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Dienstag, 07.11.2017

Die Libellen-Retter

An der Neuberzdorfer Höhe lebt eine extrem seltene Libellenart. Für sie gab es jetzt einen Arbeitseinsatz.

Von Susanne Sodan

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Jörg Müller beobachtet die Mondazurjungfern an der Neuberzdorer Höhe schon lange. Die haben nicht nur einen schwierigen Namen, sondern sind auch vom Aussterben bedroht.
Jörg Müller beobachtet die Mondazurjungfern an der Neuberzdorer Höhe schon lange. Die haben nicht nur einen schwierigen Namen, sondern sind auch vom Aussterben bedroht.

© R. Sampedro

  • Jörg Müller beobachtet die Mondazurjungfern an der Neuberzdorer Höhe schon lange. Die haben nicht nur einen schwierigen Namen, sondern sind auch vom Aussterben bedroht.
    Jörg Müller beobachtet die Mondazurjungfern an der Neuberzdorer Höhe schon lange. Die haben nicht nur einen schwierigen Namen, sondern sind auch vom Aussterben bedroht.
  • Arbeitseinsatz für die Mondazurjungfer: Wie viele Quadratmeter Fläche die vielen Helfer entstraucht haben, wie viel Kubikmeter Gestrüpp und Holz sie geschnitten und gesägt haben, kann Jörg Müller gar nicht sagen.
    Arbeitseinsatz für die Mondazurjungfer: Wie viele Quadratmeter Fläche die vielen Helfer entstraucht haben, wie viel Kubikmeter Gestrüpp und Holz sie geschnitten und gesägt haben, kann Jörg Müller gar nicht sagen.
  • Jetzt kann man sie nicht sehen, die Mondazurjungfer. Zu kalt. Aber im Wasser leben und überwintern – für den Laien unsichtbar – viele Larven. Im Sommer werden hier voraussichtlich Hunderte Tiere dieser Art fliegen.
    Jetzt kann man sie nicht sehen, die Mondazurjungfer. Zu kalt. Aber im Wasser leben und überwintern – für den Laien unsichtbar – viele Larven. Im Sommer werden hier voraussichtlich Hunderte Tiere dieser Art fliegen.

Das sieht nach echter Arbeit aus. Zum Glück ist sie schon getan. Nahe der Auffahrt zur Neuberzdorfer Höhe sieht es aus, als wolle jemand gleich mehrere XXL-Hexenfeuer starten: Auf Haufen türmen sich Äste und Gestrüpp. Zahlreiche Helfer haben einen der Plattenteiche an der Neuberzdorfer Höhe entstraucht. Jörg Müller schaut über das stark gelichtete Ufer. „Ich bin mit dem Ergebnis ganz zufrieden“, sagt er. Wofür der ganze Aufwand? Hier, an diesem Plattenteich hat er eine extrem seltene Libellenart entdeckt. Und die mag kein Gestrüpp, die mag Licht.

Mondazurjungfer, so heißt die Libelle, die in Deutschland auf der Roten Liste steht. 1998 fiel sie noch in die Kategorie „stark gefährdet“, heute gilt sie sogar als vom Aussterben bedroht. In Sachsen gibt es nur noch eine einzige Population, die an der Neuberzdorfer Höhe. Was er da für eine Seltenheit entdeckt hat, war Jörg Müller am Anfang gar nicht recht bewusst. Er ist Biologe, hat in Zittau Ökologie und Umweltschutz studiert und arbeitet heute am Senckenberg-Museum für Naturkunde in Görlitz. Sein Fachgebiet ist eigentlich die Tierwelt unter der Erde: Bodenzoologie. Die Libellen dagegen sind Müllers Hobby. Weil sie schön und obendrein Flugkünstler sind. „Die Art, wie sie fliegen, das hat doch was“, sagt er. Außerdem sind Libellen viel augenscheinlicher als Bodentiere. Und drittens sei ihre Artenzahl auch deutlich übersichtlicher. Es gibt ja „nur“ – Jörg Müllers Worte – 68 Libellenarten in Sachsen.

