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Freitag, 14.07.2017

Die Geheimnisse des Nudeldampfers

Christof Falk kennt eines der berühmtesten Wohnhäuser der Welt bis ins Detail. Das Haus Schminke in Löbau ist ein gebautes Paradies.

Von Frank Seibel

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Beschwingt: Christof Falk genießt Licht und Farben des modernen Hauses in Löbau, das Hans Scharoun Anfang der 1930er Jahre entworfen hat. Foto: Matthias Weber
Beschwingt: Christof Falk genießt Licht und Farben des modernen Hauses in Löbau, das Hans Scharoun Anfang der 1930er Jahre entworfen hat. Foto: Matthias Weber

© matthias weber

  • Beschwingt: Christof Falk genießt Licht und Farben des modernen Hauses in Löbau, das Hans Scharoun Anfang der 1930er Jahre entworfen hat. Foto: Matthias Weber
    Beschwingt: Christof Falk genießt Licht und Farben des modernen Hauses in Löbau, das Hans Scharoun Anfang der 1930er Jahre entworfen hat. Foto: Matthias Weber
  • Aufstieg und Überblick120 Stufen, 28 Meter: Das ist die gut zu bewältigende Herausforderung am Gusseisernen Turm auf dem Löbauer Berg. 1854 errichtet, bietet er einen schönen Blick auf die Oberlausitz. Foto: SZwww.honigbrunnen.de; www.oebauer-berg.de

    Aufstieg und Überblick

    120 Stufen, 28 Meter: Das ist die gut zu bewältigende Herausforderung am Gusseisernen Turm auf dem Löbauer Berg. 1854 errichtet, bietet er einen schönen Blick auf die Oberlausitz. Foto: SZ www.honigbrunnen.de; www.oebauer-berg.de
  • Naturwunder im MesseparkWo früher weißer Zucker produziert wurde, lockt heute der Messepark auf dem Gelände der Landesgartenschau 2012mit schönen Natur-Ecken und mit ausgefallenen Spielplätzen. Foto: Bernd Gärtnerwww.messepark-loebau.de

    Naturwunder im Messepark

    Wo früher weißer Zucker produziert wurde, lockt heute der Messepark auf dem Gelände der Landesgartenschau 2012 mit schönen Natur-Ecken und mit ausgefallenen Spielplätzen. Foto: Bernd Gärtner www.messepark-loebau.de
  • Zu den SternenSie sind Wahrzeichen der Oberlausitz und überall in der Welt zu sehen: die Herrnhuter Sterne. Die Manufaktur in Herrnhut kann man besichtigen – und dabei eine sehr erstaunliche Kleinstadt erleben.www.herrnhuter-sterne.de.Foto: Weber

    Zu den Sternen

    Sie sind Wahrzeichen der Oberlausitz und überall in der Welt zu sehen: die Herrnhuter Sterne. Die Manufaktur in Herrnhut kann man besichtigen – und dabei eine sehr erstaunliche Kleinstadt erleben. www.herrnhuter-sterne.de.Foto: Weber

Dieses Licht. Diese Ruhe. Diese Leichtigkeit. Manchmal meint es das Leben doch richtig gut mit uns. Mit Christof Falk zum Beispiel. Der freundliche Herr mit dem Zwickauer Klang in der Stimme hat seit vier Jahren einen Schlüssel zum schönsten Haus zwischen Dresden und Görlitz. Und das im wahren wie im übertragenen Sinne des Wortes „Schlüssel“. Christof Falk versteht dieses Haus am Stadtrand von Löbau, das in so vielen Ländern der Erde bewundert wird wie in Sachsen sonst nur die Dresdner Frauenkirche – und das trotzdem noch immer ein Geheimtipp ist.

Dabei musste er selbst erst einmal „googeln“, als er im Jahr 2013 gefragt wurde, ob er sich vorstellen könnte, fremden Menschen dieses Haus zu erklären, das die Löbauer schon seit seiner Entstehung Anfang der 1930er Jahre liebevoll „Nudeldampfer“ nennen, weil der Bauherr ein Nudelfabrikant namens Fritsch Schminke war. Im Internet las Christof Falk, dass der Schöpfer dieses Hauses einer der bedeutendsten Architekten des Zwanzigsten Jahrhunderts war und vor allem für den Entwurf der Philharmonie in Berlin gerühmt wird. Hans Scharoun nannte dieses Haus an der Löbauer Kirschallee das Haus, das ihm von all seinen Privathäusern das liebste war.

