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Montag, 15.02.2016

Die gemietete Identität

Wie man in Deutschland arbeitet, obwohl man es eigentlich nicht darf.

Von Benedict Wermter

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Amadou Bah sitzt auf einer Bank im Dortmunder Keuning-Park. Der Mann ohne Papiere sagt: „Da man illegal ist, kann man keine Anzeige bei der Polizei machen“.
Amadou Bah sitzt auf einer Bank im Dortmunder Keuning-Park. Der Mann ohne Papiere sagt: „Da man illegal ist, kann man keine Anzeige bei der Polizei machen“.

© Carl Gierstorfer

Fast wäre es vorbei gewesen: In der Mittagspause fängt ihn sein Vorarbeiter ab und sagt, er solle sich beim Chef melden. Ein paar Minuten später sitzt Akusi Annan* verschreckt im Büro des Chefs, auf dem Tisch die Kopie seiner Aufenthaltserlaubnis. „Das bist nicht du, oder?“, fragt der Chef und zeigt auf den dunkelhäutigen Mann auf dem Foto. Akusis Herz rast. Ist es nun vorbei? Wird er verhaftet und abgeschoben?

Nein. Sein Chef will, dass er weiter für ihn arbeitet, er sagt: Du bist gründlich und freundlich. Aber wenn du deine Papiere hast, dann tauschst du das hier aus, ja? Akusi nickt. Dann schleicht er zurück in das riesige Lager, wo er Schuhe in Pakete packt, Schuhe, die Kunden in ganz Deutschland im Internet bestellen.

Die Papiere hat Akusi nie abgegeben. Acht Wochen lang arbeitet er in dem Lager in der Nähe von Dortmund, vermittelt über eine Zeitarbeitsfirma. Der Ghanaer, der ihm die Papiere überlassen hatte, bekam den Bruttolohn über 7,60 Euro pro Stunde – und behielt ein Drittel als Provision ein.

Wer ohne gültige Papiere in Deutschland lebt, hat letztlich drei Möglichkeiten, an Geld zu kommen. Erstens: Im kriminellen Milieu, etwa im Drogenhandel. Zweitens: Man arbeitet schwarz, ganz ohne Papiere und kriegt ein paar Euro bar auf die Hand. Aber das geht nicht in allen Branchen.

Auch Deutsche verleihen Ausweise

Wer in Lagern oder in der Systemgastronomie arbeiten will, in Schlachthöfen oder Hotels, braucht eine legale Hülle. Diese legale Hülle kann man sich beschaffen, indem man sich die Papiere eines Landsmanns ausleiht, der offiziell hier lebt. Akusi, gelernter Techniker, kam aus Ghana nach Dortmund, um dort sein entzündetes Auge operieren zu lassen. Mehrere Tausend Euro zahlte er vorab, wie es die Deutsche Botschaft in Ghana verlangt hatte. Sein Auge konnte nicht gerettet werden, es wurde ersetzt durch eine Glasprothese. Als Akusis Visum Ende 2011 ablief, blieb er einfach in Dortmund.

Im Osten Nordrhein-Westfalens, wo große Schuh- und Kleiderlager stehen, arbeitete Akusi jahrelang neben Russen, Türken und Albanern, er packte, schleppte, sortierte. „Viele dort hatten die Papiere von anderen“, sagt er auf Englisch. „Sogar manche Deutsche gingen mit dem Ausweis eines Freundes arbeiten – und bezogen gleichzeitig Hartz IV.“ Ein Kenner der Szene aus dem sozialen Umfeld weiß: „Viele Identitäts-Geber verleihen ihre Papiere mehrfach und schicken gleichzeitig Unsichtbare und Geduldete arbeiten. Da ist ein ganzer Markt entstanden.“ Unsichtbare – so werden Menschen genannt, die ganz ohne Papiere in Deutschland leben.

Auch Geduldete und Asylbewerber dürfen nur eingeschränkt und nur mit Erlaubnis der Ausländerbehörde arbeiten; Zeitarbeit ist ihnen erst nach 15 Monaten uneingeschränkt gestattet. Das befördert den Identitätenhandel, dessen Dimension schwer einzuschätzen ist. Selbst der Zoll hat keine genauen Zahlen. Man weiß nur, es gab 50 Fälle, in denen Zeitarbeitsunternehmen Ausländer ohne Aufenthaltsgenehmigung an Firmen verliehen haben.

Die Dachverbände der deutschen Zeitarbeitsfirmen wissen bislang nichts vom Identitätenhandel.

Auch den Sozialversicherungsträgern ist das Phänomen bislang nicht bekannt. Bei der Rentenversicherung etwa würde es nur auffallen, dass jemand mehrere Leute unter seinem Namen arbeiten lässt, wenn sich die Arbeitsverhältnisse „logisch ausschließen“, sagt Heinz-Dietrich Steinmeyer, Professor für Arbeits- und Sozialrecht in Münster. Aber: „Die Rentenversicherung sieht nur den Bruttogesamtbetrag aus Arbeitsverhältnissen, keine Stundenzahlen.“

Das bestätigt Dirk von der Heide, Sprecher beim Bund der deutschen Rentenversicherungen. Jeder könne schließlich mehrere Jobs haben. Und deshalb „gibt es große Schwierigkeiten, Unregelmäßigkeiten aus den Unterlagen festzustellen“.

Meist, sagt Akusi, bekämen die Arbeitgeber und Zeitarbeitsfirmen aber gar nicht mit, dass sie Unsichtbare beschäftigen. Die Afrikaner auf den Fotos der Ausweise sähen sich zu ähnlich in den Augen der Sachbearbeiter. Und warum sollten sie überprüfen, wer wirklich vor ihnen steht?

Zeitarbeitsfirmen bräuchten immer Kräfte und nähmen billigend in Kauf, dass ihre Mitarbeiter keine gültigen Papiere haben, sagt Akusi. Denn diese arbeiteten zuverlässiger und stellten keine Fragen.

Für diese Unsichtbaren, von denen es Migrationsforschern zufolge rund 400 000 in Deutschland geben soll, ist so eine Beschäftigung eine der wenigen Chancen auf ein Einkommen.

*Name geändert, um die Person zu schützen

Benedict Wermter ist Reporter beim Recherchezentrum correctiv.org. Die Redaktion finanziert sich über Mitgliedsbeiträge und Spenden. correctiv.org gibt seine Recherchen grundsätzlich kostenlos an andere Medien ab, ist unabhängig und nicht-gewinnorientiert.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. S. Schneider

    Diese Geschichte muss mindestens 5 Jahre alt sein : Stundenlöhne von 7,60 €, das gab es vor 5 Jahren. Zurzeit liegt der niedrigste Stundenlohn in der Zeitarbeit bei 8,80 € demnächst bei mindestens 9 €. Gerade Zeitarbeitsfirmen überprüfen die Identität ihrer Bewerber so genau wie möglich, da sonst die Gefahr besteht, das sie Ihre Erlaubnis verlieren.

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