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Dienstag, 23.02.2016

Die Nase schmeckt mehr als die Zunge

Dr. med. Alexander Blödow, Chefarzt der Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Plastische Kopf- und Halschirurgie am Helios Klinikum Pirna, über die Bedeutung des Geruchs- und Geschmackssinns

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© Peter Atkins - Fotolia

  • Riechtest: Dabei bekommt der Patient verschiedene Riechstifte unter die Nase gehalten, die jeweils mit einem anderen Duftstoff gefüllt sind. Der Patient muss den richtigen Geruch erkennen.
    Riechtest: Dabei bekommt der Patient verschiedene Riechstifte unter die Nase gehalten, die jeweils mit einem anderen Duftstoff gefüllt sind. Der Patient muss den richtigen Geruch erkennen.
  • Dr. med. Alexander Blödow, Chefarzt der Klinik für HNO, Plastische Kopf- und Halschirurgie am Helios Klinikum Pirna
    Dr. med. Alexander Blödow, Chefarzt der Klinik für HNO, Plastische Kopf- und Halschirurgie am Helios Klinikum Pirna

Wie wichtig sind unsere Sinne?

Mit den grundlegenden Sinnen Sehen, Hören, Fühlen, Riechen, Schmecken und Gleichgewicht nehmen wir unsere Umwelt wahr. Sie ermöglichen es, dass wir uns orientieren können, in Kontakt mit anderen Menschen treten, Erfahrungen machen und lernen. Wie wichtig sie sind, merkt man meist erst dann, wenn einer davon fehlt. Beim Stichwort Sehen ist jedem sofort klar, wie gravierend der Einschnitt in das Leben ist, wenn man das Augenlicht verliert. Denn die Augen liefern die meisten Informationen über Gestalt, Größe, Lage und Beschaffenheit der Dinge um uns herum, und sie helfen uns, Farben, Formen, Helligkeit und Dunkelheit zu erfassen. Aber auch Riechen und Schmecken spielen eine entscheidende Rolle, etwa für die Lebensqualität und das Wohlbefinden wie auch beim Erkennen von Gefahren.

Wie funktionieren eigentlich Riechen und Schmecken?

Mit der eingeatmeten Luft gelangen die unterschiedlichsten Duftstoffe in die Nase. Im oberen Bereich der Nasenhaupthöhle, auf der Riechschleimhaut, befinden sich Riechzellen, die mit feinen Sinneshärchen ausgestattet sind. Jede Riechzelle ist für einen Duftstoff zuständig. Sobald dieser zu den Härchen gelangt, schicken diese das Signal zum Gehirn. Auf diese Art und Weise können wir mehrere Tausend verschiedene Gerüche unterscheiden.

Die Sinneszellen für den Geschmack sitzen in der Mundhöhle. Die Geschmacksknospen auf der Zunge können zwischen fünf Richtungen unterscheiden: süß, salzig, sauer, bitter und umami, der erst seit Kurzem bekannte Fleischgeschmack, der proteinhaltige Lebensmittel kennzeichnet. Da die Geschmacksknospen nicht gleichmäßig über die Zunge verteilt sind, spürt man einzelne Richtungen in bestimmten Bereichen der Zunge besonders intensiv: zum Beispiel süß am deutlichsten mit der Zungenspitze und bitter ganz hinten auf der Zunge. Mehr als diese fünf Richtungen kann man mit der Zunge nicht feststellen. Alle anderen Eindrücke, von denen wir glauben, dass wir sie schmecken, sind in Wahrheit Geruchsempfindungen. Beim bekannten „After Eight“ etwa schmeckt man lediglich süß; der Pfefferminzgeschmack ist ein Geruch. Denn viele Bestandteile von Nahrungsmitteln und Essensaromen gelangen als flüchtige Stoffe über den Rachen sozusagen von hinten in die Nase an die Riechschleimhaut, reizen die Riechrezeptoren und bestimmen den Geschmackseindruck mit.

Wie schwerwiegend ist es, wenn man nicht mehr riechen oder schmecken kann?

Das ist aus der Sicht der Betroffenen individuell sehr unterschiedlich. Während sich der eine mit der Situation abfindet, stellt sie für einen anderen eine gravierende Einbuße an Lebensqualität dar. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee oder eines saftigen Steaks beim Grillabend, der Hauch eines Parfüms oder eines Blütenstraußes – wer möchte darauf schon verzichten? Ein Koch, der nicht mehr riechen und schmecken kann, kann seinen Beruf nicht mehr richtig ausüben! Neben den Genussmomenten hat das Riechen zudem eine Funktion in der sozialen Kommunikation. Man sagt nicht umsonst „sich riechen können“. Sogar die Partnerwahl erfolgt zu einem gewissen Teil über die Nase. Außerdem kann man sich selbst nicht mehr über den Geruch wahrnehmen und ist verunsichert, ob man Körper- oder Mundgeruch hat. Darüber hinaus birgt der Verlust des Riechvermögens ein Gefahrenpotenzial, da Brand- und Gasgerüche nicht mehr warnen und verdorbene Lebensmittel nicht erkannt werden.

