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Mittwoch, 10.07.2002

Die Bettelstudenten

Von Stefan Schirmer

Vielleicht denken seine Nachbarn, dass er unter Schlafstörungen leidet. Vielleicht halten sie Lennart Reuther auch für ein bisschen bekloppt, wenn sie ihn mal wieder gegen ein Uhr morgens aus dem Haus rennen sehen. Lennart joggt regelmäßig, notfalls auch noch nach Mitternacht. Vorher klebt der 21-jährige Medieninformatik-Student vor seinem Computer. Mit seinem Kumpel Sebastian Gurtner, 22, rackert er seit Monaten, oft bis frühmorgens, für ein Ziel: Die beiden wollen ihre eigenen Chefs werden.

Es begann abends bei zwei Flaschen Wein. Sebastian wollte mit Freunden noch ausgehen. Nur: wohin? Es müsste Kameras geben, dachten sie, die unentschlossenen Nachtschwärmern übers Internet zeigen, was in Kneipen, Bars und Diskos der Umgebung gerade los ist. Aus der fixen Idee wurde ein Konzept: „Live-Ereignisübertragung aus Freizeiteinrichtungen“. Ein Projekt der Technischen Universität zur Förderung von Existenzgründern, „Dresden exists“, griff den Viertsemestern unter die Arme. Es vermittelte ihnen Kontakte und Tipps, wie sie Geschäftsideen entwickeln, vermarkten und finanzieren können.

Der Sieg beim Tüftlerwettbewerb

Zwei seiner Freunde, erzählt Verkehrswirtschafts-Student Sebastian, haben schon zu Schulzeiten eine Firma aufgemacht. Sie entwickelten Software, die in Sonnenstudios die Kabinenbelegung steuert. Lennart begann schon mit 17 in Thum im Erzgebirge, Internetseiten zu basteln, etwa für einen Bekannten, der ein Geschäft mit Räuchermännchen und anderen Souvenirs betreibt. Es muss doch möglich sein, sich selbstständig zu machen, meinten beide. Ihr Optimismus wurde weiter beflügelt, als ihre Geschäftsidee „Clubspot“ bei einem Tüftlerwettbewerb von „Dresden exist“ prämiert wurde.

Es war nicht die einzige Auszeichnung. Beim Ideenwettbewerb um den neuen Mobilfunkstandard UMTS, 2001 veranstaltet vom Netzbetreiber D2-Vodafone und Sachsens Wirtschaftsministerium, schlugen sie 70 Mitbewerber aus dem Rennen. Ihre Vision für Besitzer von Hochgeschwindigkeitshandys: Während sie noch in der Straßenbahn in Richtung Szeneviertel Neustadt sitzen, könnten sich Dresdner Nachtschwärmer schon mal am Display einen Überblick verschaffen: Vor welchem Club sind lange Warteschlangen, was ist drinnen los? Sind in einer bestimmten Kneipe Plätze frei? Wirte, bei denen gerade Flaute ist, könnten auch spontan eine „Happy Hour“ ausrufen.

Sicher keine Erfindung, auf die die Welt gewartet hat. Indes ist es ein Beispiel für Unternehmergeist – und wie schwer es zwei blutjunge Existenzgründer trotz ausgeprägten Kampfeswillens haben, an Kapital zu kommen; zumal in diesen Zeiten der Wirtschaftsflaute. Sie seien heiß gemacht und kalt abserviert worden, klagt Sebastian Gurtner. „Wir bekamen Preise. Viele Gastronomen meinten: Tolle Idee.“ Er verzieht das Gesicht. „Bei Banken und Risikokapital-Gesellschaften hieß es immer: Gute Idee, doch wir können es jetzt noch nicht finanzieren.“ Geschätzte 25 000 Euro bräuchten sie, um wirklich loszulegen.

Idee und Konzept seien wirklich nicht schlecht, sagt der Berliner Mitarbeiter einer Risikokapital-Gesellschaft, dem die Studenten ihr Projekt präsentiert haben. Er und sein Unternehmen wollen nicht namentlich zitiert werden („wir nennen nie offiziell Gründe für Absagen“). Um an Geld zu kommen, sagt er, fehle den Studenten unbedingt ein erfahrenes Management im Hintergrund. Auf dem Zenit der Börsen- und Internet-Euphorie um die „New Economy“ vor zwei, drei Jahren war das anders. Jugendlichkeit und alles, was irgendwie mit „www“ zu tun hat, galten damals als Erfolgsgaranten. Weil sich viele Geldgeber damit blutige Nasen holten, ist die Risikobereitschaft rapide gesunken. Nach Auskunft ihres Bundesverbands BVK haben deutsche Kapitalbeteiligungs-Gesellschaften 2001 für 1,9 Milliarden Euro Beteiligungen verkauft – und sich dabei 674 Millionen Euro Verluste eingehandelt. Das macht sie zurückhaltender.

