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Samstag, 18.03.2017

Die gnädigen Schwestern

Alma und Lily üben Nächstenliebe im wohl ungewöhnlichsten Orden der Welt.

Von Nadja Laske

Schwester Alma und Novizin Lily vom Orden der Schwestern der perpetuellen Indulgenz. Sie klären auf, trösten, hören zu, sammeln Geld – mit Augenzwinkern und Lebensfreude für eine ernste Sache.
Schwester Alma und Novizin Lily vom Orden der Schwestern der perpetuellen Indulgenz. Sie klären auf, trösten, hören zu, sammeln Geld – mit Augenzwinkern und Lebensfreude für eine ernste Sache.

© René Meinig

Darauf legt Alma großen Wert: „Wir sind keine schwulen Schwestern!“ Schwestern ja. Schwul nicht zwingend. Wer sich dem Orden der Perpetuellen Indulgenz anschließt, darf alles Mögliche sein, nur nicht knauserig mit Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft – und Make-up.

Verschwenderisch trägt Schwester Alma Ursa Minor deshalb weiße Schminke auf. Auch Novizin Lily führt Pinsel und Puderquaste schon mit gutem Geschick. Für ihr „white face“ bemalen sie ihr ganzes Gesicht, ähnlich wie ein Pierrot. Augen und Brauen, Lippen und Wangen verkraften reichlich Farbe. Und, das ist vor allem Alma wichtig: Ihr Bart soll gut zur Geltung kommen. Mal besprüht sie ihn bronzefarben, mal silbrig grau. Dass sie keine Frau ist, lässt sich auch kostümiert nicht leugnen. Jenseits ihres Engagements im wohl ungewöhnlichsten Schwesternorden der Welt, lebt Alma als Mann und findet das gut so.

„Das weiße Gesicht steht für den Tod, unsere farbenfrohen Kleider für die Lebensfreude“, erklärt Alma. Seit sieben Jahren gehört sie dem internationalen Orden der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz an. Klingt wie ein Fantasiename vom Stern der Klingonen. Hat aber eine sinnige Bedeutung, so wie alles, was für die Schwestern der „immerwährenden Gnade“ steht. Ihr Name ist Programm: Hilf dem Leidenden, spende Trost, wache über seine Würde, begleite ihn durch schwere Zeiten.

Seit 1979 widmen sich die Anhänger der Idee HIV-Infizierten und Aidskranken. Der religiös anmutende Orden, der zumindest in Deutschland als Verein organisiert ist, gründete sich am Sonnabend nach Karfreitag in San Francisco. Damals galt Aids als „Schwulenpest“. Es fehlte Aufklärung darüber, wie sich die Krankheit überträgt. Betroffene galten als aussätzig. Sie starben einsam und von der Gesellschaft verhöhnt. Die Gründungsschwestern des Ordens begannen zunächst, sich um die Kranken zu kümmern. „Sie haben sich um sie gekümmert, während sonst niemand etwas mit ihnen zu tun haben wollte“, sagt Alma. Ihre Vorgängerinnen verhielten sich, wie es religiöse Ordensschwestern tun. Später begannen sie, über die Infektion zu informieren und Kondome als Schutz zu propagieren, auch wenn der Papst sie verdammte. Heute sammeln sie auf Galas, Bällen und Festivals Geld für Projekte der Aids-Hilfe. Sie klären über sicheren Sex und Aids-Tests auf und versuchen klarzumachen, dass Aids trotz guter Behandlungsmöglichkeiten nach wie vor unheilbar ist.

Weltweit gehören dem Orden rund 1200 und in Deutschland etwa 50 Schwestern an. Ob sie männlich oder weiblich oder beides, schwul, lesbisch, bisexuell oder gar nichts davon sind, ist gleichgültig. Die Gesichtsbemalung drückt auch das aus. „Damit ist jeder einfach ein Mensch und keinem Geschlecht, keiner sexuellen Ausrichtung mehr zuordenbar.“ Heutzutage wie vor Jahrzehnten bedeutet die Maske zudem Schutz. Nicht jeder Chef, Kollege, Nachbar, Sportsfreund soll den Mann hinter Schwester Almas Tracht kennen. Der ist in einem Dorf bei Freiberg groß geworden und arbeitet als Arbeitsvermittler. Auf einer Schwulenparty lernte der 33-Jährige Schwestern kennen, die ihn überredeten, mitzumachen. „Ich fand das erst ganz albern – so als bärtige Pummelfee herumzulaufen.“ Inzwischen ist Alma eine ebenso imposante wie erfahrene Schwester und Gründerin des Dresdner Ordens. Der hat ein Markenzeichen, wie die Orden anderer Städte ihre haben: In jeder Region zeugen unterschiedliche Kopfbedeckungen von der Ordenszugehörigkeit. „Wir tragen unsere Tittchen“, sagt Alma. Die Hauben der hiesigen Schwestern sind aus BHs genäht.

Novizin Lily wartet noch auf ihr Zeichen der vollwertigen Schwesternschaft. Dafür muss sie eine etwa einjährige Ausbildung in vier Stadien absolvieren. Als Aspirantin hat Lily begonnen, sich im Praktikum hinter den Kulissen mit der Sache vertraut und nützlich zu machen. Im Postulat lernte sie, sich dezent zu schminken und unterstützte die Schwestern schon eigenständiger. Das Noviziat hat sie nun mit einer Projektarbeit fast beendet.

Und was sagen echte Nonnen zu ihren weltlichen Schwestern? „In Berlin arbeiten wir sogar mit einem katholischen Orden zusammen“, sagt Alma. Menschlichkeit vereint, Keuschheit ist überbewertet.

www.indulgenz.de