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Donnerstag, 10.12.2015

Die Bürger rüsten auf

Immer mehr Einwohner im Landkreis Bautzen setzen auf Schreckschusspistolen und Pfefferspray. Ist das nötig?

Von Jana Ulbrich

Täuschend echt: Die Nachfrage nach Schreckschusspistolen, Pfefferspray und anderen frei verkäuflichen Waffen ist im Kreis Bautzen stark gestiegen. Wer sie mit sich herumträgt, braucht dafür eine Erlaubnis, den sogenannten „kleinen Waffenschein“. Die Polizei sieht den Trend zur Bewaffnung allerdings mit Sorge.
Täuschend echt: Die Nachfrage nach Schreckschusspistolen, Pfefferspray und anderen frei verkäuflichen Waffen ist im Kreis Bautzen stark gestiegen. Wer sie mit sich herumträgt, braucht dafür eine Erlaubnis, den sogenannten „kleinen Waffenschein“. Die Polizei sieht den Trend zur Bewaffnung allerdings mit Sorge.

© dpa

Landkreis. Pfefferspray ist gerade ausgegangen in dem Fachgeschäft für Angelbedarf. Der Inhaber hat aber schon Nachschub geordert und auch gleich noch Tränengas-Spray dazubestellt. Und ein KO-Spray in Lippenstift-Größe: „Hochwirksam!“, verspricht er seinen Kunden. Vor einem anderen Geschäft steht ein Aufsteller: „Reizgas wieder eingetroffen“. Hersteller sollen ja schon Lieferschwierigkeiten haben.

Die Einwohner im Landkreis Bautzen rüsten auf: Sie bewaffnen sich mit Abwehrspray, mit Schreckschuss-Pistolen, mit Schlagstöcken und allem, was sonst noch so frei verkäuflich ist. Schneidwerkzeugmechaniker Roland Richter, der in seinem Schleiferei-Geschäft in Bischofswerda auch solche Dinge im Angebot hat, bestätigt das. Die Nachfrage hat sich bei ihm im Oktober und November mehr als verdoppelt, sagt er. Zwischenzeitlich war einiges sogar ausverkauft.

Ob die gestiegene Nachfrage mit der Angst vor den vielen Asylbewerbern in der Kleinstadt zusammenhängt? Der Händler will sich da lieber nicht äußern. Niemand will das in diesem Zusammenhang. Aber der Gedanke liegt nahe. Die Polizeigewerkschaft GdP sieht den Trend zur Selbstbewaffnung mit Sorge. Das sei der falsche Weg, um sich und sein Eigentum zu schützen, sagt GdP-Landesvorsitzender Hagen Huske. Er fordert stattdessen mehr Polizeipräsenz.

Die Nachfrage nach frei verkäuflichen Waffen im Kreis Bautzen war noch nie so hoch wie in diesem Jahr, bestätigt René Burk, der Ordnungsamtsleiter im Landratsamt. Er kann das an den Anträgen auf einen sogenannten „kleinen Waffenschein“ messen. Den Schein braucht jeder, der Schreckschusspistolen und Co. mit sich herumtragen will. Auch für die meisten Sorten von Abwehrsprays braucht man diese Genehmigung. „Man darf solche Sachen zwar erlaubnisfrei kaufen, sie aber nicht erlaubnisfrei mit in die Öffentlichkeit nehmen“, erklärt der Ordnungsamtsleiter.

Umfangreiche Prüfung

Dieses Jahr hat seine Behörde bereits 94 kleine Waffenscheine neu ausgestellt, weitere 50 Anträge liegen noch zur Bearbeitung vor. Im Vergleich zu den Vorjahren ist das fast das Dreifache. Dafür scheuen die Antragsteller auch weder Kosten noch Mühe. Ein kleiner Waffenschein kostet derzeit 75 Euro Bearbeitungsgebühr, aller drei Jahre muss die notwendige Zuverlässigkeitsprüfung wiederholt werden.

Die Prüfung ist umfangreich: Der Antragsteller darf nicht vorbestraft sein, nicht beim Fahren unter Alkohol erwischt werden, keine Verbindungen ins rechte Milieu haben und keinen Kontakt mit Drogen. Die Mitarbeiter von Ordnungsamt erkundigen sich im Bundeszentralregister, bei Staatsanwaltschaft, Meldebehörde, Polizei und wenn nötig auch beim Verfassungsschutz. Viel Aufwand für eine Schreckschusspistole in der Handtasche, noch dazu angesichts der Tatsache, dass das Benutzen all dieser Sprays und Waffen ausschließlich zur Abwehr von Tieren erlaubt ist. Ist der Besitz also überhaupt sinnvoll und notwendig?

Nein, heißt es eindeutig von der Polizei. „Aus unserer Sicht besteht für die Bürger keinerlei Grund, sich im Alltag mit solchen Gerätschaften auszurüsten“, erklärt der Sprecher der Görlitzer Polizeidirektion, Thomas Knaup. Er warnt sogar eindringlich davor. Denn wer sich mit solchen täuschend echt aussehenden Pistolen bewaffnet, bringt sich auch selbst in Gefahr.

Gefährliche Situationen

Wenn jemand so eine Waffe auf jemand anderen richtet, kann die Situation auch sehr schnell außer Kontrolle geraten. „Jeder Polizeibeamte beispielsweise wird in einer solchen Situation davon ausgehen müssen, dass es sich um eine scharfe und geladene Schusswaffe handeln könnte und somit akute Gefahr für Leib und Leben besteht“, erklärt Thomas Knaup. Er könnte mit dem Einsatz seiner Dienstwaffe reagieren. Und das könnte für denjenigen durchaus tödlich enden.

Ordnungsamtsleiter René Burk stellt zudem die Frage, wie sicher jemand so eine Waffe überhaupt beherrscht und unter Kontrolle hat, gerade in der Situation, in der er sie anwendet. „Ein Mensch kann damit erheblich verletzt werden“, sagt er, „und man kann sich auch selbst erheblich verletzen“.Auf ein Wort