erweiterte Suche
Samstag, 03.09.2016

Die Glocken sind wieder da

Reinhardtsgrimma feiert die Rückkehr. Auf den Klang müssen sie noch ein paar Tage warten.

Von Maik Brückner

Bild 1 von 2

Pfarrer Johannes Keller, Gemeindevorsteher Jürgen Brauch und der Verantwortliche für die Glockensanierung, Rick Meyer (v.l.), vor der Lutherglocke von 1644, der Marienglocke, die in der Zeit vor der Reformation gegossen wurde, der neuen Glocke und der Speyer- bzw. Taufglocke von 1529 (v.li.).
Pfarrer Johannes Keller, Gemeindevorsteher Jürgen Brauch und der Verantwortliche für die Glockensanierung, Rick Meyer (v.l.), vor der Lutherglocke von 1644, der Marienglocke, die in der Zeit vor der Reformation gegossen wurde, der neuen Glocke und der Speyer- bzw. Taufglocke von 1529 (v.li.).

© frank baldauf

  • Pfarrer Johannes Keller, Gemeindevorsteher Jürgen Brauch und der Verantwortliche für die Glockensanierung, Rick Meyer (v.l.), vor der Lutherglocke von 1644, der Marienglocke, die in der Zeit vor der Reformation gegossen wurde, der neuen Glocke und der Speyer- bzw. Taufglocke von 1529 (v.li.).
    Pfarrer Johannes Keller, Gemeindevorsteher Jürgen Brauch und der Verantwortliche für die Glockensanierung, Rick Meyer (v.l.), vor der Lutherglocke von 1644, der Marienglocke, die in der Zeit vor der Reformation gegossen wurde, der neuen Glocke und der Speyer- bzw. Taufglocke von 1529 (v.li.).
  • Rick Meyer zeigt auf die Stelle, an der die Lutherglocke gerissen war. Experten aus Holland haben sie verschweißt.
    Rick Meyer zeigt auf die Stelle, an der die Lutherglocke gerissen war. Experten aus Holland haben sie verschweißt.

Reinhardtsgrimma. Das ging schnell. Eine Woche nach dem Guss steht die neue Glocke der Reinhardtsgrimmaer Kirchgemeinde vor dem Gotteshaus. Viele können es gar nicht fassen. Sie staunen. Auch für Rick Meyer ist das ein kleines Wunder. Doch bei so kleinen Glocken ist das nicht untypisch. „Sie brauchen drei Tage, um auszukühlen“, erzählt der 23-jährige Student, der im Auftrag der Kirchgemeinde maßgeblich am Glockenguss beteiligt war. Am Mittwoch war er zusammen mit dem Glockensachverständigen der Landeskirche, Norbert Hesse noch mal nach Lauchhammer gefahren, um eine Klanganalyse vorzunehmen. Und die ergab, dass die Glocke genauso gegossen wurde, wie die Reinhardtsgrimmaer es sich gewünscht haben. Am Freitagvormittag wurde sie nach Grimme gebracht.

Begleitet wurde sie von drei Glocken, die schon eine „halbe Ewigkeit“ im Reinhardtsgrimmaer Kirchturm hingen. Auch sie kamen von weit her, konkret aus dem Glockenschweißwerk „Royal Eijsbouts“ in Holland. Dort wurden sie repariert. Den Anstoß dafür gab ebenfalls Rick Meyer. Er hatte im Frühjahr 2014 bei einem Rundgang im Glockenturm einen 23 Zentimeter langen Riss an der Lutherglocke entdeckt. Der junge Mann, der sich bereits als Schüler für Glocken interessierte, verständigte Gemeindevorsteher Jürgen Brauch und der wiederum den Glockensachverständigen Hesse. Dieser kam wenig später nach Reinhardtsgrimma und begutachtete alle drei Glocken und den Glockenstuhl. Die Nachrichten, die der danach für die Gemeinde hatte, waren nicht sehr erfreulich. Die Mängelliste war lang, alle drei Glocken hatten Schäden. Die größte, die Lutherglocke, musste sofort außer Betrieb genommen werden. Außerdem erklärte er den Reinhardtsgrimmaern, dass ihr Geläut vom Klang nicht perfekt ist. Zwischen der mittleren und der kleinen Glocke fehlt eine. Der Kirchvorstand beriet und fasste den Beschluss, die drei bestehenden Glocken zu restaurieren und die fehlende Glocke durch einen Neuguss zu ersetzen. Im August 2015 läuteten die Glocken zum letzten Mal. Dann wurden sie vom Turm geholt und zu einer Spezialwerkstatt nach Holland gebracht.

Die Experten des Glockenschweißwerks verschweißten den Riss an der Lutherglocke. An dieser sowie an der Marien- und der Taufglocke besserten sie außerdem die Anschlagstellen aus und erneuerten die Klöppelhalterung. Bei der Marienglocke erlebten die Fachleute eine Überraschung. Sie stellten fest, dass die Glockenkrone nicht das Original war. „Vermutlich erlitt die Glocke einst einen Kronenschaden, den man zu der damaligen Zeit nicht entsprechend unserer heutigen Möglichkeiten beheben konnte“, sagt Rick Meyer. Die alte Krone wurde abgeschlagen, die Glockenhaube begradigt. Die Holländer gossen eine neue Krone und wollten sie mit Blei auflöten. „Und genau darin bestand nun das unverhoffte Problem“, erzählt der 23-Jährige. Denn bei den Arbeiten musste die Glocke auf eine Temperatur von rund 450 Grad Celsius erwärmt werden. „Alle Sicherungsmaßnahmen, wie das Abdichten der Lötstellen halfen leider nichts – die Glockenkrone löste sich vom restlichen Glockenkörper und es flossen circa sechs Kilogramm Blei aus dem Hohlraum, der zwischen Glocke und Krone zum Vorschein kam.“ Eine nachträgliche Untersuchung von Glocke und abgefallener Krone ergab, dass die Bronzelegierungen nicht identisch waren. Den Fachleuten blieb nur noch eine Möglichkeit: Sie formten eine Krone in der zur Glocke passenden Bronzelegierung und schweißten sie ein. Diese unerwartete Mehrarbeit war letztlich der Hauptgrund für alle zeitlichen Verzögerungen, denn eigentlich sollten die Glocken schon vor Pfingsten in den Turm gehoben werden.

Am Freitag war das schon kein Thema mehr. Die gut 80 Reinhardtsgrimmaer, die zur Glockenweihe kamen, waren gut gelaunt. Sie freuten sich, dass nicht nur die drei „alten“ Glocken wieder da sind. Auch die „Babyglocke“, wie sie Pfarrer Johannes Keller nannte, wurde neugierig beäugt. Pünktlich um 14 Uhr begann der Pfarrer mit der Glockenweihe, die vom Posaunenchor musikalisch eröffnet wurde. Am Montag werden die Glocken mit einem Autokran in den Turm gehoben. Dort werden sie anschließend in den Glockenstuhl montiert. Zum Erntedankfest Ende September soll das rund 90 000 Euro teuere Vorhaben komplett abgeschlossen sein. Alle vier Glocken werden dann läuten, und den Rhythmus in Reinhardtsgrimma vorgeben.