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Donnerstag, 14.07.2016

Die Eichhörnchen-Flüsterin

Einst fand Jaqueline Gräfe einen verletzten Nager im Garten. Nun hilft sie vielen Jungtieren, die aus dem Nest gefallen sind. Unser VIDEO zeigt die putzigen Findelkinder.

Von Tobias Wolf

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Pflege-Mutti Jaqueline Gräfe hat das rotbraune Eichhörnchen auf den Namen Jakob getauft. Sobald er fit ist, darf er zurück in die Natur.
Pflege-Mutti Jaqueline Gräfe hat das rotbraune Eichhörnchen auf den Namen Jakob getauft. Sobald er fit ist, darf er zurück in die Natur.

© Sven Ellger

  • Pflege-Mutti Jaqueline Gräfe hat das rotbraune Eichhörnchen auf den Namen Jakob getauft. Sobald er fit ist, darf er zurück in die Natur.
    Pflege-Mutti Jaqueline Gräfe hat das rotbraune Eichhörnchen auf den Namen Jakob getauft. Sobald er fit ist, darf er zurück in die Natur.
  • Lisa saugt die Welpenmilch aus einer kleinen Spritze.
    Lisa saugt die Welpenmilch aus einer kleinen Spritze.

Die Pfoten erinnern an Minihände. Filigran umklammern sie das Apfelstückchen. Die braunen Kulleraugen gucken links und rechts – keine Gefahr für Jakob und sein Mittagessen. Jaqueline Gräfes Hand ist der Tisch. Seit drei Wochen ist das rotbraune Eichhörnchen bei der 48-Jährigen. „Er wog mit 80 Gramm viel zu wenig, als ich ihn bekommen habe“, sagt die Dresdnerin. Jetzt hat er über 100.

Der Kleine stammt aus Seifhennersdorf in der Oberlausitz. Eine junge Frau hatte ihn gefunden und versucht, mit Milch aufzupäppeln. Dann bekam das Eichhörnchen Dauerdurchfall und landete in einer Auffangstation, die schließlich Gräfe verständigte: „Viele finden die Eichhörnchen total niedlich, wissen aber nicht, was sie wirklich brauchen und gefährden sie damit.“

Jaqueline Gräfe ist inzwischen Expertin, hat ihre eigene kleine Station im Stadtteil Leuben. Seit einem Jahr arbeitet sie für den Eichhörnchennotruf, ein Verein mit über 100 Mitgliedern, der sich um aus dem Nest gefallene und kranke Tiere kümmert.

Das Apfelstück ist verspeist. Jakob gluckst vergnügt. Nun ist Gräfes Körper dran. Blitzschnell rennt Jakob an Jeans und Bluse hoch, um kurz darauf wieder kopfüber abwärts zu rasen – fast wie an einem Baum. Derweil buhlt Lisa um Aufmerksamkeit, schart in der Voliere. Sie hat ein dunkelbraunes Fell und ist das jüngste von derzeit sieben Eichhörnchen in Gräfes Obhut. Lisa wurde unter einem Baum in Berlin gefunden. Sie war aus dem Kobel gefallen, wie das Hörnchennest heißt. Weil die örtliche Notstation ausgelastet war, landete Lisa schließlich in Dresden.

Gräfe fürchtet, dass viele Menschen gerade die dunklen Eichhörnchen mit unerwünschten Eindringlingen verwechseln, die hiesige Arten verdrängen können. Aus Amerika eingeschleppte Streifenhörnchen machen zwar Großbritannien, Irland und Italien unsicher. In Deutschland gibt es sie aber nicht, sagt Gräfe. Die Farbe der Tiere hänge stark von Nahrung, Lebensraum und klimatischen Bedingungen ab. Im Erzgebirge seien sie dunkelbraun, in der Region Leipzig eher hellrot.

Fast immer sind es Junge, die aus dem Nest fallen oder Menschen nachlaufen, wenn die Mutter weg ist. Das Wichtigste sei, die Kleinen zu wärmen. Medikamente können nicht immer helfen. Bei Lisa sieht es gut aus. In seltenen Fällen kommen auch Unfallopfer zu den Nothelfern. Eines hatte mal eine Gehirnerschütterung und brauchte vor allem Ruhe und Dunkelheit. Stattdessen ließen die Finder das Tier durch die Wohnung hüpfen.