„Ich bin eigentlich an jedem Teich im Landkreis unterwegs und registriere, welche Libellen es dort gibt“, erzählt Müller. Auch den Plattenteich auf der Neuberzdorfer Höhe kennt er schon lange, etwa seit 2005. Dass hier die Mondazurjungfer lebt, sei ebenfalls keine Entdeckung, die er erst gestern gemacht habe, erzählt der Biologe. „Ich kannte die Population hier. Ich wusste auch, dass die Mondazurjungfer eine besondere Art ist“, sagt Müller. „Mir war aber nicht klar, wie selten und wie stark im Rückgang sie ist.“ Das wurde ihm erst durch Kontakte mit anderen Libellenfreunden, durch weitere Forschungen bewusst. „Letztes Jahr war dann klar: Ja wir haben hier die letzte sächsische Population.“

Die Plateauteiche sind Anfang der 90er Jahre südlich der Neuberzdorfer Höhe angelegt worden – flache Teiche, ausgekleidet mit Planen oder Betonplatten. Was ihr eigentlicher Nutzen war, weiß Schönau-Berzdorfs Bürgermeister Christian Hänel (parteilos). „Sie wurden ursprünglich angelegt, um das Oberflächenwasser der Neuberzdorfer Höhe zu sammeln“, erklärt er. Genutzt worden seien sie häufig auch als Feuerlöschteiche. Ende der 90er verschwanden die meisten der Plateauteiche wieder, der Plattenteich an der Auffahrt zur Neuberzdorfer Höhe aber blieb.

„2005 sah es hier noch ganz anders aus“, sagt Jörg Müller. „Da konnte ich noch ohne Probleme mit dem Fahrrad direkt bis zum Teich fahren.“ Ein flaches Gewässer mit damals noch flachem Bewuchs – das sei für die Mondazurjungfer ideal gewesen. Über die Jahre aber sind Sträucher und kleine Bäume gewachsen. „Da musste was getan werden.“ Jörg Müller wandte sich an die Untere Naturschutzbehörde beim Landkreis. Eigentlich aus einem ganz anderen Grund. „Ich hatte mich als ehrenamtlicher Naturschutzhelfer beworben“, erzählt er. Beim Gespräch kam das Thema Mondazurjungfer auf. „Und so kam die Aktion ins Rollen.“ Der Landkreis wiederum fragte beim Besitzer der Plattenteich-Fläche – Euroimmun – an. Auch von dort kam grünes Licht. Vor rund zwei Wochen trafen sich also schließlich 35 ehrenamtliche Naturschutzhelfer, Freunde, Kollegen und Ornitologen am Plattenteich – zur Entstrauchung. „Man hilft sich im Naturschutz gegenseitig“, sagt Jörg Müller. Die Astscheren und Sägen brachte zum Beispiel der Landschaftspflegeverband Reichenbach mit. Unterstützung kommt auch von Euroimmun: Das Unternehmen wird die Entsorgung des Tagwerks, also der XXL-Haufen, übernehmen.

Getan ist es mit der einmaligen Aktion aber noch nicht, sagt Susann Koppelt von der Unteren Naturschutzbehörde. „An dem Plattenteich sind in den vergangenen Jahren sogenannte Pioniergehölze gewachsen“, erklärt sie. „Die können sehr robust sein und werden wieder ausschlagen.“ Eigentlich wären Wurzelrodungen nötig. „Das Schilf müsste auch raus“, ergänzt Jörg Müller. Wie es nun weitergeht, ist noch nicht klar. Die Untere Naturschutzbehörde will Aktionen für die Mondazurjungfer jedenfalls weiter unterstützen. „Im Frühjahr wollen wir versuchen, uns um Fördermittel zu bewerben“, sagt Müller.

Stillstehen wird der Naturschutz auf der Neuberzdorfer Höhe in der nächsten Zeit sicher nicht. Schon deshalb, weil die Gemeinde Schönau-Berzdorf Ausgleichsfläche für die Arbeiten an der Blauen Lagune schaffen muss. Bei einer der Ausgleichsflächen geht es um einen ehemaligen Feuerlöschteich aus Bergbauzeiten, der in einen natürlichen Zustand gebracht werden soll. Jörg Müller gefällt diese Idee. Erstens, weil etwas genutzt wird, was bereits vorhanden ist – und damit auch bereits dort lebende Arten unterstützt werden. Zweitens hofft er, dass der Feuerlöschteich vielleicht ein zweites Zuhause für die Mondazurjungfer werden könnte.