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Zehren Freitag, 28.12.2012

Die Napoleonnase bröckelt

Zwei Felsabbrüche am Heiligabend richten Schaden im Ort an. Weitere Einstürze sind nicht auszuschließen.

Von Jürgen Müller

Stein-Reich: Einen ungewollten Steingarten hat die Eigentümerin dieses Hauses an der Leipziger Straße in Zehren. Das Kreisstraßenbauamt hat die Stelle gesichert, der Verkehr wird mit einer Ampel an der Einsturzstelle vorbei geleitet. Foto: Claudia Hübschmann
Stein-Reich: Einen ungewollten Steingarten hat die Eigentümerin dieses Hauses an der Leipziger Straße in Zehren. Das Kreisstraßenbauamt hat die Stelle gesichert, der Verkehr wird mit einer Ampel an der Einsturzstelle vorbei geleitet. Foto: Claudia Hübschmann

Der Zehrener Pfarrer Burkhard Nitzsche war zufällig einer der ersten, die am Mittag des Heiligabend in Zehren an der Stelle der B 6 eintrafen, wo ein Stück Felsen abbrach und Gestein auf die Bundesstraße rollte. „Offenbar haben wir großes Glück gehabt, dass zu diesem Zeitpunkt weder ein Fußgänger noch ein Auto in dem Bereich waren“, sagt der Pfarrer.

Der 76 Jahre alten Eigentümerin des Hauses an der Leipziger Straße 10, deren Garten verschüttet wurde, steht der Schrecken auch nach drei Tagen im Gesicht geschrieben. „Seit 45 Jahren wohne ich hier, da kamen öfter mal ein paar Steine herunter, doch so viele waren es noch nie“, sagt sie. Fußweg und Straße sind zurzeit mit einem Bauzaun und Betonschutzwänden abgesperrt. Diese Sicherung hat das Kreisstraßenbauamt vorgenommen. Der Verkehr wird per Ampel an der Einsturzstelle vorbeigeführt. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass es zu weiteren Felsabbrüchen kommt. Die Ampelregelung wird wohl noch einige Tage bestehen bleiben. Das Oberbergamt Freiberg, das noch am Heiligabend vor Ort war, hat festgestellt, dass der Felsabbruch an der Leipziger Straße einer Straßenböschung zuzuordnen ist. „Eine Zuständigkeit des Oberbergamtes besteht hier nicht“, sagt Abteilungsleiter Martin Herrmann. Die Gefahr geht also von einem privaten Grundstück aus.

Auch Diera-Zehrens Bürgermeisterin Carola Balk (parteilos) hat sich am Montagnachmittag vor Ort ein Bild von dem Felseinsturz gemacht. „Die Gemeinde hilft, wo es möglich ist“, sagt sie. Der Felsen stünde allerdings auf einem Privatgrundstück, die Eigentümer hätten eine Sicherungspflicht.

Tauwetter als Auslöser

In unmittelbarer Nähe rutschte ebenfalls am Heiligabend eine Böschung an der Lommatzscher Straße in Zehren ab. Der Schaden ist hier bedeutend höher. Ein Nebengebäude wurde komplett zerstört, ein anderes, in dem sich Autos befanden, muss voraussichtlich abgerissen werden. Gerd Dietze wohnt in dem Haus seit 1976, seine Eltern hatten es damals gekauft. „Dass die Böschung abrutschte, kam für uns völlig überraschend. Mal kleinere Steinschläge hatten wir schon, aber nie in diesem Ausmaß“, sagt der Zehrener, der nicht ausschließt, dass noch Geröll und Steine nachrutschen können.

„Die Böschungsrutschung an der Lommatzscher Straße erfolgte im Bereich eines alten Steinbruches, das heißt, dieses Ereignis fällt in die polizeirechtliche Zuständigkeit des Oberbergamtes“, sagt Martin Hermann vom Oberbergamt. Die Stabilität der Nebengebäude und der Garage würden derzeit durch die Eigentümer und Versicherung geprüft. „Eine akute Gefährdung der öffentlichen Sicherheit besteht nach erster Einschätzung nicht“, so Herrmann. Weitere Maßnahmen würden voraussichtlich Anfang 2013 eingeleitet. Zur Schadenshöhe lägen dem Oberbergamt keine Informationen vor, dies gelte auch für die Schadensregulierung.

Die genaue Ursache muss noch ermittelt werden. Laut Oberbergamt würden derartige Ereignisse in der Regel unabhängig davon, ob es sich um natürliche Böschungen oder alte Steinbrüche handelt, durch Verwitterungsprozesse im Gestein und dessen Verband verursacht. Insbesondere Wurzeldruck, Frostsprengung und Wasserzutritt führten zu derartigen Rutschungen oder Felsabbrüchen. „Die Wetterlage der vergangenen Tage mit dem Tauwetter und den starken Niederschlägen nach der Frostperiode sind als Auslöser der Ereignisse zu vermuten. Weitere Abbrüche im unmittelbaren Rutschungsbereich sind nach einer vorläufigen Vor-Ort-Einschätzung derzeit aber nicht zu erwarten“, so der Abteilungsleiter vom Oberbergamt.

Möglicherweise liegt die Ursache für den Felsabbruch in Zehren auch gut 200 Jahre zurück, sagt Pfarrer Nitzsche. Denn der Felsen sei einst von Napoleons Truppen gesprengt worden, um Platz für die Straße zu schaffen. Deshalb hieße der Felsen auch der „Napoleonfelsen“. „Übrig blieb nur die Napoleonnase, und die bröckelt jetzt“, so Burkhard Nitzsche. Zehren sei nun mal ein Felsendorf, viele wohnten direkt am Felsen, sagt der Pfarrer. Auch Häuser an der Niedermuschützer Straße liegen an alten Steinbrüchen.

Felsabsturz auch in Leuben

Auch im nahe gelegenen Leuben kam es vor gut zwei Jahren zu einem Felsabsturz. Starke Regenfälle hatten dazu geführt, dass der Hang am Leubener Kirchberg abrutschte. Dadurch bildete sich ein riesiger Riss auf dem Fußweg. Ein Anwohner hatte dies gemeldet und mitgeteilt, dass Lebensgefahr besteht. Die Gemeinde hat den Weg sperren lassen. Außerdem drohte ein Felsbrocken auf ein Haus an der Straße Am Bach zu stürzen. Die Bergsicherung ließ den Felsbrocken kontrolliert abstürzen.

Mit Felsstürzen muss auch in Leuben jederzeit gerechnet werden. „Der Berg arbeitet ständig. Kommt Wasser durch starke Regenfälle in das lose Tonschiefergestein, verschiebt sich dieses“, so Bürgermeister Gerhard Doleschal. Vor 100 Jahren wurde in Leuben Bergbau betrieben, seit etwa zwölf Jahren gibt es Felsstürze.