Solche, wenngleich unbeabsichtigten Fehler, sind Gräfes Antrieb. Finder sollen wissen, wo sie die Tiere abgeben können. Ihr erstes Hörnchen-Erlebnis hatte die Mutter von zwei Söhnen 2015. Ein Junges lag in ihrem Garten. Sie verständigte die Greifvogelhilfe Weinböhla, die eine Artenschutzstation betreibt. „Man sagte mir, in Dresden gibt es gerade keinen, der sich um Eichhörnchen kümmert“, erinnert sich Gräfe wie auch an ihre spontane Aussage: „Ich kann ihn schon päppeln.“ Dem geschwächten Kleinen im Garten war nicht mehr zu helfen. Doch schon am nächsten Tag kommt ein Anruf: Eichhörnchen in Striesen gefunden. Es wird Gräfes erster Pflegefall. Bis zu 20 Tiere betreut sie nun zwischen März und September – der Zeit fürs Kinderkriegen bei den Nagern.

Jakob schläft inzwischen auf einem Stück Stoff, das als Nestersatz in der Voliere hängt, während Lisa auf Küchenpapier sitzt. Gierig saugt sie aus einer Spritze die Milch, ein paar Tropfen landen im Fell. Mit der rechten Pfote hält sie die weiche Spitze fest, die linke streicht darüber, so wie bei der Mutter am Gesäuge. Normale Milch vertragen die Tiere nicht, nur die von Hund oder Katze. Kostenpunkt: 15 Euro für ein Kilo. „Es sollte Spezialmilch sein, die zur Aufzucht von Hundewelpen verwendet wird“, erklärt Gräfe. Solange sie noch Milch brauchen, sind die Hörnchen zutraulich. Gräfe hat die Tiere studiert, um nichts falsch zu machen. Die Ehrenamtlichen bilden sich gegenseitig aus. Das Thema dominiert Gräfes Alltag. „Anfangs müssen sie alle zwei Stunden gefüttert werden, da schlafe ich immer zwischendurch ein bisschen.“ Über 1 000 Euro gibt sie im Jahr für Essen, Medikamente, Arztbesuche oder Fahrten aus, wenn sie Tiere holt.

So wie die Großenhainer. Fünf Junge, die auf einem Balkon zur Welt gekommen sind und plötzlich ohne Mutter waren. Ein Paar kümmerte sich um sie, bis eins eine Penisentzündung bekam. Gibt es keine Milch, sei es üblich, dass sich die Hörnchen gegenseitig an den Geschlechtsteilen saugen, die Ähnlichkeit zu den Drüsen der Mutter ist wohl zu groß. Mutzel, wie der Kleine heißt, ist auf dem Weg der Besserung, lebt separiert in einer anderen Voliere, bis die Geschwister wieder zusammen sein können. Dann werden sie ausgewildert, kein Hörnchen bleibt bei Gräfe. Sind sie so weit, geht es in den Garten.

Dort hat Gräfe eine 15 Quadratmeter große Voliere gebaut, in der sich die Kleinen an die Natur gewöhnen können, bevor sie ausgewildert werden. „Manche kommen zum ‚Hallosagen‘ danach noch vorbei“, sagt Gräfe und streicht Mutzel über den Rücken. „Ich konnte bei so einer Gelegenheit auch mal nachbehandeln.“ In zwei Wochen werden die sieben Jungtiere in den Garten umziehen. Für Gräfe ist es Berufung, den Nagern zu helfen. „Wir nehmen der Natur so viel, da können wir auch mal ein Stück zurückgeben.“

Mehr Infos für Eichhörnchen-Finder auf Facebook unter dem Stichwort „Hörnchenhausen-Auffangstation“ sowie unter www.eichhoernchen-notruf.com

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. Thomas Schulze

    Die Eichhörnchen sind ja wirklich allerliebst. 1000 € gibt Frau Gräfe für die Aufzucht und Rettung der niedlichen Tierchen aus. Wieder so eine durchgeknallte Tierschützerin. Seid ich weiß das diese niedlichen Tierchen unsere Nistkästen mit jungen Singvögeln plündern kann ich darüber nur den Kopf schütteln. Diese Viecher sind genau so putzig wie Waschbären und genauso schädlich. Wann begreifen diese selbsternannten Tierschützer endlich sich nicht in die Natur einzumischen. Schließlich nehme ich mir daran auch kein Beispiel und knalle die Eichhörnchen auf meinem Grundstück ab.

  2. Klaus Hartmann

    Eine tolle, selbstlose Arbeit! :-) Das machen Sie genau richtig - und ignorieren Sie solche Kommentare wie die des kleinen Thomas'. Solche Äußerungen geben doch nur Aufschluss über eines: Wie klein der Horizont solcher Leute ist. Und wenn man im echten Leben nichts zu melden hat, dann lässt man sich im Internet zu solchen Aussagen hinreißen. Das muss man - mitleidig - akzeptieren. Daher noch mal: DANKE, dass Sie aktiv etwas tun, währenddessen die meisten anderen nur eine Meinung, oder eine Wertung für das Handeln von Menschen übrig haben - selber aber nichts wertvolles tun. DANKE! Und machen Sie weiter so! :-)

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