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Samstag, 21.10.2017

Die Gelassenheit des Erfolgs

Alexander Waibl wirkt wie ein Volleyball-Besessener, doch es gibt auch den Privatmenschen. Zu Besuch beim DSC-Trainer.

Von Michaela Widder

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Alexander Waibl steht für Kontinuität, der Trainer geht beim Dresdner SC in seine neunte Saison.Fotos: , , privat
Alexander Waibl steht für Kontinuität, der Trainer geht beim Dresdner SC in seine neunte Saison.Fotos: , , privat

© Ronald Bonß

  • Alexander Waibl steht für Kontinuität, der Trainer geht beim Dresdner SC in seine neunte Saison.Fotos: , , privat
    Alexander Waibl steht für Kontinuität, der Trainer geht beim Dresdner SC in seine neunte Saison.Fotos: , , privat
  • Ihre Liebe machen Alexander Waibl und seine Ex-Spielerin Stefanie Karg 2014 öffentlich, zwei Jahre später kommt ihr Sohn auf die Welt.
    Ihre Liebe machen Alexander Waibl und seine Ex-Spielerin Stefanie Karg 2014 öffentlich, zwei Jahre später kommt ihr Sohn auf die Welt.
  • Der kleine Ball-Fan ist jedoch nicht der Nachwuchs, sondern der Papa selbst. Seinen Mika versucht Waibl, aus der Öffentlichkeit herauszuhalten.
    Der kleine Ball-Fan ist jedoch nicht der Nachwuchs, sondern der Papa selbst. Seinen Mika versucht Waibl, aus der Öffentlichkeit herauszuhalten.

Es ist Montag, der letzte trainingsfreie Tag vor dem Saisonstart. Auf dem Esstisch liegt Post vom Fanklub, die wird Alexander Waibl später noch beantworten. Anrufe sowieso. Ein Tag ganz ohne Volleyball kommt im Leben des Trainers höchst selten vor. Hier am nördlichen Rande von Dresden – es ist das letzte Haus in einer kurzen Sackgasse einer Wohnsiedlung – ist der gebürtige Stuttgarter abseits des Volleyballsports sesshaft geworden, hier mäht er Rasen, buddelt im Garten und grillt im Sommer auf der Terrasse.

2015 haben Waibl und seine Frau Stefanie, die unter ihrem Mädchennamen Karg jahrelang beim Dresdner SC spielte, ein Eigenheim gekauft. Das Leben mit Sohn Mika und den Katzen Gato und Cleo spielt sich in der großen, hellen Wohnküche ab. „Ich bin ein Familienmensch“, sagt Waibl.

Mika ist vom Mittagsschlaf aufgewacht und auf Papas Schoß geklettert. Der Zuckerkuchen, von seiner Frau selbst gebacken, schmeckt dem Anderthalbjährigen. „Ich muss aufpassen, dass ich Mika nicht zu sehr verhätschel. Das hat man so als großer Bruder in sich“, sagt der älteste von drei Geschwistern. Für Waibl waren Kinder immer ein Thema. „Dazu gehört für mich auch die richtige Frau, und das hat eben eine Weile gedauert“, sagt der 49-Jährige.

Wann es gefunkt hat, bleibt geheim

Im August haben die Ex-Volleyballerin und ihr langjähriger Trainer in Dresden kirchlich geheiratet. Sie kennen sich schon lange. Seit Waibl 2009 beim DSC angefangen hat, war „Kiki“, wie sie in der Mannschaft genannt wurde, sein Kapitän. Ihre Beziehung machten sie nach der ersten gemeinsamen Meisterschaft im Frühjahr 2014 öffentlich. Wann es gefunkt hat, behalten sie für sich. „Die Schwierigkeit liegt darin, dass so was gern als Grund genommen wird, wenn es nicht läuft“, meint Waibl. Dass seine erfahrene Mittelblockerin die darauffolgende Saison in Tschechien spielte, war rein sportlich und finanziell begründet.

Um zu erfahren, dass in dem Haus eine erfolgreiche Volleyballfamilie wohnt, muss man in den Keller gehen, vorbei an einer Glasvitrine. Darin sind ihre Medaillen und Pokale verstaut, Waibl belegt ein Regal, seine Frau die anderen drei. „Da sind auch meine Jugenderfolge dabei“, sagt sie.

Waibl hat keine große sportliche Vergangenheit. „Ich musste mir das Trainer-Dasein erkämpfen. Es hat fast bis 40 gedauert, bis ich mit Volleyball Geld verdienen konnte.“ Schon in den 1990er-Jahren hatte er bei seinem Heimatverein Bernhausen in der Bezirksliga als Coach begonnen und das Frauenteam bis in die 2. Liga geführt – nebenbei, aber akribisch, wie ihn sein Umfeld bis heute erlebt. Zwischen Hörsaal in Tübingen und Trainingshalle in Bernhausen pendelte der Jurastudent und begann anschließend als Anwalt in einer Kanzlei. „Ich bin während meines Studiums nur einen Abend weggegangen“, erzählt er.