Heute, vier Jahre später, scheint es, als sei Christof Falk damals dabei gewesen, als der Fabrikant und sein Architekt monatelang gemeinsam an Details tüftelten. Er kennt die Geheimnisse der Bullaugen, die an Scharouns Herkunft aus Bremerhavensowie an die Sehnsucht Schminkes nach der Seefahrt erinnern, die aber auch ganz praktische Funktionen hatten. Er hat den Einfall des Lichtes im Tagesverlauf studiert, weiß, warum Gäste auf dem langen Sofa im Wohnzimmer oder auf den Schwingstühlen im Wintergarten keine kalten Füße bekamen, und leidenschaftlich erläutert er, warum die Betriebskosten trotz der einfach verglasten, riesigen Fensterfronten niedriger seien als in einem heute üblichen Durchschnittshaus.

„Ich lerne gerne“, sagt Christof Falk, der seit wenigen Monaten Rentner ist und nun eher noch mehr Zeit im Haus Schminke verbringt als zuvor. Und er grinst vergnügt, wenn er sagt, dass noch keiner der vielen Gäste seinen ursprünglichen Beruf erraten hat. Der 65-Jährige ist nicht etwa Ingenieur, sondern studierter Betriebswirt. Früher leitete er die Küche der weltweit größten Offiziersschule, die ihren Sitz in Löbau hatte und der Grund ist, warum Falk einst von Zwickau nach Löbau gezogen ist. Nudeln spielten damals eine wichtige Rolle bei der Versorgung. Aber da der Einkauf der Nahrungsmittel damals zentral organisiert war, konnte er die Soldaten der Volksarmee nicht mit den Anker-Nudeln versorgen, die noch immer neben dem – mittlerweise zum Pionierhaus umfunktionierten – Haus Schminke hergestellt wurden. „Wir mussten Nudeln aus Riesa nehmen“, sagt Christof Falk und beschreibt damit eher beiläufig, warum es mit der Löbauer „Nudelei“ nach dem Zweiten Weltkrieg mehr schlecht als recht weiterging und nach der Wende dann die Kraft für einen wirklichen Neustart fehlte. Löbau lag durch die neuen Grenzziehungen nicht mehr zwischen den Metropolen Dresden und Breslau, sondern am Rande der DDR – und Riesa war viel besser über Schienen und Straßen erreichbar.

Dass die Löbauer Fabrik vor dem Zweiten Weltkrieg ein florierendes Unternehmen und die „Anker-Nudeln“ ein äußerst beliebtes Markenprodukt waren, das lässt sich leicht an der Großzügigkeit erkennen, mit der das Ehepaar Fritz und Charlotte Schminke ihr Heim für sich und ihre vier Kinder bauen ließ. Dabei hat das Haus nichts Protziges. Es ist vor allem der Reichtum an Licht, Raum und Farben, der das Haus Schminke zu einem „Prachtbau“ macht. Heute wird es weltweit zu den vier bedeutendsten Privathäusern der Klassischen Moderne gezählt.

Wenn Christof Falk an der Kasse des begehbaren Museums sein Schildchen aus der Schublade holt, das ihn als „Gästeführer“ ausweist, ist er noch immer neugierig – auf die Menschen, die ihm gleich begegnen werden, auf die Fragen, die sie stellen; aber auch auf die Anekdoten, die sie selbst mitbringen und den großen Schatz an Wissen um weitere Fakten und Schilderungen zum Haus Schminke bereichern.

Voriges Jahr schenkte ihm ein Architekt aus China ein Buch über einen anderen Architekten aus China, der sein Lehrer gewesen war: Chen Kuen Lee. Der wiederum war einst Schüler von Hans Scharoun. Und als vorigen Sommer wieder einmal die jüngste Schminke-Tochter, Helga Zumpfe, ihr Elternhaus in Löbau besuchte, sagte sie erfreut: „Ach, der Onkel Lee! Der war auch oft hier zu Besuch.“ So erzählt es Christof Falk, und in solchen Situationen ist er besonders froh darüber, dass er seit vier Jahren in diesem Haus arbeiten darf, das noch immer eine Weltläufigkeit und Großzügigkeit verströmt, die ganz unmittelbar und erhebend auf jeden Besucher wirkt – übrigens auch auf Kinder, auf die Hans Scharoun mit vielen schönen und praktischen Details ganz besonders geachtet hat.

Dass Familie Schminke das Haus just zu Beginn der NS-Diktatur, im Juni 1933, beziehen konnte und mit seiner Buntheit, Modernität und Offenheit in so großem Kontrast zur beklemmenden Enge der Nazi-Ideologie stand, zählt zu den vielen Rätseln und Geheimnissen des Hauses. Christof Falk kennt sie fast alle – bis auf jene, die noch immer ganz geheim sind. Er hat es nie bereut, dass er sich monatelang in Bücher über Architektur und Geschichte, über Briefe und Aufzeichnungen aus dem Familienarchiv und Bauakten gebeugt hat. Nur eines betrübt ihn: dass eine reguläre Führung nur 90 Minuten dauert. „Ich könnte auch sieben Stunden erzählen“, sagt Christof Falk. Wenn er mal ganz allein im Haus ist, dann freut er sich ganz still. Und gießt die Blumen im Wintergarten.

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