Freitag, 23.11.2012

Die falsche Ärztin als Straßen-Rambo

Eine Meißnerin fährt auf der B 6 dicht auf, überholt riskant und nötigt andere zum Schnellerfahren. Ihre Ausrede ist abenteuerlich.

Von Jürgen Müller

Frauen fahren umsichtiger, vorausschauender, weniger aggressiv, sicherer als Männer. Heißt es. Kann so sein, muss aber nicht. Im Falle der 48-jährigen Angeklagten aus Meißen ist das jedenfalls nicht so. Zumindest nicht an jenem Nachmittag des 3. März dieses Jahres. In ihrem schwarzen Audi A 4 führt sich die Frau als Verkehrs-Rambo auf. Auf der Bundesstraße 6 zwischen Meißen und Keilbusch soll sie einen Fiat-Fahrer durch zu dichtes Auffahren genötigt haben. Sie ist viel zu schnell unterwegs, überholt riskant einen Mercedes, fährt bei 100 Kilometern pro Stunde nur fünf bis zehn Meter hinter dem Fiat. „Papa, das Auto hinter uns fährt aber dicht auf“, sagt die Tochter des Geschädigten, die auf dem Rücksitz des Fiat sitzt. Mehrfach habe der Audi versucht zu überholen, was aber wegen Gegenverkehrs nicht gelang, sagt der Fiat-Fahrer, der die erlaubten 100 Kilometer pro Stunde fuhr.

Doch dass sie vor dem Richter sitzt, hat die Frau nicht etwa dem Geschädigten zu verdanken, denn der hat sie nicht angezeigt. Das taten vielmehr zwei Meißner Polizisten, die mit einem Zivilfahrzeug auf Streife waren und das Drängeln beobachteten. „Der Audi fuhr viel zu schnell, hat die ganze Zeit gedrängelt und permanent versucht zu überholen“, schildert ein Polizist. Die Beamten setzen das Blaulicht auf, schalten das Signalhorn ein und nehmen die Verfolgung auf. In Keilbusch können sie den Audi stoppen. Zu ihrer großen Überraschung sitzt am Lenkrad eine Frau. Was die danach abzieht, ist filmreif. Sie droht den Beamten, das werde ein Nachspiel haben. Ob sie nicht wüssten, wen sie da angehalten hätten, fragt sie die Polizisten. Und gibt sich schließlich als Ärztin aus, die zu einem Unfall unterwegs sei. Eine glatte Lüge, wie sich später herausstellt. Selbst wenn das stimmen würde, hätte sie nicht so fahren dürfen. „Sie war aufgebracht, regelrecht hysterisch. So etwas habe ich bei einer Verkehrskontrolle noch nie erlebt. Wie eine Ärztin hat die sich nicht verhalten“, sagt ein Polizist aus. Sie habe eine „Bescheinigung“ darüber verlangt, dass sie kontrolliert und auf dem Weg zu einem Notfall aufgehalten wurde. Deshalb habe sie sich in die offene Beifahrertür des Polizeiautos gestellt und gesagt, sie gehe nicht weg, ehe sie eine solche Bescheinigung kriege. Auch habe sie noch während der Kontrolle versucht wegzufahren.

Tatsächlich ist die Frau nicht Ärztin, sondern Laborassistentin. Sie habe einen Anruf von einer Ärztin bekommen, dass sie eher zum Dienst erscheinen solle, weil es einen Notfall gebe und ein Patient eine Blutkonserve brauche, sagt sie. Eine ziemlich fragwürdige Argumentation. Wieso muss bei einem Notfall jemand extra von Meißen nach Riesa fahren, um eine Blutkonserve herauszugeben?

Nach einem Rechtsgespräch mit Staatsanwalt und Verteidiger zeigt sich Richter Michael Falk gnädig. Er stellt das Verfahren gegen eine Geldauflage von 200 Euro ein. Zuvor hatte sich die Frau bei den Polizisten entschuldigt und alles zugegeben. Zu ihren vier Punkten, die sie wegen zu schnellen Fahrens schon gesammelt hat, kommen nun keine weiteren hinzu.