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Dienstag, 24.10.2017

Die Kinder des Waldes

In dem Kindergarten sind Mädchen und Jungen den ganzen Tag draußen. Das Konzept funktioniert seit über 20 Jahren.

Von Claudia Rausch

Emil Reuter (l.) und Milan Pinkert bauen Figuren aus Stöcken und Schlamm. Die Sechsjährigen spielen meist ohne Spielzeug. Ihre Materialien finden sie in der Natur.
Emil Reuter (l.) und Milan Pinkert bauen Figuren aus Stöcken und Schlamm. Die Sechsjährigen spielen meist ohne Spielzeug. Ihre Materialien finden sie in der Natur.

© Tina Gabber

Nur einen Katzensprung entfernt vom Schloss Albrechtsberg führt der Weg in den Wald. Die Bäume wiegen sich im Wind, Vögel zwitschern. Der Lärm der Straße ist nicht mehr zu hören. Inmitten dieser Idylle steht ein hölzerner Bauwagen. Ganz in der Nähe liegen Kinder in Schlafsäcken auf dem Waldboden und träumen in ihrem Waldkindergarten – inmitten des Albertparks.

Den gibt es in Dresden schon seit Oktober 1997. Angefangen hat damals alles mit sieben Kindern und einer Erzieherin, erinnert sich Tina Gabber, Gründungsmitglied und derzeit im Vorstand des Waldkindervereins. Mittlerweile gibt es zwei Gruppen mit insgesamt 40 Jungen und Mädchen und sieben Pädagogen. „Wir waren die Ersten mit einer Ganztagsbetreuung von acht Stunden“, sagt sie. Die 45-Jährige hat ihre eigenen Kinder damals auch hierher gebracht. Sie wurden in der Natur groß. Die Jungen und Mädchen sind immer draußen, ganzjährig und bei jedem Wetter. Dafür haben sie passende Kleidung. Mehrere Schichten übereinander, wenn es kalt ist und wasserdichte Sachen, wenn es nass ist. Bei Sturm gehen sie in ihre festen Räume im Kinderhaus am Jägerpark oder in den beheizten Bauwagen. Dieser besteht aus Holz und war früher eine Tombola. Sie wurde extra für den Waldkindergarten zurückgebaut und neu gestaltet. Jetzt befinden sich darin Küchenutensilien, Malsachen, Forscherkisten und viele Bücher.

Eigentlich spielen die Kinder aber ohne Spielzeug. Gespielt wird mit dem, was sie draußen finden. Ihrer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Sie sind auf langen Stöcken als Boot, Flugzeug oder Auto unterwegs, jagen Räuber und Piraten. Sie bauen sich Häuschen, in denen sie als Familien wohnen. Aus gefundenen Blättern, Stöckchen, Rindenstücken und morschem Holz kochen sie sich etwas Feines. Bei Regen bauen sie Staudämme und schminken sich mit Schlamm. Im Winter wird gerodelt, sie bauen Schneefiguren oder suchen nach Spuren. Sie wandern auch nicht wahllos im Wald herum. Jeden Morgen wird ein konkretes Ziel festgelegt. Dafür gibt es zwölf Gruppenplätze.

Diese haben alle Fantasienamen wie „Affenstadt“ oder „Feenwald“. Zur Mittagszeit ruhen sich die Kinder nach all dem Spielen und Toben aus. Mitten im Wald. „Andere Kindergärten machen während der Ruhezeit Naturmusik an, wir sind hingegen mittendrin“, sagt Tina Gabber. Die Resonanz auf ihre Arbeit macht sie besonders stolz. Zum Jubiläum kamen über 250 ehemalige Waldkinder, Eltern und Mitarbeiter. Die Verbundenheit, die noch immer besteht, hat viele berührt. „Und vier ehemalige Waldkinder sind schon mit ihren eigenen Kindern gekommen. Das war das erste Mal, dass Waldenkel mit dabei waren“, sagt sie.

Doch trotz all der Freude muss gebangt werden. Die Natur- und Umweltschule, die die Arbeit des Kindergartens weiterführt, steht kurz vor dem Aus. Die staatlichen Gelder wurden verwehrt. Nun hofft Tina Gabber, dass die Möglichkeit der Umwelterziehung auch in Zukunft bestehen bleibt.

Das Konzept hat eine lange Geschichte. Vor 70 Jahren eröffnete der erste Waldkindergarten in Dänemark. Viele Länder zogen nach. Vor allem in Westdeutschland expandierte die Idee. Es gibt mittlerweile sogar Mischformen wie Naturkindergärten oder herkömmliche Einrichtungen mit sogenannten Waldwochen. Die Nachfrage steigt. In Deutschland gab es vor 20 Jahren etwa 40 Waldkindergärten, mittlerweile sind es über 1 000.

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