erweiterte Suche
Montag, 12.02.2018

„Die Hausarztversorgung wird ein großes Problem“

Die Politik muss dringend handeln, sagt Dr. Klaus Heckemann, der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen.

Dr. Klaus Heckemann, der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen.
Dr. Klaus Heckemann, der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen.

© Robert Michael

Oberlausitz. Klaus Heckemann kommt gerade von Hausbesuchen im Pflegeheim. Einmal wöchentlich praktiziert der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen noch selbst als Hausarzt im Dresdener Stadtteil Kleinzschachwitz. Er weiß also, wovon die niedergelassenen Kollegen reden, wenn sie die strenge Budgetierung kritisieren, den bürokratischen Abrechnungsaufwand und die allgegenwärtige Bedrohung möglicher Regressforderungen. Aber diese Klagen seien erheblich übertrieben, findet Heckemann. Und außerdem kontraproduktiv. Denn die Hausarztversorgung in der Oberlausitz steht vor einem viel größeren Problem, sagt der 61-Jährige im Gespräch mit der SZ.

Herr Dr. Heckemann, würde Ihnen die Arbeit als Hausarzt auch noch Spaß machen, wenn Sie Ihre Praxis in Großdubrau oder Großschönau hätten?

Warum sollte sie das nicht, besonders wenn das meine Heimat wäre? Aber Ärzte aus Berlin nach Großdubrau zwangsumzusiedeln, das würde nicht funktionieren. Sicher hat die Arbeit auf dem Land auch Nachteile gegenüber einer Praxis in der Stadt. Wer Landarzt ist, weiß, dass er viel arbeiten und für die Wege zu Hausbesuchen wesentlich mehr Zeit aufwenden muss. Aber er weiß auch, dass er im Verhältnis zu den Ärzten in den Großstädten deutlich mehr verdient und vor Ort ein ganz anderes Ansehen hat als der anonymere „Stadtarzt“. Eine große Rolle spielen auch die Standortfaktoren: Gibt es gute Schulen für die Kinder, eine Arbeitsstelle für den Partner, Kultur- und Freizeitangebote? Das ist ein Problem für viele Mangelberufe. Für die Jüngeren ist heute die sogenannte „Work-Life-Balance“ wichtig. Sie wollen gar nicht primär viel verdienen. Das alles spielt eine Rolle.

Niedergelassene Allgemeinmediziner kritisieren aber auch, dass die Rahmenbedingungen, unter denen sie arbeiten, nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Können Sie das nachvollziehen?

Natürlich kann ich die Klagen verstehen über die Budgetierung, die Bürokratie oder die Angst, Regress bezahlen zu müssen, wenn die erbrachten Leistungen nicht plausibel erscheinen. Wir diskutieren das ja ständig. Aber die Rahmenbedingungen sind so, dass jeder damit auskommen kann. Wenn von rund 7 000 Ärzten pro Jahr nur zwei einen Arzneimittelregress bezahlen müssen, kann ich daraus kein Niederlassungshemmnis erkennen.

Warum ist es denn überhaupt nötig, dass Ärzte vorgeschrieben bekommen, wie viele Medikamente sie verordnen und wie viele Leistungen sie pro Quartal erbringen dürfen?

Weil das System sonst so wie bisher nicht finanzierbar wäre. Wir haben für alle Ärzte ein fixes Honorarbudget von den Krankenkassen zur Verfügung. Das Geld dafür ist knapp, aber es reicht, wenn jeder sich an die Vorgaben hält. Einfach gesagt: Wenn ein Arzt zu viel bekommt, fehlt das Geld den anderen. Wir hatten jetzt einen Fall, bei dem wir von einem Arzt 81 000 Euro Honorar zurückgefordert haben – für Leistungen, die er nicht plausibel erklären konnte. Das hört sich erst einmal sehr viel an: Aber er hat in dem gleichen Zeitraum eine Million Euro Honorar erhalten. Man muss allerdings wissen, dass es sich um das Honorar mehrerer Jahre handelt und daraus auch alle Kosten der Praxis bezahlt werden müssen.

