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Freitag, 26.03.2010

Die Kultur des Vertuschens

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die Sächsische Zeitung kontroverse Essays, Kommentare und Analysen zu aktuellen Themen. Texte, die aus der ganz persönlichen Sicht des Autors Denkanstöße geben, zur Diskussion anregen sollen.Heute: Theaterregisseur und Musiker Franz Wittenbrink, ehemaliger Internatsschüler der Regensburger Domspatzen, über Missbrauch an Kindern. Die Ursache für das Verschweigen sieht er in der Tradition, die Ideologie höher zu erachten als die Menschlichkeit.

Von Franz Wittenbrink

Seit Wochen geht das so. Jeden Tag wieder neue Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern, von Prügelorgien, zerstörten Lebensläufen, Enthüllungen, bei denen einem das Grauen hochsteigt, und kein Ende in Sicht. Was ist los? Warum zeigt sich die Gesellschaft so überrascht bei all den Verbrechen, die da ans Tageslicht kommen?

Wenn ich heute die Bilder und Nachrichten über die Regensburger Domspatzen sehe, kommt es wieder in mir hoch, dieses verlorene Gefühl, das ich hatte, als ich 1967 nach dem Abitur das letzte Mal vor dem Internat der Regensburger Domspatzen stand. Diese Mischung aus Stolz, es überstanden zu haben, und unbändiger Wut. Einerseits die großartige musikalische Ausbildung und die kurzen leuchtenden Momente des Kinderstar-Daseins, auf der anderen Seite die erniedrigenden Nacktprügel-Orgien der Priester-Seminaristen, die unsere Präfekten waren, die dauernde Atmosphäre von Angst vor den kirchlichen Aufsehern, dieser unangreifbaren Übermacht, die einem das Gebiet der Sexualität als Land der Finsternis voll von Todsünden predigte und gleichzeitig einzelne Mitschüler als Lustobjekte herauspickte und sexuell benutzte.

Scheinheiligkeit ist da noch ein milder Ausdruck für das, was ich damals der katholischen Kirche vorwarf. Ein Jahr später bin ich aus der Kirche ausgetreten – und an den Vorwürfen kann ich bis heute nicht viel revidieren. Allerdings betrifft es nicht nur die katholische Kirche. Sexuelle Missbrauchsexzesse in Kinderheimen, in reformpädagogischen Internaten wie der Odenwaldschule, deren Leiter Gerold Becker leitendes Mitglied der EKD war, Lehrer von Waldorfschulen – nicht zu reden von Sportvereinen und dem größten Teil der Missbrauchsfälle, der in den Familien stattfindet.

Missbrauch von Kindern gab es schon immer, könnte man sagen, und das ist leider auch wahr. Aber kann das der Standpunkt der Kirchen sein, der reformpädagogischen Internate, der Sportvereine? Kann man sich herausreden und sagen, das seien eben traurige Einzelfälle? Und das müsse man schnellstens und rigoros aufklären, Entschädigungszahlungen und Therapiebeihilfe inklusive?

Eine Kirche, die von sich behauptet, sie sei dem Menschen eine moralische Instanz, die Nächstenliebe und Respekt vor den Mitmenschen predigt, müsste da schon ein bisschen weiterdenken, sonst verliert sie ihre Glaubwürdigkeit restlos. Wer ehrlich ist, muss zugeben, dass man schon seit Jahrzehnten wusste, welcher Schmutz sich unter dem Deckmantel der kirchlichen Fürsorge abgespielt hat. Ich erzähle seit Jahren in Interviews von meinen Domspatzen-Erlebnissen, auch der Presse. Das fand man allenfalls interessant, mehr passierte nicht. „Jeder hat’s gewusst“, sagen auch die Odenwald-Schüler. Aber die Kirchen und die anderen Institutionen verhalten sich wie abgeschlossene Zirkel, wie Sekten innerhalb dieser Gesellschft: Sie wollen nicht zu viel nach außen dringen lassen, um sich selbst nicht zu gefährden. Doch nicht die Verfehlung von Vertretern der Kirche oder der reformpädagogischen Internate ist das Problem – der Mensch ist fehlbar –, sondern der verlogene und vertuschende Umgang damit.

Denn hinter dem zur Schau gestellten Aufklärungswillen spürt man ganz deutlich die Abwehrhaltung, doch ja die eigene Institution nicht ins Zwielicht geraten zu lassen. Warum sonst wird die Leiterin der Odenwaldschule aus den eigenen Reihen angegriffen, sie würde mit ihrer konsequenten Haltung dem Ansehen der Reformpädagogik schaden? Wie kommt ein Bischof Mixa zu einer solch absurden Behauptung, die 68er mit ihrer Übersexualisierung der Gesellschaft wären mit schuld an dem Missbrauch durch die Priester? Oder noch widerlicher der Bischof Müller aus Regensburg, der die berechtigte Empörung über die Vertuschungspraxis der Kirche mit den Angriffen der Nazis gegen die Kirche vergleicht.

Die Debatte gerät zum ideologischen Grabenkampf, und die Opfer werden dafür schon wieder benutzt. Man müsste froh sein, dass die vielen Opfer, die immer für sich alleine waren mit ihren Schuldgefühlen, mit der Beschädigung und Zerstörung ihrer Seele, endlich ans Licht der Öffentlichkeit treten. Doch es steht zu befürchten, dass auch das wieder ein Strohfeuer sein wird.

Denn es gibt in Deutschland eine traurige Tradition, die Ideologie oder das Lagerdenken für wichtiger zu halten als die Menschlichkeit. Und das gilt für die Linke gleichermaßen wie für die Rechte. Günter Amendts „Sexfront“, die Sex-Bibel der 68er, ist eine implizite Aufforderung zu sexuellem Kindsmissbrauch, mit der absurden Begründung, dass die frühe Sexualisierung aus ihnen Persönlichkeiten mache, die sich nicht mehr so freiwillig der Lohnsklaverei durch die Kapitalisten unterwerfen. Gibt es da nicht etwas aufzuarbeiten? Oder der Antrag der Grünen in ihrem ersten Bundestagsjahr auf Legalisierung von Sex mit Kindern, der schnell wieder verschwand. Bei aller Empörung: So ein Antrag wird nicht gestellt, wenn nicht Tatsachen dahinterstehen. Man fordert auch nicht Legalisierung von Haschisch, wenn es sowieso niemand konsumiert.

Oder die Debatte um die Töchter aus türkischen oder arabischen Migrantenfamilien, der Skandal der Vergewaltigung durch Onkel oder andere Familienangehörige, der Zwangsheirat und Unterdrückung, der unter dem Vorwand multikultureller Großherzigkeit jahrelang heruntergespielt wurde. Noch heute werden Kämpferinnen gegen Kindsmissbrauch und Gewalt in islamischen Familien wie Necla Kelek und Ayan Hirsi Ali in die Nähe des Faschismus gerückt, nachzulesen vor wenigen Wochen in einer großen deutschen Wochenzeitung.

Es ist kein Wunder, dass die Vertuschung gerade dort am schlimmsten ist, wo es sich um Institutionen oder Lager handelt, die sich als Vertreter von Heilsbotschaften, als ausgewählte Zirkel zur Befreiung und Erlösung der Menschheit begreifen. Im schlimmsten Ausmaß haben wir das im letzten Jahrhundert mit den bluttriefenden Ideologien des Nationalsozialismus und des Kommunismus erlebt. Es wäre zu wünschen, dass wir allmählich daraus lernen und die Menschlichkeit höher stellen als irgendwelche Ideologien oder Heilsbotschaften.