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Donnerstag, 24.08.2017

Die Krankheit des Vergessens

Was tun, wenn ein Angehöriger unter Alzheimer leidet? Ein Experte gibt Tipps, wie der Alltag geregelt werden kann.

Von Dr. Johannes Wimmer

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© dpa (Symbolbild)

  • Dr. med. Johannes Wimmer ist Assistenzarzt aus Hamburg und beantwortet regelmäßig Leserfragen in der SZ.
    Dr. med. Johannes Wimmer ist Assistenzarzt aus Hamburg und beantwortet regelmäßig Leserfragen in der SZ.

Frage: Bei einem Familienmitglied wurde vor einer Weile Alzheimer diagnostiziert. Noch lebt er bei uns zu Hause, aber er vergisst immer wieder etwas. Wie kann ich ihm im Alltag helfen?

Den meisten von uns ist das typische Krankheitsbild der Alzheimer-Erkrankung bekannt: Vergesslichkeit, Desorientierung und Persönlichkeitsveränderungen – das alles können Anzeichen für die Alzheimer-Krankheit sein.

Im Alltag haben Sie vielleicht schon mitbekommen, dass die Begriffe Alzheimer und Demenz gerne in einen Topf geworfen werden. Das ist allerdings nur insofern richtig, als dass Alzheimer die am häufigsten vorkommende Form der Demenz ist. In Deutschland sind schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen an einer Demenz erkrankt, davon leiden ca. zwei Drittel unter Alzheimer. In diesen Fällen verlieren die Patienten aufgrund von Eiweißablagerungen in Form von sogenannten Neurofibrillen-Bündeln nach und nach immer mehr Nervenzellen. Die Informationsverarbeitung und -weiterleitung zwischen den einzelnen Nervenzellen wird dadurch gestört und ist schließlich nicht mehr möglich. Wir Ärzte sprechen dann von einer neurodegenerativen Veränderung bzw. Erkrankung.

Zu Beginn der Erkrankung schmunzeln viele bei der einen oder anderen Unachtsamkeit noch. Man denkt lieber nicht zu viel darüber nach, wenn Oma zum dritten Mal hintereinander fragt, was es denn heute zum Abendessen gibt. Aber besonders in fortgeschrittenen Phasen von Alzheimer leiden Angehörige stark unter der Erkrankung. Denn dann schreitet die Krankheit so stark voran, dass die betroffenen Personen immer mehr Dinge vergessen, die Orientierung in ihrem eigenen Haus verlieren und ihre Persönlichkeit ganz ungewohnte Züge annimmt.

Zuallererst ist es immer hilfreich, sich einmal in die Situation des erkrankten Angehörigen hineinzuversetzen. Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie merken, dass Sie langsam ihr Gedächtnis verlieren? Was würden Sie sich wünschen, wie man mit Ihnen umgeht?

Das Wichtigste im Umgang mit Alzheimer-Patienten ist, sie so wenig wie möglich aus ihrem gewohnten Umfeld zu reißen. Frühere Gewohnheiten, Vorlieben, aber auch Abneigungen sollten auch dann noch berücksichtigt werden, wenn sich die Person augenscheinlich nicht daran erinnern kann. Es hilft außerdem, wenn Sie als Angehöriger den Alltag des Patienten durchstrukturieren. Für alle Aktivitäten wie Essen und Waschen sollte es feste Zeitpunkte geben, um dem Betroffenen ein Gefühl von Regelmäßigkeit zu geben.

Wahrscheinlich haben Sie auch festgestellt, dass die Kommunikation mit Alzheimer-Patienten nicht immer ganz einfach ist. Bleiben Sie stets ruhig, aber auch bestimmt. Kommunizieren Sie Tatsachen und formulieren Sie möglichst geschlossene Fragen. Wenn Sie längere Gespräche führen, sollten Sie auf Basis des semantischen Gedächtnisses mit Ihrem Angehörigen sprechen, also sich auf sogenanntes Weltwissen beziehen. Denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sich Ihr Angehöriger nicht gut an die eigene Vergangenheit erinnern kann.

Mein Tipp: Klären Sie gemeinsam mit dem behandelnden Arzt, wie viel Hilfe Ihr Angehöriger benötigt. Und vergessen Sie nicht: Sie müssen diese Herausforderung nicht alleine meistern. Es gibt verschiedene Möglichkeiten für die optimale Versorgung Ihres Angehörigen, zum Beispiel die Tagespflege oder betreutes Wohnen.

Dr. med. Johannes Wimmer ist Assistenzarzt aus Hamburg und bundesweit bekannt durch seine Sendung im NDR und Erklärvideos auf Facebook. Haben auch Sie eine Frage an ihn? Schreiben Sie an die SZ, Nutzwerk, 01055 Dresden oder Mail an expertentipp@redaktion-nutzwerk.de

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