erweiterte Suche
Freitag, 08.12.2017

Die Kuscheltierpfleger schließen ab

Nach 19 Jahren verlassen Roland und Marion Hofmann den Zoo-Shop. Sie haben noch einen Wunsch an alle Eltern.

Von Henry Berndt

1

So viel Spaß auf wenig Raum: Roland und Marion Hofmann machten den winzigen Zooshop zu ihrem Kaufmannsladen.
So viel Spaß auf wenig Raum: Roland und Marion Hofmann machten den winzigen Zooshop zu ihrem Kaufmannsladen.

© Sven Ellger

Die Bilder hat er im Keller gefunden und irgendwie passen sie ja ganz gut: Eines zeigt einen lachenden Clown, das andere einen weinenden. Roland Hofmann hat sie vorn ins Schaufenster seines kleinen Souvenirshops am Ausgang des Zoos gestellt. Der 66-Jährige hat gut lachen, denn schon bald kann er das Rentnerdasein genießen. Aber irgendwie wird ihm all das hier auch fehlen. Seine bunte Spielzeugwelt, die strahlenden Kinderaugen, ja selbst die schimpfenden Eltern.

„So leer wie jetzt war der Laden in den 19 Jahren nie“, sagt Roland Hofmann und blickt sich um. Von der Decke hängen noch ein paar Plüschschlangen und Regenschirme. Aus den Regalen grüßen Pinguin-Schlüsselanhänger, Zebra-Schneekugeln und Kuschel-Krokodile. „Krokodile müssen immer das Maul aufhaben, sonst kauft die keiner“, sagt Hofmann. Eine diese Grundregeln, die er sich mit der Zeit angeeignet hat. „Als wir 1998 anfingen, haben wir noch nach unserem eigenen Geschmack eingekauft“, erinnert er sich. Hochwertige Kunstwerke, darunter eine ganze Arche voller Reifentiere aus dem Erzgebirge. „Nach sechs Monaten hatte ich nur sechs Stück verkauft.“ Seitdem setzten Roland Hofmann und seine Frau Marion (64) auf den Geschmack der kindlichen Kundschaft. Sie verbannten alles, was an Schule erinnerte, und reduzierten ihre Gewinnspanne. Die Unmengen an Kuscheltieren machten es in dem kleinen Laden noch kuschliger für Besucher und Verkäufer. Lange träumte Hofmann davon, dass der Shop eines Tages weggerissen und dreimal so groß neu gebaut würde, inklusive eines Lagers. Bis heute vergeblich. Blieb ein Kunde vor einem Regal stehen, warteten bald hinter ihm schon drei weitere, die mit ihren Kindern eigentlich möglichst schnell durchhuschen wollten. „Klar haben da immer viele geschimpft“, sagt Hofmann. Die meisten Besucher denken ja bis heute, dass der einzige Weg nach draußen durch den Shop führe. Nur selten ignorierte Roland Hofmann diese Kritik. Manchmal erzählte er den Eltern dann von der Marktwirtschaft. Lieber aber entgegnete er einfach: „Wir sind der Laden, der Kinder glücklich macht.“ Ob er damit viele überzeugen konnte, weiß er nicht. Für so manche soziale Studie über elterliche Strenge, Harmonie und Konsequenz wäre der Zoo-Laden sicher ein guter Ort gewesen.

Erst Zahnpasta, dann Autos

Das Verkaufen war schon immer Roland Hofmanns Sache. So erzähle seine Mutter immer wieder gern davon, wie er im Kinderferienlager seine Zahnpastatube und die mitgegebenen Briefmarken lieber an andere Kinder verkaufte und sich das Geld einsteckte. Später wurde aus ihm ein außergewöhnlich erfolgreicher Autoverkäufer, und vielleicht wäre er das noch heute, wäre seine Frau nicht eines Tages mit dieser Neuigkeit nach Hause gekommen. 25 Jahre lang war Marion Hofmann Sekretärin in der Geschäftsführung des Zoos. Nun erzählte sie ihrem Mann davon, dass ein Pächter für den neugebauten Zooshop gesucht werde. „Im Urlaub habe ich dann am Strand ein Konzept erarbeitet“, erinnert sich ihr Mann Roland. Er wollte beweisen, dass so etwas nicht nur Wessis können. Viele Freunde und Kollegen warnten ihn: „Mach das nicht. Du hast doch einen festen Job!“ Er bewarb sich trotzdem.

