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Die Macht der Bilder

Der Videobeweis ist umstritten. Doch am Wochenende zeigte sich, wie er den Fußball wirklich fairer machen kann.

02.10.2017
Von Thomas Nowag

 der Bilder
Die Hannoveraner sind entsetzt, aber Schiedsrichter Christian Dingert (M.) fühlt sich nach dem Videobeweis bestätigt und gibt Elfmeter für Mönchengladbach.

© dpa

Horst Heldt hätte ausrasten können, Zeter und Mordio schreien. Doch der Sportdirektor von Hannover und alle Spieler nahmen den Knockout in letzter Sekunde durch einen bemerkenswerten Videobeweis beeindruckend sportlich. Es steht 1:1, als es in der Nachspielzeit passiert: 96-Verteidiger Salif Sane versucht, den Gladbacher Vincenzo Grifo im Strafraum mit einer Grätsche vom Ball zu trennen – und erwischt ihn dabei. Schiedsrichter Christian Dingert zögert keinen Moment, entscheidet auf Elfmeter.

Doch dann schleichen sich Zweifel ein, er hält Rücksprache mit dem Videoassistenten Wolfgang Stark in der Kölner Zentrale. Eine Minute lang steht Dingert mit dem Finger am Ohr im Strafraum, doch er bekommt keine klare Ansage. Es war ein Kann-, kein Muss-Elfer, also auch kein klarer Fehler. Der Referee muss selbst entscheiden. Dingert schreitet über den Platz zur „Review Area“, wo er sich die Zeitlupe des Zweikampfes in Ruhe ansieht. An diese Szenerie im Stadion werden sich die Fans wohl noch gewöhnen müssen.

Doch danach zeigt er noch einmal energisch auf den Punkt. Es bleibt dabei: Elfmeter für Gladbach. „Der Schiedsrichter hat alles richtig gemacht. Er hat alle Möglichkeiten ausgeschöpft“, lobt Heldt. Hannovers Torjäger Martin Harnik, der es kurz zuvor fertiggebracht hatte, aus zwei Metern vor dem leeren Tor die Querlatte zu treffen, räumt sogar ein: „Aus meiner Position war das ein klarer Elfmeter.“

Thorgan Hazard ließ sich von der Verzögerung nicht aus der Ruhe bringen. Der 24 Jahre alte Belgier war als Schütze für die Borussia ausgeguckt worden und stand mit dem Ball in der Hand wie verloren herum. „Ich habe die ganze Zeit überlegt“, sagt er: „Schießt du nach links? Rechts? Mitte? Rechts?“ Hazard verwandelte links unten zum Sieg. „Fußball soll gerecht sein“, sagte 96-Trainer Andre Breitenreiter fair.

Aus einer Szene mit Erregungspotenzial wurde eine Situation, in der nach den wüsten Diskussionen der vergangenen Wochen deutlich wird, wie sinnvoll der Videobeweis sein kann. „Wir haben uns entschieden, das ein Jahr lang zu testen. Jetzt müssen wir dem Videobeweis die Chance geben, sich durchzusetzen“, sagte Gladbachs Trainer Dieter Hecking scharf. „Wer das nicht kapiert, tut mir leid!“

Es gab allerdings noch eine Situation, auch mit Videobeweis, die Heldt doch in Rage brachte. Der Gladbacher Fabian Johnson hatte den Ball im Strafraum an die Hand bekommen. Absicht oder nicht – das blieb auch nach Ansicht der Fernsehbilder Auslegungssache. Kein Elfmeter. „Da zweifle ich an der Regel, die ist bescheuert, total schwammig, das ist dämlich“, schimpft Heldt. Die Regelhüter beim internationalen Verband „entscheiden so viel Mist, da können sie auch mal was klar ziehen“.

Aubameyang lässig

Insgesamt war es ein guter Spieltag für den Videobeweis, denn auch in den anderen drei Partien am Samstagnachmittag wurde er erfolgreich geführt. Wobei das nicht für den Dortmunder Pierre-Emerick Aubameyang gilt. Man hätte auf die Idee kommen können, dass sein Lupfer vom Elfmeterpunkt eine Geste des Fairplays sein sollte. Schiedsrichter Marco Fritz hatte nach Hinweis des Videoassistenten auf Strafstoß entschieden, aber der Gabuner löffelte den Ball lässig in die Arme von Torwart Marvin Hitz. Trotzdem gewann der BVB in Augsburg mit 2:1. „Der Elfmeter war so, wie wir in der zweiten Hälfte gespielt haben“, meint Dortmunds Trainer Peter Bosz – und nimmt den Superstar in Schutz: „Er macht vielleicht zwei solche Spiele im Jahr.“

Möglicherweise hätte Mainz in Wolfsburg gewonnen, aber in der über weite Strecken gemächlich dahin plätschernden Partie taugte nicht einmal der Videobeweis als Aufreger. Schiedsrichter Robert Hartmann erkannte in der 88. Minute auf Strafstoß, revidierte sich aber auf Anraten des Videoassistenten. Der Wolfsburger Paul-Georges Ntep hatte den Mainzer Karim Onisiwo erkennbar außerhalb des Strafraums regelwidrig attackiert. Zustimmung: „Es soll doch gerechter zugehen, deshalb ist mit dieser Entscheidung alles in Ordnung“, sagte Daniel Brosinski, obwohl sich der Mainzer den Ball auf dem Elfmeterpunkt zurecht gelegt hatte: „Und ich hatte mir schon sogar die Ecke ausgesucht.“

Ähnlich lief es in Frankfurt, wo Eintracht-Verteidiger Simon Falette nach einer Notbremse am Stuttgarter Simon Terodde die Rote Karte sah – zugleich entschied Schiedsrichter Felix Brych auf Elfmeter für den VfB. Terodde legte sich den Ball bereits zurecht, als der Videoassistent eingriff und sagte: Das Foul war knapp außerhalb des Strafraums. Es gab also nur Freistoß – und der brachte nichts ein. Trotz Unterzahl gewann die Eintracht durch ein geniales Seitfallzieher-Tor von Sebastien Haller in der Nachspielzeit mit 2:1. (sid, mit dpa, SZ)