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Freitag, 13.01.2012

Die Masse macht’s

Firmengründer haben’s schwer: Gute Ideen, aber kein Geld, da Banken zögern. Die Dresdner Firma Seedmatch löst das Dilemma und macht sie bekannt.

Von Lars Radau, Dresden

Sie wollen mit wenig Geld – dafür aber von vielen Menschen – Großes bewegen: Seedmatch-Gründer Jens-Uwe Sauer (v.) und seine Mitstreiter Peter Schmiedgen, Florian Fischer und Friederike Lanzsch (v. l.) sammeln Geld ein und geben es an Unternehmensgründer weiter.Foto: kairospress
Sie wollen mit wenig Geld – dafür aber von vielen Menschen – Großes bewegen: Seedmatch-Gründer Jens-Uwe Sauer (v.) und seine Mitstreiter Peter Schmiedgen, Florian Fischer und Friederike Lanzsch (v. l.) sammeln Geld ein und geben es an Unternehmensgründer weiter.Foto: kairospress

Für Jens-Uwe Sauer ist jetzt die Zeit gekommen, „den Hebel umzulegen“. Drei bis vier Projekte pro Monat, sagt der Gründer und Geschäftsführer der Dresdner Seedmatch GmbH, seien realistisch machbar. Das in einer Villenetage in der Südvorstadt ansässige Vier-Mann-Unternehmen betreibt unter der Adresse seedmatch.de die erste Crowdinvesting-Plattform Deutschlands. Das Prinzip Crowdinvesting bedeutet, dass Anleger keine Riesen-Geldsummen mehr auf den Tisch legen müssen, um sich an jungen Unternehmen, den sogenannten Start-ups, zu beteiligen, die Seedmatch betreut. Die Masse („Crowd“) macht es. Beim bislang letzten Finanzierungsprojekt, dem Internet-Archivdienstleister Smarchive, dauerte es gerade einmal 60 Stunden, bis insgesamt 144 Investoren zusammen 100000 Euro Wagniskapital aufgebracht hatten.

Wie Fans zu Investoren werden

Dieses Tempo hatte das Seedmatch-Team selbst nicht erwartet. „Das spricht aber sowohl für das Geschäftsmodell von Smarchive als auch für unseres“, sagt Jens-Uwe Sauer. Ab 250 Euro kann im Grunde jedermann über Seedmatch in Jungunternehmen investieren. Voraussetzung ist lediglich die kostenfreie Anmeldung auf der Plattform. Der gewünschte Geldbetrag wird vom Bankkonto abgebucht und landet auf einem Treuhandkonto. „Das Geld kommt also direkt den jeweiligen Start-ups zugute“, sagt Jens-Uwe Sauer. Die wiederum bezahlen Seedmatch für die Kapitalbeschaffung – zwischen fünf und zehn Prozent der eingeworbenen Finanzierungssumme kostet die Jungunternehmer der Zugriff auf die Portemonnaies der Crowd.

Dafür, betont Jens-Uwe Sauer, bekommen sie nicht nur eine gründliche Analyse des Geschäftsmodells und des Business-Plans sowie die Vorstellung auf der Plattform, sondern auch eine Art emotionalen Mehrwert. Denn oft seien die Investoren auch Fans der Idee und des neuen Unternehmens, in das sie investieren. „Das sorgt nicht nur für Mundpropaganda, sondern generiert auch Umsatz“, sagt Sauer. Bestes Beispiel: Der von Seedmatch finanzierte Onlineshop Cosmopol, der seinen Kunden Souvenirs aus 70 Reiseländern nach Hause liefert. „Sicherlich haben etliche Investoren dort auch ihre Weihnachtsgeschenke bestellt“, sagt Sauer und lächelt.

Außerdem habe sich herausgestellt, dass nicht nur das Geld, sondern auch der Geist der Mini-Anteilseigner für die Start-ups hilfreich ist. Alle Smarchive-Investoren bekamen schon in der Testphase einen Zugang zur Archiv-Plattform und konnten so Fehler finden oder Tipps für die endgültige Variante loswerden.

Wer über Seedmatch Geld in ein Start-up investiert, geht eine sogenannte stille Beteiligung ein. Das heißt: Im Idealfall profitiert der Anleger von eventuellen Gewinnausschüttungen und dem Wertzuwachs seiner Beteiligung, von der er sich nach einer vertraglich festgelegten Laufzeit wieder trennen kann. Im schlechtesten Fall, wenn das Jungunternehmen pleitegeht, ist das investierte Geld weg. Auch deshalb, sagt Jens-Uwe Sauer, habe das Crowdinvesting-Modell seinen Charme. „Im Schnitt steckt jeder unserer Investoren zwischen 550 und 750 Euro in Start-up-Unternehmen.“ Diese Größenordnung mache einen Verlust nicht weniger ärgerlich, aber verkraftbar. Und in der Regel beteiligten sich die Seedmatch-Mitglieder, die investieren, gleich an mehreren vielversprechenden Geschäftsideen. „Das streut das Risiko.“

Dieses Ausfallrisiko möglichst klein zu halten, ist für Jens-Uwe Sauer die zweite zentrale Aufgabe von Seedmatch. Die Auswahl der Start-ups, die das Unternehmen finanziert, erfolge „schon im eigenen Interesse sehr sorgfältig“, betont der Geschäftsführer. Gefragt seien innovative Geschäftsideen, die sich in erster Linie an Endkunden richten, großes Wachstumspotenzial bieten und unkompliziert skalierbar sind, also schnell erweiterbar sind.

Ein Großteil dieser Anforderungen, sagt Jens-Uwe Sauer, lasse sich derzeit am besten im Internet umsetzen. Festgelegt sei Seedmatch deshalb trotzdem nicht: Auch in den Bereichen Cleantech und erneuerbare Energien sieht das Team reichlich Potenzial. Ebenso in bestimmten Logistik-Anwendungen, Konsumgütern oder selbst dem Vertrieb von Autoteilen. Genauer will sich Jens-Uwe Sauer nicht in die Karten schauen lassen. Die Pipeline jedenfalls sei derzeit „gut gefüllt“. Auch deshalb sei es jetzt an der Zeit, den Hebel umzulegen.