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Samstag, 23.07.2016

Die Mumie aus der Klosterkirche

Durch außergewöhnliche Umstände sind die Toten in der Gruft konserviert worden. Darunter ist eine besondere Adlige.

Von Stefan Lehmann

Sophia Christina von Wehlen übernahm nach dem Tod ihres Mannes das Rittergut Riesa – mit allen dazugehörigen Pflichten. 1740 wurde sie in der Riesaer Klostergruft bestattet. Dort sorgt ein steter Luftstrom dafür, dass die Toten konserviert werden.
Sophia Christina von Wehlen übernahm nach dem Tod ihres Mannes das Rittergut Riesa – mit allen dazugehörigen Pflichten. 1740 wurde sie in der Riesaer Klostergruft bestattet. Dort sorgt ein steter Luftstrom dafür, dass die Toten konserviert werden.

© Sebastian Schultz

Riesa. Die Hände der Frau liegen übereinander auf dem Schoß. Das lange, mit Schleifen verzierte Kleid verhüllt fast den gesamten Körper. Ein Schild verrät, wer diese Frau ist, die da im Sarg unter einer Glasabdeckung liegt: „Sophia Christiane, verw. Kammerherrin v. Wehlen, geb. v. Waldau“, steht dort. Besonders ist aber nicht ihr Name oder ihre Kleidung. Sondern die Tatsache, dass sie überhaupt noch in diesem Sarg liegt. Denn die Witwe des Kammerherren von Wehlen ist bereits vor mehr als 250 Jahren gestorben, im Oktober 1740. Normalerweise sind schon ein bis zwei Jahre nach einer Bestattung nur die Gebeine eines Toten übrig. Bei Kammerherrin Sophia Christiane – oder Christina, wie sie in verschiedenen Dokumenten ebenfalls genannt wird – sind selbst die Gesichtszüge noch zu erahnen. Dabei ist sie nicht einmal die besterhaltene Mumie in der Klostergruft, die sich über eine steile Treppe hinter dem Altar der Kirche erreichen lässt.

Schon vor mehreren Hundert Jahren war den Riesaern bekannt, dass Tote, die unter der Klosterkirche bestattet wurden, auch nach langer Zeit nicht verwest waren. Der Grund sind zwei Öffnungen an den Seiten der Gruftkammer. „Sie sorgen für einen steten Luftstrom“, sagt Kirchenvorstand Michael Herold. Die Belüftung halte die Luftfeuchtigkeit niedrig und bremse den Verwesungsprozess.

Forschung steht noch am Anfang

Grabkammern, in denen die Toten gut mumifiziert sind, finden sich vielerorts in Deutschland, erklärt Wilfried Rosendahl. Er leitet von Mannheim aus das „German Mummy Project“ – ein Forschungsprojekt, das sich mit der Mumiengeschichte nicht nur in Deutschland, sondern weltweit befasst. Auch die Riesaer Mumien hat er sich schon angeschaut, sagt Rosendahl. „Es ist eine der Grüfte, wie sie typisch sind für Kirchen oder Schlösser.“ Vor allem Adeligen und wichtigen Kirchenleuten sei das Privileg zuteil geworden, auf diese Weise bestattet zu werden. Erst langsam habe sich das geändert. „Besonders aus dem 17. und 18. Jahrhundert finden wir vermehrt mumifizierte Leichen.“

Dass Lüftungssysteme wie in der Klosterkirche in vielen Grüften zu finden sind, sieht Rosendahl als Indiz dafür, dass man sich des mumifizierenden Effekts bewusst war. „Die spannende Frage ist nur: Warum wollte man das?“ Bei den ägyptischen Mumien lasse sich der Grund anhand der Religion erklären – die Toten sollten „heil“ im Jenseits ankommen. Die europäische Mumienforschung stecke dagegen noch in den Kinderschuhen, sagt der Wissenschaftler, obwohl schon im Italien des 15. Jahrhunderts Tote einbalsamiert worden seien.

Weniger spannend sind die Riesaer Mumien aus Rosendahls Sicht übrigens nicht, nur weil es anderswo ähnliche Grüfte mit ähnlich gut oder teilweise noch besser erhaltenen Mumien gibt. „Jede erzählt ja eine eigene, individuelle Geschichte.“ So wie eben jene Sophia Christina, verwitwete Kammerherrin von Wehlen, geborene von Waldau. Schon ihr für diese Zeit hohes Lebensalter weist auf ein bewegtes Leben hin: 1657 soll sie geboren sein, so sagt es der Zettel an ihrem Sarg. 83 Jahre später starb sie. Ihren Mann, den Rittergutsbesitzer, hatte sie da um Jahre überlebt. „Als er starb, übernahm sie das Rittergut“, erklärt Kirchenvorstand Michael Herold. Damit sei Sophia Christiane von Wehlen unter anderem auch für die Gerichtsbarkeit zuständig gewesen. Eine Frau, die die Verantwortung über das Rittergut übernimmt, statt sich als Witwe zurückzuziehen – das sei schon etwas ungewöhnlich für diese Zeit gewesen, sagt Herold. „Auch, wenn das rechtlich möglich war.“ Man könne schon anhand ihrer Gesichtszüge erahnen, dass es sich um eine besondere Frau gehandelt haben muss. Ihr Sohn bewies weniger Geschick: Vier Jahre nach dem Tod seiner Mutter muss Johann Gottlob von Wehlen Konkurs anmelden. Vor drei Jahren hatte die Kirchgemeinde die Gruft zuletzt für die Öffentlichkeit geöffnet. Einen echten Rhythmus dafür habe man bewusst vermieden, erklärt Herold. Das soll auch so bleiben. „Wir sind kein Museum“, sagt Herold energisch. So spannend der Einblick in die Gruft auch sein mag: In erster Linie sei sie eine Begräbnisstätte, „und so soll’s bleiben“. Wann die Gruft das nächste Mal für Besucher offen sein wird, ist also unklar.

Führungen durch die Gruft unter der Klosterkirche werden gegen eine Spende von 5 Euro pro Person (Sonderführungen: 7 Euro, Kinder bis 10 Jahre kostenlos) bis Ende September immer sonnabends und sonntags von 14 bis 18 Uhr angeboten. Mittwochs ab 18 Uhr sind nach vorheriger Vereinbarung unter 03525 62010 Sonderführungen möglich. Am Tag des Denkmals am 11. September bleibt die Gruft geschlossen.