nicht ewig so bleiben, aber in einem konkreten Zeitabschnitt hat jedes Kind, jeder Mensch Leistungsgrenzen, über die er einfach nicht hinaus kann. Manche Eltern begeistern sich so an dem, was sie sich für ihre Kinder ausgedacht haben, dass ihnen einfach der Blick für deren reale Möglichkeiten verloren geht. Es bleibt uns also nichts anderes übrig: Wir müssen unsere Kinder immer besser kennenlernen. Und wenn wir ein realistisches Bild von ihnen haben, müssen wir an das glauben, was sie wirklich können. Zuerst müssen das die Eltern tun.

„Die Drei – vielleicht ausnahmsweise sogar einmal die Vier (verbal immerhin mit „ausreichend“ und „genügend“ beschrieben) – ist die Eins des kleinen Mannes“. Das ist nicht nur ein dummer Spruch, fatalerweise stimmt er in Bezug auf einzelne Fächer wirklich. Ehrlich gesagt: Mir sind Schüler, die überall eine Eins haben, unheimlich. Ich frage mich, ob sie nicht primär fleißige Streber sind, denn wer wirklich für ein Fach brennt, muss zwangsläufig die anderen – zumindest ein wenig – vernachlässigen. Wir können ja auch nicht, wenn wir wirklich lieben, allen Menschen gleich zugetan sein. Wir können sie achten und respektieren – „zufriedenstellend“ und „ausreichend“ mit ihnen umgehen – aber wirklich lieben – „sehr gut“, „besonders gut“ zu ihnen zu sein – sollte Auserwählten vorbehalten bleiben.

Allerdings ein Fach darf auf keinen Fall vernachlässigt werden: Betragen. Ich sagte es schon – öfter.