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Samstag, 19.03.2016

Die Heldin vom Traumschiff

Lotte Wittke ist Mutter, Oma, Uroma einer erfolgreichen Schwimm-Familie. Jede Woche zieht die 90-Jährige ihre Bahnen.

Von Michaela Widder

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Am Samstag hat Lotte Wittke ihren 90. Geburtstag gefeiert. Wenn sie schwimmt, fühlt sie sich mindestens zehn Jahre jünger: „Da tut nichts weh.“
Am Samstag hat Lotte Wittke ihren 90. Geburtstag gefeiert. Wenn sie schwimmt, fühlt sie sich mindestens zehn Jahre jünger: „Da tut nichts weh.“

© Thomas Kretschel

Auf dem Luxus-Kreuzfahrtschiff feiert sie ihren größten sportlichen Erfolg. Das Sportfest steht auf dem Tagesprogramm für die Urlauber, die im Frühjahr 1989 mit der Arkona über den Atlantik nach Kuba schippern, und da Lotte Wittke auch noch mit Anfang 60 drahtig ist, macht sie mit beim Wettbewerb Rumpfbeugen. Es ist der Klassiker unter den Bauchübungen; vielleicht 50 schaffen die fitten Passagiere. Sie hört da noch längst nicht auf. 80, 90, 100. Plötzlich stehen immer mehr Urlauber um sie herum, staunen, klatschen. Bei 124 Rumpfbeugen bricht sie ab, nicht aus Erschöpfung, sondern weil sie einen heftigen Lachanfall bekommt. Für die Königin der Situps gibt es einen Pokal. Lotte Wittke – so erzählt man es sich später auf dem Schiff – soll mehr Rumpfbeugen geschafft haben als die DDR-Olympiastarter, die sich zwei Wochen zuvor bei dem Spaß-Wettkampf abgemüht hatten.

Das ist eine ihrer Lieblingsgeschichten, die Edgar Stöckigt aus dem Leben der beiden erzählt, bei Kaffee und selbst gebackener Eierschecke mit Kirschen. Der 84-Jährige spricht mit Stolz über die Frau, die neben ihm sitzt, seine Lebensgefährtin, die er vor 30 Jahren bei einer Kur kennengelernt hat und die er für ihren Elan mit 90 bewundert. Als er kürzlich in der Sächsischen Zeitung von der Serie liest „Was geht, Alter?!“, denkt der Dresdner: noch einiges – und ruft in der Redaktion an.

Lotte Wittke ist noch ein wenig aufgeregt, mit der Presse hatte sie doch noch nie zu tun – im Gegensatz zu fast allen in ihrer Familie, die sportlich sehr erfolgreich waren oder wieder sind. Passen die Hausschuhe? Ist der Kaffee fertig? Schmeckt der Kuchen? Es ist der erste, den sie in diesem Jahr gebacken hat. Herzlichkeit ist in der Wiener Straße seit 60 Jahren zu Hause.

Als es um ihr Thema geht, den Sport, kommt Lotte Wittke ins Plaudern. „Der Freitag ist uns heilig“, sagt sie. Arzttermine werden abgeblockt. Erst wird der Budenschwung erledigt, wie sie so schön sächsisch zum Hausputz sagt, und danach sind die beiden mit ihren Bekannten im Georg-Arnold-Bad verabredet. „Ich schwimme eine Stunde voll durch – Brust und Rücken im Wechsel“, erzählt sie, „aber Bahnen zähle ich nicht mehr mit.“

Mit 80 Jahren hatte die rüstige Rentnerin noch einmal das Sportabzeichen abgelegt und die geforderten 1 000 Meter auf Zeit „dicke geschafft“. Sie liebt das Schwimmen, auch, weil es der Sport ist, bei dem sie keinerlei Schmerzen spürt. Vor zwei Jahren hatte Lotte Wittke einen Oberschenkelhalsbruch, eine Verletzung, von der sich in ihrem Alter so viele nicht mehr erholen. Sie darf seitdem bloß nicht mehr Rad fahren, und das fällt ihr schon schwer.

Als Ersatz hat sie jetzt einen Hometrainer auf dem Dachboden, wo sie mit einer Nachbarin ab und zu radelt. Doch der einzig regelmäßige Termin ist der Freitag, „wenn sich unsere Badefamilie trifft“. Ein Schwatz am Beckenrand gehört dazu wie danach das Fischfilet im Bistro.

Als Kind hat Lotte Wittke das Schwimmen in Weißig bei Freital gelernt. „Der Sport hat mich mein ganzes Leben begleitet.“ Als junges Mädchen waren es Gymnastik und Geräteturnen. „Das war doch unser einziges Vergnügen“, sagt sie über die Kriegsjahre. Eine Zeit, in der sie auch das Tanzen gelernt hat. In der Ecke der Turnhalle stand ein Klavier, an dem ein Junge oft saß und spielte.

