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Sonntag, 01.10.2017

Die Hochzeit von Bodo und Karl

Das Rathaus Schöneberg war am Sonntagmorgen Schauplatz einer Deutschland-Premiere. Das Paar Karl Kreile und Bodo Mende trat vor den Standesbeamten. Als erstes verheiratetes schwules Paar erfüllt sich für sie ein Generationentraum.

Von Christina Peters und Björn Graas

Karl Kreile und Bodo Mende gehören am Sonntag deutschlandweit zu den ersten, die ihre eingetragene Lebenspartnerschaft in eine Ehe umwandeln lassen.
Karl Kreile und Bodo Mende gehören am Sonntag deutschlandweit zu den ersten, die ihre eingetragene Lebenspartnerschaft in eine Ehe umwandeln lassen.

© dpa

Berlin. Seit 38 Jahren sind Bodo Mende und Karl Kreile schon ein Paar, am Sonntagmorgen durften sie endlich ganz offiziell heiraten - als erstes gleichgeschlechtliches Paar Deutschlands. „Wir hoffen, dass von dieser Hochzeit eine Signalwirkung ausgeht und viele andere gleichgeschlechtliche Paare ebenfalls heiraten werden“, sagte Bodo Mende nach der Trauung im Rathaus Schöneberg in Berlin.

Das Ja-Wort fiel nicht im Trausaal des Standesamtes, sondern in einem etwas größeren Festsaal, wegen der vielen Zuschauer. Rund 100 Gäste und Gratulanten hatten die Zeremonie in dem mit Regenbogenfahnen geschmückten Saal verfolgt. Beide Partner bestätigten, dass sie ihre bisherigen Nachnamen behalten wollen. Nachdem der Standesbeamte die Ehe für geschlossen erklärte, fielen zum Abschluss die berühmten Worte: „Sie dürfen sich jetzt küssen.“ Das frische Paar wurde mit einem lang anhaltenden Applaus gefeiert.

Karl Kreile und Bodo Mende verliebten sich im Sommer 1978 auf einer Party in Berlin-Schöneberg ineinander. Den ersten - vergeblichen - Gang vors Standesamt traten sie schon vor 25 Jahren an. Schwule und lesbische Paaren deutschlandweit bestellten bei der „Aktion Standesamt“ 1992 das Aufgebot - wohl wissend, dass es hoffnungslos war. Abgewiesen wurden alle, die Nachricht von der Aktion aber schaffte es an die Spitze der ARD-“Tagesschau“.

„Ich empfand mich als zurückgesetzt und gekränkt, dass man unsere Beziehung nicht als wert erachtet, so gesehen zu werden wie die anderen Beziehungen auch“, erzählte Kreile der dpa. „Es wurde so getan, als ob wir nur Individuen sein dürfen, Sex-Individuen, das war`s“, fügt Mende hinzu. „Dass wir soziale Beziehungen haben, das wurde tabuisiert, das war der Skandal eigentlich. Deshalb ist unsere Generation dadurch geprägt, diesen Skandal beenden zu wollen.“

Ein Jahrzehnt später kam der Durchbruch: Im Juli 2002 bestätigte das Bundesverfassungsgericht, dass das ein Jahr zuvor verabschiedete Lebenspartnerschaftsgesetz mit dem Grundgesetz vereinbar war. Kreile und Mende traten ein zweites Mal vor Standesbeamte, verließen das Rote Rathaus als Mann und Mann und schmissen „zur Hochzeit von Bodo und Karl“ eine Riesenparty, wie viele andere auch. 2015 lebten laut Mikrozensus 43 000 „verpartnerte“ Paare in Deutschland, fast die Hälfte aller 94 000 zusammenlebenden homosexuellen Paare.

Für sich und ihr Umfeld galten Mende und Kreile ab dem Tag als verheiratet, doch rechtlich eben nicht: Von Mietrecht bis Erbrecht und Steuerrecht, zur Adoption leiblicher Kinder kam die Angleichung an die Rechte heterosexueller Eheleute erst nach Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht. „Die Pflichten waren vom ersten Tag an wie bei Ehepaaren, aber die Rechte waren minimal. Jedes Zugeständnis der Politik war durchgeklagt und dauerte Jahre“, sagt Kreile. „Also es war ein mühseliger, erbärmlicher Prozess, das muss man so sagen, den die Politik da veranstaltet hat.“

Nun haben die beiden erneut geheiratet - als erste in Deutschland. Als Ende Juni innerhalb weniger Tage ein scheinbar beiläufiger Satz Angela Merkels zur historischen Abstimmung im Bundestag führte, seien sie bei den Nachrichten vom Sofa aufgesprungen, erzählt Kreile. Statt einer zweiten Riesenparty ist diesmal zweisame Ruhe im Grünen geplant. Keine drei Wochen nach Umwandlung ihrer Lebenspartnerschaft zur Ehe steht der fünfzehnte Hochzeitstag an.

Viel ändern wird sich in ihrem Leben nicht: Kinder adoptieren, das bedeutendste Recht, das gleichgeschlechtlichen Paaren verwehrt blieb, wollen die beiden nicht. Aber überall in ihrem Umfeld machten sich jetzt schwule und lesbische Paare in den Dreißigern über das Kinderkriegen Gedanken, erzählen sie. Die neue Generation könne sich jetzt endlich anderen Problemen widmen und über die gleichen Dinge nachdenken wie heterosexuelle Mittdreißiger.

Nun sei die staatliche Diskriminierung vorbei - gesellschaftlich sei die gleiche Anerkennung noch lange nicht selbstverständlich, noch immer gebe es Anfeindungen auf der Straße, betont Mende. Aber: „Jetzt haben wir eine Situation erreicht, wo wir das erste Mal sagen können: Wir sind gleichberechtigt. Und an diejenigen, die uns angreifen, auf der Straße ganz alltäglich: Ihr habt unrecht.“ (dpa)