Was sind die Ursachen für den Verlust?

Es können banale, aber auch ernsthafte Ursachen dahinterstecken. Bei einer Erkältung mit Schnupfen beispielsweise ist die Nase verstopft, und die Duftmoleküle können nicht mehr an den Riechfasern in der Schleimhaut andocken. Auch Polypen, Formveränderungen in der Nase wie schiefe Nasenscheidewände und geschwollene Schleimhäute bei einer Allergie lösen eine Blockade aus. Chronische Nasennebenhöhlenentzündungen wiederum können zu einer Zerstörung der Riechrezeptoren führen. Neben den mechGut zu wissenanischen Gründen können außerdem einige Medikamente und starkes Rauchen das Riechvermögen beeinträchtigen. Und nicht zuletzt kann das Nichtriechenkönnen ein Hinweis auf einen Tumor sein, der in der Nasenhaupthöhle oder auch im Riechhirn sitzen kann.

Es gibt verschiedene Formen des Riechverlustes. Bei einer Hyposmie kann man noch etwas riechen, aber weniger deutlich; bei einer Anosmie kann man gar nichts mehr riechen; bei einer Phantosmie riecht man etwas, was gar nicht vorhanden ist; und bei einer Kakosmie schließlich riecht man etwas Falsches, beispielsweise empfindet man ein gutes Parfüm als einen ekligen Geruch. Gerade die beiden letzten Formen deuten auf eine Tumorerkrankung hin.

Wer feststellt, dass das Essen plötzlich fade ist und nicht mehr schmeckt oder dass er Gerüche nicht mehr wahrnimmt oder fehlinterpretiert, sollte auf jeden Fall einen HNO-Arzt aufsuchen und abklären lassen, was die Gründe sind.

Wie kann der HNO-Arzt helfen?

Für die Diagnostik stehen mehrere Methoden zur Verfügung. Der Facharzt kann eine Nasenspiegelung (Rhinoskopie) vornehmen, mit dem Nasenendoskop feststellen, ob an der Schleimhaut Veränderungen vorliegen und mit einem Riechtest herausfinden, ob und welche Duftstoffe der Patient erkennt. Dabei hält er dem Patienten Riechstifte unter die Nase, die jeweils mit einem anderen Duftstoff gefüllt sind. Außerdem können moderne bildgebende Verfahren wie die Computertomografie (CT) oder die Magnetresonanztomografie (MRT) eingesetzt werden, um zu erfahren, ob die Ursache nicht in der Nase, sondern im Gehirn liegt. Beim Verdacht auf einen Tumor wird eine Biopsie, eine Gewebeentnahme, durchgeführt.

Bei leichten Fällen des Geruchsverlustes bessert sich der Zustand oftmals von allein, und der Geruchssinn kehrt zurück. Entzündungen der Nasenschleimhaut oder der Nebenhöhlen sind meist mit entzündungshemmenden Medikamenten gut zu behandeln. Dabei können Cortisonspray und Vitamine für die Schleimhaut unterstützend helfen. Schiefe Nasenscheidewände können operativ korrigiert, also geradegerückt, und Polypen entfernt werden. Das trifft auch auf gut- und bösartige Tumore zu. Die Heilungschancen hängen – wie bei anderen Tumoren auch – davon ab, wie groß sie sind, wo genau sie sich befinden und wie gut das Operationsfeld zu erreichen ist.

Die Therapie von Riechstörungen ist insgesamt gesehen nicht ganz einfach, aber in vielen Fällen kann der HNO-Arzt helfen, dass die Blumen wieder duften.

Das Gespräch führte Sylvia Schmidt

Gut zu wissen

Selbsthilfegruppe bei Riech- und Schmeckstörungen in Dresden im Aufbau

Personen, die ihren Geruchs- und Geschmackssinn verloren haben, sind in ihrem Alltag und in ihrer Lebensqualität erheblich eingeschränkt. Um damit besser klarzukommen und um Informationen und Erfahrungen auszutauschen, können sich interessierte Betroffene jetzt in einer Selbsthilfegruppe zusammenschließen. Es besteht die Möglichkeit, sich in diesem Rahmen über praktische Alltagshilfen, neue Therapiemöglichkeiten oder Studien an Forschungseinrichtungen gemeinsam zu informieren.

Kontakt:
städtische Kontakt-und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (KISS), Ehrlichstraße 3, 01067 Dresden.
Die Anmeldung bei KISS ist entweder telefonisch unter 0351 2061985 oder per E-Mail an kiss-dresden@ t-online.de möglich.