Später war Tischtennis das liebste Hobby. Erstmals mit Leistungssport kam sie in Berührung, als die größere der beiden Töchter, Eva, in der Schule gesichtet wurde – im Handball und im Schwimmen. „Die Trainer haben sich um sie fast gezankt.“ Eva entschied sich fürs Schwimmen.

Weil Dresden noch keine 50-Meter-Bahn hatte, ging ihre Tochter nach Leipzig.

Die Urenkel bei Olympia 2024?

Als 17-Jährige startete sie bei Olympia 1968 in Mexiko City, wurde Fünfte mit der Lagenstaffel. Mit Jochen Herbst heiratete Eva Wittke auch einen erfolgreichen Schwimmer und wurde Trainerin. Da lag es nah, dass ihre Kinder, also Lottes Enkel, auch Talent haben könnten. Stefan und Sabine Herbst, später heißt sie Klenz und jetzt Krauß, waren noch erfolgreicher. Die frühere Vize-Europameisterin wurde bei den Spielen 1996 in Atlanta Vierte über die Lagen-Distanz. Vier Jahre später waren die Geschwister in Sydney gemeinsam am Start – damals wurde Stefan Herbst mit der Staffel ebenso Vierter. Die letzte Olympia-Teilnahme für die sächsische Schwimm-Dynastie erlebte der Leipziger 2004.

20 Jahre später, also 2024, könnte es die nächste geben. Darüber munkelt jedenfalls Uroma Lotte und kramt zwei Fotos hervor: Auf einem ist eine Wasserspringerin zu sehen. „Das ist Johanna, die Tochter von Sabine, sie ist erst zehn, hat aber sehr viel Talent“. Auf dem anderen Bild steht ein junger Kerl, zwei Köpfe größer als seine Uroma und mit breitem Kreuz. Ramon, 17, ist Schwimmer, trainiert in Hamburg und hält schon deutsche Altersklassenrekorde.

Die Wege der Jüngsten in der Familie verfolgen Lotte Wittke und ihr Lebensgefährte. „Wir sind Edelfans“, sagt Edgar Stöckigt, der auf einem Zettel in Schönschrift alle Erfolge exakt notiert hat. Der frühere Berufsschullehrer kam 1985 ins Leben der schwimmverrückten Familie. „Es war ein greller Sonnentag und ich ein großer Kurschatten“, sagt er und lacht herzlich dabei. Für Lotte Wittke stand nach dem Tod ihres Mannes eigentlich fest: „Einen Mann in meinem Alter bekomme ich nicht mehr, einen älteren will ich nicht, also bleibe ich allein.“ Dann traf sie in Bad Schmiedeberg Edgar, der sechs Jahre jünger ist.

Die zwei haben sich gefunden. Wenn man meint, Leute haben die halbe Welt bereist, dann ist es bei ihnen noch untertrieben. Chile, China, Peru, Südafrika, Neuseeland, Mexiko, Panama, Thailand, Norwegen, Schweden … Die Liste ist noch länger. Verewigt sind all diese Erinnerungen in Fotoalben, die zwei Fächer in der Schrankwand füllen. Edgar Stöckigt, der sie alle gefüllt und beschriftet hat, kramt ein Album hervor und blättert darin. 2000, als Lotte Wittke immerhin schon 75 war, besuchte sie ihre Schulfreundin in Australien, die sie 50 Jahre nicht gesehen hatte.

Die Reiserei ist weniger geworden, seit sie eine Gehhilfe braucht. „Kuba war die tollste Reise“, schwärmen sie. Das blau-weiße Handtuch mit der Arkona ist noch immer in Benutzung. Das Rentnerpaar weiß, wie man sich nun auch einen schönen Lebensabend in Dresden macht – beim Skatspielen, beim Feiern mit den Nachbarn im alten Waschkeller, beim Baden im Seerenteich am Tharandter Wald. Einmal im Monat, sommers wie winters, wird auf dem Balkon Mittag gegessen. Das hat schon lange Tradition. Wie freitags die Badefamilie.

Leser-Kommentare

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  1. Gudrun Groß

    Liebe Lotti, als Badefamilienmitglied, seit nunmehr 10 Jahren, wünsche ich Dir und mir noch viele gemeinsame Schwimmstunden und unterhaltsame Plausche am Beckenrand. Mit Gesundheit, Kraft und Deinem Elan die Hundert zu toppen, dürfte für Dich ein erreichbares Ziel sein. Alle guten Wünsche von mir dazu - Gudrun

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