Der potenzielle Geldgeber in Berlin hat auch Zweifel, ob „Clubspot“ genug Einnahmen brächte. Geplant ist, dass Gastronomen für die Kameras zahlen und Nutzer eine monatliche Gebühr von knapp einem Euro entrichten. Schließlich lässt der Mann durchblicken, dass ihn eigentlich nur Projekte ab 150 000 Euro interessieren. Anders gesagt: Wenn die Studenten mehr Kapital wollten, hätten sie es vielleicht leichter.

Den eigenen Sparstrumpf geplündert

Sebastian und Lennart kämpfen weiter für ihre Geschäftsidee. Als Einsatzzentrale dient ein kleines, karg möbliertes WG-Zimmer, vier mal vier Meter, in der Dresdner Neustadt. An der Tür hängt ein Schild „Vorsicht, Schusswaffen-Gebrauch“ – ein Relikt aus gemeinsamen Wehrdienstzeiten. Schräg unter einem Hochbett sitzt Lennart auf einem einsturzgefährdeten Drehstuhl vor seinem Computer und bastelt an Datenbanken und dem Internet-Auftritt von „Clubspot“. Er wirkt etwas müde, in der Nacht zuvor hat er noch gegen drei Uhr früh mit Sebastian konferiert. Sie teilen sich die Arbeit: Programmier-Freak Lennart hält die Technik am Laufen, Sebastian betreut Finanzen und Marketing, beide schwänzen dafür öfter mal die Uni.

„Manchmal muss ich sie regelrecht bremsen“, sagt der Internet-Unternehmer Jörg Holzmüller, der beide als Mentor betreut. Er lobt, dass sie sehr ernsthaft bei der Sache bleiben. „Das ist in der sehr liberalen Turnschuh-Generation nicht sehr beliebt.“ Ein Anwalt, den die zwei um juristischen Rat gebeten haben, klingelt gerade durch. Er sagt, er sehe keine großen Datenschutz-Probleme wegen der Kameras. Zwei Vorführ-Exemplare, jedes etwa 500 Euro teuer, haben die Studenten bisher gekauft. Sie haben Geld für Marktstudien ausgegeben oder für Fahrten, um sich bei Gastronomen vorzustellen. Ein paar Tausend Euro stecken schon in ihrem Projekt. Sauer verdientes Geld: Für sieben Euro die Stunde jobbt Sebastian als Büro-Hilfsarbeiter; Lennart hat sein Erspartes angekratzt, zuletzt für 300 Euro Aktien verkauft – obwohl der Kurs wirklich mies war.

Sie wollen rund ums Nachtleben ein Geschäft aufziehen – deshalb haben sie seit Monaten kein Geld übrig, um selber mal auszugehen. „Mein Vater ist arbeitslos. Da kann ich nicht sagen: Papa, ich hab ’ne coole Idee, gib mir mal Geld.“ Es wäre nötig, um Internet-Kameras anzuschaffen, für mehr Marktforschung und Anwaltskosten. „Die Banken geben uns erst Geld, wenn wir gezeigt haben, dass unsere Idee funktioniert“, sagt Sebastian. „Aber ohne Geld kommen wir doch gar nicht erst so weit.“ Die Zeit drängt. Jeder kann ihre Geschäftsidee kopieren, sie ist nicht schützbar. „Wir sind von der Idee so überzeugt, dass wir weitermachen“, sagt Sebastian. „Auch wenn wir betteln gehen müssen.“ Er meint es ernst.

„Wir brauchen einen Euro von Ihnen“

Lennart hat eine Internetseite gebastelt. Auf einem Bild lächeln die beiden, und neben Erläuterungen ihres Projekts steht da: „Wir brauchen einen Euro von Ihnen.“ Sie haben viele E-Mails verschickt und Leute beschwatzt („Wir wollen ja auch Arbeitsplätze schaffen“). „Bettelaktion – das klingt ziemlich schlimm“, sagt Lennarts Mitbewohner Martin, selbst Wirtschaftsstudent, „aber sie brauchen nun mal das Geld.“ Bei allem Verständnis hört man durch, dass er die Aktion kurios findet.

Ein Bekannter der beiden hat sich mal bei den Schnorrern am Berliner Bahnhof Zoo erkundigt. Mehr als 200 Euro erbettelt man da an guten Tagen. Die Dresdner Bettelstudenten spornt das an. Bei ihnen sind schon erste Spenden eingegangen, jeweils über fünf oder zehn Euro.

Es ist noch ein langer Weg. Die erste Kamera haben sie soeben verkauft: an den Betreiber einer Wasserski-Anlage in Rossau. Was da los ist und welches Wetter dort gerade herrscht, sollen Kunden künftig im Internet sehen können, berichtet Sebastian erfreut. Er grinst. „In BWL lernen wir ständig, dass für Existenzgründer genug Geld auf dem Markt ist“, sagt er. „Von Betteln war nicht die Rede. Ich muss mal meine Professoren aufklären.“

  • www.clubspot.de/spende/