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Dienstag, 20.11.2012

Die Energiewende der kleinen Leute

In Deutschland sind Energiegenossenschaften noch selten. Aber sie könnten zur Gefahr für die großen Konzerne werden.

Von Georg Ismar

Berlin. Michael Diestel ist ein Mann der Zukunft, aber er setzt auf Rezepte aus der Vergangenheit. „Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das schaffen viele“, zitiert er Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818 – 1888), der in der Not Zusammenschlüsse von Bauern organisierte, damit sie gemeinsam Gerät und Saatgut kaufen konnten.

Diestel ist Vorstand der Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Energiegenossenschaft in Bad Neustadt/Saale (Bayern). Er sieht im alten Raiffeisen-Motto „Das Geld des Dorfes dem Dorfe“ das ideale Modell für den Bau neuer Solar- und Windparks, wie er gestern beim 1. Bundeskongress der Energiegenossenschaften in Berlin sagte.

Bisher gibt es bereits rund 600 Energiegenossenschaften. Jede von ihnen erzeugte Kilowattstunde Strom ist eine weniger verkaufte für die großen Energieversorger. Gerade in ländlichen Regionen werden die Bürger dadurch zunehmend zu Selbstversorgern.

Diese Stromrebellen, die autark von den Preislaunen der Konzerne werden wollen, sind für die Konzerne eine große Gefahr. Insgesamt sind 40 Prozent der Ökostrom-Anlagen in der Hand von Privatleuten – auch vor diesem Hintergrund müssen Attacken gegen die Energiewende verstanden werden. Das finanzielle Risiko ist dank der auf 20 Jahre garantierten Vergütungen gering. Auch dank Genossenschaften ist der Ökostrom-Anteil bereits auf rund 25 Prozent geklettert.

„Das Einkommen aus der Energieproduktion fließt nicht mehr in anonyme Aktienpakete“, erklären die Initiatoren des ersten Bundeskongresses von Energiegenossenschaften. So profitierten auch Landwirte, Hausbesitzer, Handwerker und viele Privatleute von der Energiewende, indem sie sich an Windrädern und Solaranlagen beteiligen oder diese installieren.

Das Dilemma: Je mehr Menschen profitieren, desto schwieriger sind Reformen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, das haben die Blockaden der Länder bei Kürzungen der Solarförderung gezeigt. In diesen Tagen haben aber Millionen Deutsche die Quittung erhalten: Nicht nur, aber auch die Ökostrom-Förderung, die über den Strompreis zu zahlen ist, hat Hunderte Versorger zu größtenteils rekordverdächtigen Erhöhungen bei den Stromtarifen für das kommende Jahr veranlasst. Gerade untere Einkommensschichten profitieren daher derzeit eher nicht von der Energiewende, sondern werden durch sie stärker belastet. Ihnen fehlt zudem oft das Geld, um über Genossenschaften profitieren zu können.

81.000 Bürger halten nach einer Untersuchung des Genossenschafts- und Raiffeisenverbands Anteile an Solar- und Windparks oder Biogasanlagen in Deutschland. Derzeit kommen wöchentlich im Schnitt drei neue Genossenschaften hinzu. Besonders verbreitet sind sie in Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen. (dpa)