Ihrer Meinung nach stimmen also die Rahmenbedingungen?

Ja. Wir haben in den letzten Jahren an dem System nachgebessert und es an unsere Verhältnisse angepasst. So ist zum Beispiel berücksichtigt, dass die Ärzte im Osten fast ausschließlich Kassenpatienten betreuen und nur wenige Privatpatienten haben. Wir haben auch einen Demografiefaktor eingeführt, der die vielen älteren Patienten und deren höheren Betreuungsaufwand berücksichtigt. Wie gesagt: Ich kann die Klagen in ihrer Massivität nicht nachvollziehen. Und sie sind kontraproduktiv. Das ärgert mich besonders.

Kontraproduktiv? Warum?

Weil das Hauptproblem in der Oberlausitz ein ganz anderes ist: In den Landkreisen Bautzen und Görlitz sind auf dem Papier schon jetzt 35 Hausarztstellen nicht besetzt. Und es werden in den nächsten Jahren zahlreiche weitere Stellen frei. Derzeit sind 50 praktizierende Ärzte bereits über 65 Jahre alt, 61 Kollegen sind älter als 60. In absehbarer Zeit werden sie alle in den Ruhestand gehen. Wir stehen da vor einem riesengroßen Problem. Wenn nicht genügend Nachfolger da sind, wird sich die ärztliche Versorgung deutlich verschlechtern.

Was wird dafür getan, dass es auch künftig genügend Nachfolger gibt?

Eine ganze Menge: So zahlt der Freistaat jungen Medizinstudenten in Sachsen ein monatliches Stipendium von 1000 Euro, wenn sie sich verpflichten, hier als Allgemeinmediziner auf dem Land zu arbeiten. Wenn junge Ärzte eine freie Praxis in einem unterversorgten Gebiet übernehmen, erhalten sie einen Zuschuss von 60000 Euro, in stark unterversorgten Gebieten sogar 100000 Euro. Die Hälfte davon bezahlen übrigens die Ärzte aus ihrem eigentlich zustehenden Honorar. Wir bezahlen mit den Honorargeldern außerdem 20 Medizinstudenten ein Studium in Pecs in Ungarn – ebenfalls mit dem Ziel, dass sie hier eine Landarztpraxis übernehmen.

Reicht das aus?

Nein, das reicht insgesamt noch nicht. Unser Ziel ist es, das Budget für solche Maßnahmen erweitern zu können. Wenn wir es dürften, würden wir nicht nur 20, sondern 50 Studienplätze pro Jahr in Pecs bezahlen. Dafür ist aber eine Gesetzesänderung nötig, die bisher nicht erreichbar war. Wir drängen auch darauf, dass in Sachsen zusätzliche Studienplätze für künftige Allgemeinmediziner angeboten werden. Eine diesbezügliche Initiative des Sozialministeriums hatte aber das Wissenschaftsministerium bisher blockiert. Jetzt soll das neu diskutiert werden.

Wird es künftig überhaupt noch möglich sein, das Netz der Hausarztpraxen aufrecht zu erhalten? Oder braucht es vielleicht ganz neue Wege der medizinischen Versorgung?

Zum Hausarzt-System gibt es für mich keine vernünftige Alternative. Es muss eine fachlich fundierte Grundversorgung vor Ort geben. Deswegen müssen wir ganz dringend dafür sorgen, dass das Image des Hausarztes nicht unbegründet kleingeredet wird. Wir müssen den jungen Leuten noch mehr Anreize bieten. Ich bin mir sicher, dass wir da schon mit wenig mehr Geld relativ schnell zu Lösungen kommen können. Wenn zum Beispiel ein Arzt in der Facharztausbildung zum Allgemeinmediziner monatlich 1000 Euro mehr bekommen würde als in jeder anderen Fachrichtung, dann würde sich das garantiert auswirken. Der Beitragssatz der AOK PLUS würde in der Folge übrigens von 15,2 auf 15,208 Prozent steigen. Sollte es das nicht wert sein?

Gespräch: Jana Ulbrich