Und es kam, wie es kommen musste: Hofmann bekam den Zuschlag und war plötzlich Spielzeugverkäufer. Zehn Jahre lang betrieb er den Laden als zweites Standbein neben dem Autoverkauf. „Mein Geld habe ich mit den Autos verdient“, sagt er. „Hier blieb anfangs nicht viel hängen.“ Er habe den Zooshop immer als seinen „Kaufmannsladen“ angesehen. Erst 2010 kündigte er im Autohaus und konzentrierte sich fortan auf sein Lädchen.

Jedes Jahr fuhr er mit seiner Frau zur weltgrößten Spielzeugmesse nach Nürnberg und brachte die neuesten Trends mit. Am besten liefen jedoch immer die Tiere, die die Kinder zuvor im Original im Zoo bestaunen konnten. Nacktmull, Koala und Orang-Utan waren lange Zeit die Bestseller. Auch Zehntausende Postkarten mit einem Foto des inzwischen gestorbenen Krokodils Max gingen über den Ladentisch. Natürlich mit offenem Maul.

Das Foto hat übrigens Marion selbst geschossen. Nachdem sie sich anfangs gar nicht so recht auf die Idee ihres Mannes einlassen wollte, war es am Ende sie, die sogar gern noch ein, zwei Jahre weitergemacht hätte. Doch die Entscheidung stand fest: Am 17. Dezember 2017 ist Schluss im Zooshop. Ab Mitte Januar 2018 wird ein neuer Pächter einsteigen.

Roland Hofmann will allerdings nicht gehen, ohne an all die Menschen zu erinnern, die ihn begleitet haben. Seine Frau sei immer seine härteste Kritikerin gewesen, aber auch die Unersetzliche, die jede E-Mail geschrieben habe und die Bestellungen managte. Sein Sohn habe ihm im Tagesgeschäft den Rücken frei gehalten, insgesamt rund 30 Aushilfen hielten den Laden 365 Tage im Jahr am Laufen. „Auch zur Zooleitung und den Tierpflegern hatten wir immer einen guten Draht“, sagt Hofmann, der zwölf Jahre lang im Vorstand des Zoofreunde e.V. mitwirkte.

„Haben Sie auch Frettchen?“

Jetzt aber soll es genug sein. Immer arbeiten zu müssen, wenn andere frei haben. Der Stress und die Hitze im Sommer. Die ständigen Fragen, ob man hier die Chips für die Bollerwagen zurückgeben könne (kann man nicht!). Und dann auch noch die Anrufer, die gern Tierfutter oder lebende Frettchen kaufen möchten. Das muss man schon wollen. Roland Hofmann will nun nicht mehr. „Der Ossi hat bewiesen, dass er Kaufmann sein kann“, sagt er und lacht.

Einen Wunsch aber haben er und seine Frau noch an alle Eltern, die künftig den Zoo besuchen werden: „Widmet euch doch bitte euren Kindern und nicht 90 Prozent der Zeit euren Smartphones“, sagt Roland Hofmann. „Und liebe

Väter: Steht nicht nur genervt daneben, wenn euer Kind seine Mama bekniet, ein Spielzeug zu kaufen. Kümmert euch!“ So ein Zooladen ist eben immer auch eine pädagogische Einrichtung. Nicht nur für den Nachwuchs.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

Alle Kommentare anzeigen

  1. SAndra Kreisler

    Ein sehr lieber Bericht - der trotzdem diesen warmherzigen Menschen kaum gerecht werden kann. Diese Sorte Mensch ist selten und kostbar, sie werden sicher fehlen!

Alle Kommentare anzeigen

Ihr Kommentar zum Artikel

Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Verbleibende Zeichen: 1000
Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein