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Die Autohersteller zu unkritisch betrachtet?

Ich empfinde die Behandlung von Auto- und Verkehrsthemen als tendenziös. Bei den Autotests war immer ein Fahrzeug aus dem VW-Konzern Sieger. Bei den Edelmarken lautet die Reihenfolge stets Mercedes vor BMW und Audi. Und bei neuen Modellen stand immer ein „durchzugsstarker, verbrauchsarmer Diesel“ im Mittelpunkt. MfG Jürgen Hofmann

06.09.2017

Sehr geehrter Herr Hofmann,

die Krise der Autoindustrie mit ihrer gewaltigen potenziellen Sprengkraft wird jetzt hoffentlich alle Beteiligten zum Nach- und Umdenken zwingen. Die Industrie natürlich zuerst, aber auch die Politik, die Umweltverbände. Und auch die Medien sollten prüfen, wie sie mit den Auto- und Verkehrsthemen umgegangen sind. Denn klar ist doch: Dass erst die Diesel-Tricksereien und nun die jahrzehntelangen Kungelrunden so spät aufgedeckt wurden, ist kein Ruhmesblatt für den Journalismus.

Aber es gibt noch mehr Anlass für kritische Fragen: Sind die Medien mit der für Deutschland so wichtigen Autoindustrie vielleicht weniger kritisch umgegangen als mit anderen Industriezweigen? Haben sich Journalisten vom vielen Chrom und den meist sehr professionellen PR-Strategen der Firmen allzu leicht blenden lassen? Lassen sich die unerfahrerene Autotester doch vom luxuriösen Ambiente beeindrucken, das ihnen bei der Vorstellung neuer Modelle - aller Hersteller weltweit - geboten wird? Die Sächsische Zeitung kooperiert deshalb bei den Testberichten im Wochenend-Magazin mit einer professionellen Automobil-Redaktion.

Ja, Herr Hofmann, es gibt gute Gründe für kritische Fragen. Allerdings müssen wir nun nicht gleich jeden Autotest infrage stellen. Die deutsche Autoindustrie gehört auch weiterhin zu den leistungsstärksten weltweit, gerade in der Luxusklasse. Dass der VW-Konzern mit seinen zahlreichen starken Marken oft den Sieger stellt, ist auch kein Wunder. Aber sicher ist es richtig, dass die lange Zeit zu unkritische Betrachtung der Dieselmotoren schlicht auf falschen Informationen der Hersteller beruhte. Eine Lehre für alle Autotester, die ihren Beruf ernst nehmen, in Zukunft viel genauer hinzusehen, wie es wirklich um die Abgaswerte bestellt ist und sich nicht mehr so leicht täuschen zu lassen. Praxistests sollten nach den jüngsten Erfahrungen auf den Autoseiten der Zeitungen mindestens genauso wichtig werden wie die Vorstellung der neuen Modelle. Denn spätestens da sollte jede Schummelei auffliegen.

Ihr Olaf Kittel

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