Erst als er mit Stuttgart 2008 den Erstligaaufstieg schaffte, tauschte er endgültig die Robe gegen den Trainingsanzug. Dass es ihn ein Jahr später in den Osten verschlägt, war ein Zufall. Als man beim DSC einen Nachfolger für Arnd Ludwig suchte, brachte die Sächsische Zeitung seinen Namen ins Gespräch. „Ich war ja ein Unbekannter, gerade mal sechs Monate in der ersten Liga.“

Waibl selbst erfuhr davon aus der Presse. In seiner Heimat unterstellte man ihm aber, dass er längst am Verhandeln war – und entließ ihn kurz darauf. Noch ein Angebot hatte er aus Vilsbiburg, entschied sich aber für Dresden. Vorbehalte gegen den Osten hatte Waibl nie – im Gegenteil. „Als ich hierher kam, habe ich die Menschen, die in der DDR groß geworden sind, als freundlich, offen und liebenswert kennengelernt.“ Doch habe er zunehmend den Eindruck, die Leute hierzulande sind „genervt, wütend und nörgeln“, wie er es aus dem Schwabenland kennt. Dort, sagt er, sei ja das größte Kompliment am Mittagstisch: „Man hat’s essen können.“

Wenn man Waibl eine Eigenschaft sicher zuschreiben kann, dann die, dass er vereinstreu ist. In seinem Leben als Profitrainer gibt es bisher nur zwei Standorte: Stuttgart – und seit acht Jahren Dresden. Waibl, der den DSC zu drei Meisterschaften in Folge, zwei Pokalerfolgen und einem Europacupsieg führte, wirkt bei öffentlichen Auftritten entspannter als früher. „Mit den Erfolgen stellt sich eine berufliche Gelassenheit ein“, sagt der dienstälteste Bundesligatrainer auch nach einem etwas schwierigen Jahr ohne Finale. Ein anderer Grund ist die Familie. „Die gibt Halt, relativiert vieles. Da hast du den kleinen Wurm und musst sehen, dass es funzt.“

Es gibt sie natürlich noch, die Momente, in denen er mit seiner impulsiven Art auch „Leute vor den Kopf stößt“, wie er selbst zugibt. Waibl wiederum reagiert ab und zu überraschend empfindlich für jemanden, der seit Jahren in der Öffentlichkeit steht. Kritik am Team oder dem Verein, die er als ungerecht empfindet, kann er nur schwer hinnehmen.

Mehr als anderthalb Jahre liegt das entscheidende Finalspiel gegen Stuttgart zurück, das nicht nur mit einem Sieg für Dresden endete, sondern mit einem kleinen Zerwürfnis. Waibl hätte den Verlierern den erhobenen Mittelfinger gezeigt. Dass an dem Gerücht nichts dran war, betont kurz darauf der Trainerkollege bei Facebook. „Ich weiß, was es bedeutet, die dritte Meisterschaft in Folge zu verlieren. Ich würde niemals meinen Gegner derart beleidigen“, beteuert Waibl. Die Stinkefinger-Affäre, die eigentlich keine war, kochte in Stuttgart trotzdem hoch – und in Waibl immer noch. „Der Ruf in meiner Heimatstadt ist diskreditiert.“

Rasenmähen ist seine Auszeit

Daraufhin entschied Waibl, sein Facebook-Profil zu löschen, und er las lange keine Zeitungen mehr. Was andere also über ihn denken, ist ihm keinesfalls egal. Deshalb würde er sich auch nicht als arrogant bezeichnen, was einst die Musiklehrerin über den kleinen Alexander zu seiner Mutter sagte und was seine Körpersprache manchmal vermuten lassen könnte. „Arrogant heißt für mich, überzeugt von sich zu sein, egal, was andere über einen denken. Davon bin ich weit entfernt.“

Waibl ist aber einer, der viel zu erzählen hat und das gern tut. Er mag den Austausch und könnte stundenlang über Sport und die Welt philosophieren. Doch er genießt auch ruhige Momente abseits des Trubels. Wie „herrlich“ Rasenmähen ist, hätte er früher nie gedacht. Mika drängelt, der Kleine will raus ins Grüne. Der Papa hat sich mal wieder verquatscht.

Am Sonntag, 14.30 Uhr, bestreitet der DSC sein erstes Saison-Heimspiel gegen den USC Münster.

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